Kleine Schaubude pflegt Jahrmarkt-Attraktionen der Vergangenheit

Wolfhager Viehmarkt: Kopflose Frau lässt Besucher rätseln

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Unerklärlich: Die Frau ohne Kopf bereitet dem Publikum Kopfzerbrechen.

Das Paar fällt auf, auch jenseits des Rummelplatzes: Julia Vilianen und Dominik Schmitz sind vorzugsweise in schwarzem Tuch unterwegs, feine Garderobe aus den 1920er-Jahren.

Er, der 38-jährige Direktor des Varieté- und Showunternehmens Paradox Sideshows, trägt dazu noch stilecht Gamaschen und einen Gehstock mit Silberknauf. Wenn die beiden, die zum ersten Mal beim Wolfhager Viehmarkt mit ihrem Programm vertreten sind, über den Festplatz Liemecke flanieren, sind ihnen die Blicke auch der anderen Schausteller sicher.

Seit Donnerstag allerdings, ist fürs Flanieren nur noch wenig Zeit, von vormittags bis in den späten Abend haben die beiden zusammen mit einer weiteren Dame in ihrer historischen Schaubude zu tun. Dort gibt es für drei Euro, beziehungsweise 2,50 Euro für Kinder, ein besonderes Kuriositätenkabinett, eine Freakshow nach klassischem Vorbild zu bestaunen. Da gibt es das Mädchen ohne Kopf zu bewundern, eine unerklärliche Kuriosität mit viel Licht und wahnwitzigen medizinischen Apparaturen, Madame Afrana wird die Gedanken der Besucher lesen, und schließlich wird auch die Dame ohne Unterleib zu sehen sein.

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Mit dem klassischen „höher, schneller, weiter“ der rasanten Großfahrgeschäfte hat die Sideshow nichts zu tun. Die Illusionen, die hier im Mittelpunkt stehen, die skurrilen Figuren, die in der hölzernen Schaubude zu bewundern sind, sorgen ohne Lautstärke, ohne technisches Gewitter für eine besondere Art der Unterhaltung, die schon ausgestorben schien.

Nostalgie: Dominik Schmitz hat vor 16 Jahren die aus den 20er-Jahren stammende Schaubude übernommen. Julia Vilianen stammt aus Sankt Petersburg und ist seit zwei Jahren dabei. Wie Schmitz hat auch die 33-Jährige für die Shows, die für die ganze Familie geeignet sind, ihr bürgerliches Leben aufgegeben. Zuvor studierte sie und arbeitete als Bibliothekarin.

Dominik Schmitz hatte in seiner Heimat zwischen Köln und Aachen schon früh Kontakt zu den beiden Schaubuden-Prinzipalen Benno Miller und Walter Franke. Die waren über Jahrzehnte mit ihrem Kuriositäten-Theater auf den namhaften Jahrmärkten im In- und Ausland unterwegs und pflegten die Art von Varieté und Kuriositäten-Show, wie es sie über viele Jahrzehnte vor allem bis in die 1960er-Jahre gab. Da konnte man neben anderem die Frau mit den zwei Köpfen sehen, die Meerjungfrau im Goldfischglas, der sprechende Kopf und die Frau im Stromnetz. All diese Nummern hat Schmitz von seinen legendären Vorgängern und guten Bekannten übernommen, als er vor 16 Jahren mit 22 Jahren deren Fahrgeschäft übernahm. Eine Schausteller-Vita hatte Schmitz da ganz und gar nicht, aber ein Interesse für Zauberei und Illusion. Und das war s o groß, dass Schmitz sein Geschichtsstudium an den Nagel hing und neuer Eigentümer der alten Schaubude wurde. Das Zelt ist gut 90 Jahre alt, die Tricks, die das Publikum seit Jahrzehnten vergeblich zu durchschauen sucht, nahezu gleich alt.

Während die Künstler, in Wolfhagen ist man zu dritt, stilecht für ein klassisches Nostalgiegeschäft in einem großen Holzwohnwagen leben, sind die Hilfsmittel dann mitunter doch auch aus der Gegenwart: der kräftige Lastwagen mit moderner Badekabine beispielsweise, der den Wohnwagen und den Anhänger für die Schaubühne zehn Monate im Jahr zu Jahrmärkten und Festivals transportiert. Zwei Monate im Jahr haben Schmitz und Co. im Jahr Pause, ehe man mit den Sideshows wieder auf Achse ist. Wenn es in Wolfhagen gut läuft, gastiert man im nächsten Jahr vielleicht erneut auf der Liemecke.

Übrigens: Hinter das Geheimnis der kopflosen Frau ist die Redaktion nicht gekommen. Wir sind gespannt, wie es den Besuchern ergeht.

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