Grund sind alternde Gesellschaft und Einsamkeit 

Zahl der Hausnotrufe in Stadt und Landkreis Kassel ist dramatisch gestiegen

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Kleiner Lebensretter: Der Hausnotruf schützt rund um die Uhr Menschen, die in ihren eigenen vier Wänden allein leben

Kreis Kassel. Die Zahl der Hausnotrufe in Nordhessen ist massiv gestiegen. Viel ältere Menschen nutzen den Notruf, weil sie einsam sind.

Bei der Zentrale des Roten Kreuzes Kassel-Wolfhagen (DRK), die das erweiterte Gebiet über ihren Geschäftskundenbereich hinaus betreut, verdoppelte sich fast die Zahl der eingehenden Meldungen von 370 000 im Jahr 2015 auf rund 720 000 im Jahr 2017. Diese Zahlen nennt DRK-Geschäftsführer Holger Gerhold-Toepsch.

Mit dem Hausnotruf erhalten vorwiegend Senioren und Menschen mit Behinderungen, die in den eigenen vier Wänden wohnen, Hilfe auf Knopfdruck. Auch bei den eigenen Geschäftskunden des DRK aus der Stadt sowie den Altkreisen Kassel und Wolfhagen gibt es laut Gerhold-Toepsch deutliche Steigerungen. So erhöhte sich beispielsweise die Zahl der Einsätze des Rettungsdienstes von 880 im Jahr 2016 auf 1370 im Jahr 2017.

1258 Mal rückte der Bereitschaftsdienst des DRK 2016 aus, im Jahr 2017 leisteten die Helfer 1650 Mal Unterstützung jeglicher Art. Die Zahl der Hausnotrufanschlüsse erhöhte sich von 2011 im Jahr 2016 auf 2171 im Jahr 2017. Als Gründe für die Steigerungen nennt der DRK-Geschäftsführer den demografischen Wandel.

Hinter vielen Meldungen verberge sich aber auch die Suche nach sozialem Kontakt. Gerade ältere, alleinlebende Menschen seien oft einsam. Der Wunsch, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, ist groß, bestätigt Uwe Stegmann vom ASB Regionalverband Kassel. Auch bei diesem Anbieter gibt es eine hohe und steigende Nachfrage nach Hausnotrufsystemen. „Da die Menschen auch im Alter fitter sind und draußen unterwegs, werden mobile Systeme immer beliebter“, so Stegmann.

Mittlerweile wird der Hausnotruf auch als Rauchmelder und Einbruchschutz eingesetzt und schlägt bei einem Sturz Alarm. Selbst Menschen mit Demenz können durch die technischen Möglichkeiten der Systeme im eigenen Wohnumfeld bleiben. 

Knopf wird am Körper getragen

Hausnotruf: Der Sender kann am Arm getragen werden. 

Der DRK-Kreisverband Kassel-Wolfhagen und der ASB Regionalverband Kassel-Nordhessen sowie andere Hilfsorganisationen bieten den Hausnotruf als Komplettpaket an, das den Dienst in der Zentrale und die Technik beinhaltet. Über einen Knopf, der am Körper getragen wird, kann per Knopfdruck eine direkte Sprechverbindung zur Hausnotrufzentrale hergestellt werden. Die geschulten Mitarbeiter können alle nötigen Angaben einsehen und Sprachkontakt aufnehmen. Je nach Situation leisten die Anbieter bedarfsgerechte Hilfe, indem sie Angehörige, Nachbarn, den Bereitschaftsdienst, den Hausarzt, Pflegedienst oder Rettungsdienst verständigen.

Viele Anrufe aus Einsamkeit

Immer erreichbar: Die Mitarbeiter in der Hausnotrufzentrale in Kassel. 

Es gibt einen Tag im Jahr, da laufen die Telefone der Mitarbeiter in der Hausnotrufzentrale in Kassel heiß: „An Heiligabend sitzen wir hier in Vollbesetzung“, erklärt DRK-Geschäftsführer Holger Gerhold-Toepsch. Ein weiterer Grund für die Zunahme der Meldungen über den Hausnotruf sei nämlich die Einsamkeit vieler alleinlebender Senioren. Die Menschen sehnten sich nach sozialen Kontakten. Manche äußerten das ganz offen, andere seien „versehentlich auf den Knopf gekommen“. 

„Die Mitarbeiter in der Zentrale nehmen sich die Zeit auch gerne“, so der DRK-Geschäftsführer. Durch die Arbeit der Mitarbeiter im Bereitschaftsdienst könne man manchen unnötigen Rettungsdiensteinsatz verhindern, meint Gerhold-Toepsch. Die Zentrale sei die Schnittstelle zwischen den Hausnotrufteilnehmern und den Helfern. Diese entscheiden aufgrund der Schilderungen des Anrufers, was zu tun ist. Das reicht von der Verständigung der Bezugspersonen bis zur Alarmierung des Rettungsdienstes. 

Uwe Stegmann vom ASB Regionalverband Kassel nennt ein Beispiel: Eine Seniorin ist beim Weg von der Küche ins Wohnzimmer über die Kante eines Teppichs gestolpert, gestürzt und kann nicht mehr ohne Hilfe aufstehen und auch das Telefon nicht erreichen. Ihr Arm schmerzt. Über den Funkfinger des Hausnotrufgeräts löst sie den Alarm aus, der von der ASB-Zentrale empfangen wird. Über das Hausnotrufgerät sprechen die Mitarbeiter mit der Frau. Nach kurzer Schilderung des Vorfalls und einem Blick auf mögliche gemeldete Vorerkrankungen wird sofort Hilfe organisiert. Das kann die Benachrichtigung von Nachbarn oder Angehörigen sein oder eine Information des Pflegedienstes beziehungsweise des ärztlichen Bereitschaftsdienstes oder des Rettungsdienstes. Die Seniorin bekommt sofort eine Rückmeldung, wie ihr geholfen wird. Verständigt werden auch Vertrauens-Personen, die bei der Installation des Hausnotrufes genannt wurden. Das können Nachbarn, Angehörige, der Pflegedienst oder der Hausarzt sein.

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