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Wolfhager Schüler lasen aus Zeitzeugenberichten über Pogrome

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Von: Antje Thon

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Lasen aus Zeitzeugenberichten vor: Die Schüler der Oberstufe der Walter-Lübcke-Schule Felix Wagner (von links), Marleen Harseim und Erik Jungermann, im Hintergrund das Haus, in dem Otto Bernstein mit 200 weiteren Menschen im Ghetto lebte.
Lasen aus Zeitzeugenberichten vor: Die Schüler der Oberstufe der Walter-Lübcke-Schule Felix Wagner (von links), Marleen Harseim und Erik Jungermann, im Hintergrund das Haus, in dem Otto Bernstein mit 200 weiteren Menschen im Ghetto lebte. © Antje Thon

Otto Bernstein: „Der Hunger war allgegenwärtig.“ - Auch in Wolfhagen wurde der Opfer des Nationalsozialismus und der Novemberpogrome gedacht.

Wolfhagen – Die Schilderungen von Otto Bernstein, der das Ghetto in Theresienstadt überlebte, gingen unter die Haut. Der Jude mit familiären Wurzeln in Warburg und Wolfhagen hatte aufgeschrieben, was er nach seiner Deportation im September 1942 in Theresienstadt erlebt hat. Der Volkmarser Ernst Klein hat Bernsteins Texte zu einem Buch verarbeitet, das 2021 erschienen ist und aus dem mehrere Personen am Mittwochabend vorlasen.

Etwa 70 Besucher waren zu der Veranstaltung in den Kulturladen gekommen, bei der der Millionen Opfer gedacht wurde, in deren Leid die Novemberpogrome in vielen Städten ein trauriger Höhepunkt war. Dem Transport, mit dem Otto Bernstein von Kassel aus nach Theresienstadt im heutigen Tschechien verfrachtet wurde, gehörten zahlreiche Juden aus der Region an, einer von ihnen war der damals 80-jährige Moses Block aus Wolfhagen. Anders als Bernstein ging es für Block weiter nach Treblinka in Ostpolen, dort endete sein Leben noch am gleichen Tag in einer Gaskammer.

Nur wenige überlebten en Holocaust

Die 753 Deportierten kamen aus 59 Orten des Regierungsbezirks. 138 von ihnen starben nach ihrer Ankunft an Unterernährung und Entkräftung, 74 Personen wurden im Januar 1943 in Gaskammern in Auschwitz ermordet. 1944 wurden weitere 145 Menschen des Kasseler Transports in Todeslagern umgebracht. 50 Personen erlebten die Befreiung des Ghettos Theresienstadt, unter ihnen Otto Bernstein, der während seiner Gefangenschaft auf 40 Kilogramm Körpergewicht abgemagert war.

Innehalten vor der ehemaligen Synagoge: Wolfhagens Erster Stadtrat Karl-Heinz Löber (links) und Pfarrer Martin Jung entzünden eine Kerze.
Innehalten vor der ehemaligen Synagoge: Wolfhagens Erster Stadtrat Karl-Heinz Löber (links) und Pfarrer Martin Jung entzünden eine Kerze. © Thon, Antje

Wie Ernst Klein sagt, habe sich Bernstein in Theresienstadt Notizen gemacht und auch später seine Erinnerungen niedergeschrieben. Bernstein selbst sah seine Aufzeichnungen als sachliche Schilderungen des Alltags in einem Ghetto, in dessen Gebäuden vor Übernahme durch die SS 7000 Menschen lebten. Danach waren dort bis zu 58 000 Männer, Frauen und Kinder zusammengepfercht.

Im Alltag allgegenwärtig war der Hunger. Bei der Essensausgabe herrschten katastrophale Zustände, schreibt Bernstein. Die Gefangenen drängten sich um verfaulte Kartoffeln, verschimmeltes Brot und etwas Wassersuppe. Sie suchten im Abfall nach Essbarem. Bernstein beschreibt, wie er sich eine Pellkartoffel vom Munde abgespart, sie in einen Fetzen Stoff eingewickelt hat, um sie seiner alten Tante Mascha, die ebenfalls im Lager war, zu schenken. Sie starb wenige Tage später an Unterernährung.

In einem anderen Bericht beschreibt Otto Bernstein die Drangsalierungen durch die SS. So berichtet er von einer Zählung aller Gefangenen. Dazu wurden alle Bewohner in der Frühe auf ein freies Feld getrieben, eine halbe Stunde vom Ghetto entfernt. Die Zählung dauerte den ganzen Tag. Alle, auch die Alten, mussten auf der Stelle stehen und waren Regen und Sturm ausgesetzt.

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