Vor 75 Jahren 6500 Sudetendeutsche aus Asch kamen in den Altkreis

Wolfhager verteilten Milch am Bahnhof

Die Sudetendeutschen wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu kommen. 6500 Menschen aus Asch kamen nach Wolfhagen und fanden im Altkreis eine neue Heimar, ebenso wie weitere 8000 Menschen aus ehemaligen deutschen Ostgebieten. Repro: Reinhard Michl
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Die Sudetendeutschen wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu kommen. 6500 Menschen aus Asch kamen nach Wolfhagen und fanden im Altkreis eine neue Heimar, ebenso wie weitere 8000 Menschen aus ehemaligen deutschen Ostgebieten. Repro: Reinhard Michl

Vor 75 Jahren kamen nach Recherchen von Stefan Podlaha (Zierenberg), seit 1989 Obmann der hiesigen Sudetendeutschen Landsmannschaft, rund 6500 Sudetendeutsche aus Asch in den Altkreis Wolfhagen.

Wolfhager Land – Ein paar Tage im Mai 1946 haben das Leben des heute 88-jährigen Ernst Heger und auch der fünf Jahre jüngeren Gertrud Jakobi, die beide heute in Naumburg leben, radikal auf den Kopf gestellt und sind auch nach einer Zeitspanne von 75 Jahren bis jetzt noch in ihren Köpfen und auch Herzen präsent: Am 16. Mai mussten der damals zwölfjährige Ernst und die fünf Jahre alte Gertrud ihre Heimat, die Stadt Asch im Sudetenland, in eine ungewisse Zukunft verlassen. Ernst Heger zusammen mit seiner Mutter und drei weiteren Geschwister, der Vater befand sich noch in Kriegsgefangenschaft, Gertrud Jakobi ebenfalls mit ihrer Mutter und vier Geschwistern, der Vater war als Soldat im Zweiten Weltkrieg gefallen.

Beide Familien gehörten zu den rund drei Millionen Deutschen, die mit den sogenannten Benes-Dekreten, mit denen die damalige Tschechoslowakei die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg legitimierte, zum Verlassen ihrer angestammten Heimat gezwungen wurden. Außerdem wurde ihr gesamtes Vermögen konfisziert. Zu Beginn der Massenvertreibung durften pro Person lediglich 30, später 50 Kilo Hab und Gut mitgenommen werden.

Ernst Heger und Gertrud Jakobi aus Naumburg wurden vor 75 Jahren aus dem Sudetenland vertrieben. Sie hält ein

Insgesamt gab es für die zwei Millionen Kinder, Frauen und Männer aus den Gebieten Sudetenland, Böhmen, Mähren sowie Sudeten-Schlesien rund 1850 Eisenbahntransporte. Nach dem Einmarsch der Amerikaner in Asch am 20. April 1945 durfte Ernst Heger nicht mehr die Schule besuchen. Über ein Jahr später wurde die Familie, wie auch die von Gertrud Jakobi, am 16. Mai 1946 im Ascher Schützenhaus kaserniert. Zwei Tage später ging es mit dem Transportzug Richtung Passau, der am 21. Mai 1946 in Wolfhagen ankam.

Am dortigen Bahnhof gab es einen freudigen Empfang. Christine Böttger, Ehefrau des Ziegeleibesitzers, verteilte mit einer Helferschar Lebensmittel und für die Kinder kannenweise frische Milch. Noch am Bahnhof wurden die Vertriebenen in alle Ortschaften des Altkreises verteilt, beziehungsweise fanden in den Baracken am Rosengarten (heute Stadthalle) eine vorübergehende Bleibe.

Für Ernst Heger und Gertrud Jakobi wurde mit neun anderen Familien die Stadt an der kleinen Elbe zur neuen Heimat. Der Senior im Rückblick: „Als wir in Naumburg ankamen, dachten wir in unserer kindlichen Vorstellung, die Stadt hätte sich extra für unsere Ankunft fein herausgeputzt. Die Straßen waren mit Birken- und Tannengrün sowie Blumenteppichen geschmückt. Bis wir erfuhren, dass die Naumburger katholischen Christen Fronleichnam feierten.“

Beide, die sich seit ihrer Kindheit gut kennen und bis heute eine gute Freundschaft pflegen, haben gemeinsam mit ihren und weiteren aus Asch stammenden Familien schon mehrfach ihre ehemalige Heimatstadt besucht, in der heute nur noch etwa 12 000 Menschen wohnen.

Der Transport: 30 Person auf engem Raum

Das Ziel des Politikers Benesch, sein Land komplett zu entgermanisieren, führte ab Mitte 1945 zur Planung der organisierten, humanen Vertreibung. Die Amerikaner bestimmten in zahlreichen Vorschriften das Prozedere: jeweils 30 Personen in jeden der 40 Waggons mit einem Eimer Wasser und einem Toiletteneimer ausgestattet. Daraus ergab sich die Gesamtzahl von 1200 Personen pro Transport. Zu diesem Zweck war die deutsche Bevölkerung aufgefordert, sich ab Februar 1946 in einem Sammellager einzufinden. Es wurden Transportlisten mit allen Daten der Personen erstellt. Für jeden Transport war auch das Ziel bestimmt. Die Reise in bestimmte Landkreise der amerikanischen und britischen Besatzungszonen in Restdeutschland dauerte je nach Entfernung vier bis sechs Tage.

(Reinhard Michl)

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