Zeitzeuge Heinrich Schwarz berichtet

1945 Muna

Hier berichtet Zeitzeuge Heinrich Schwarz von seinen Erlebnissen. Er wurde 1931 in Wolfhagen geboren. 1945 war er 13 Jahre alt.

„In Wolfhagen aufgewachsen war ich zu Beginn des Jahres 1945 13 Jahre alt. Meine Erinnerungen an dieses geschichtsträchtige Jahr sind bis jetzt sehr deutlich. Wolfhagen war Kreisstadt mit allen auf Kreisebene zuständigen Behörden und Dienststellen. Domizil von Bürgermeister und Stadtverwaltung war das „Alte Rathaus“. Im Bereich der ehemaligen Gaststätte „Rosengarten“ gab es ein Reichsarbeitsdienstlager, später abgelöst durch ein Lazarett. Und seit Ende der dreißiger Jahre war im „Gasterfelder Holz“ die Lufthauptmunitionsanstalt (Muna) angesiedelt. Es gab eine NSDAP-Kreisleitung, eine – Ortsgruppenleitung sowie eine Hitlerjugend-Banngeschäftsstelle.

Die bis 1939 weitgehend überschaubare Einwohnerschaft erfuhr in der Folgezeit erhebliche Veränderungen. Mehr und mehr verschwanden aus dem Stadtbild männliche Einwohner im wehrfähigen Alter. Mit Auftauchen zugewiesener Kriegsgefangener, zunächst polnischer, dann französischer, wurden hier und da andere Gesichter mehr und mehr vertraut. Bald nach Kriegsbeginn erhielt Wolfhagen ein großes Kontingent Evakuierter aus dem Saarland. Diese Menschen blieben bis weit in das Jahr 1940 hinein. Wochenlang waren Truppenteile einquartiert, zuerst eine bayerische Wehrmachtskompanie, dann eine SS-Einheit.

Dieses Bild entstand in Wolfhagen vor der alten Molkerei. Heute ist dort Tegut.

Mit Verstärkung des Bombenkriegs gab es wachsenden Zuzug Fliegergeschädigter aus verschiedenen Teilen des Reichsgebiets. Ich erinnere mich an Betroffene aus Wuppertal sowie aus Hamburg, die bei ihren Verwandt en in meiner Nachbarschaft Unterkunft fanden. Nach den verheerenden Angriffen auf Kassel im Oktober 1943 mussten massenhafter Zuzug und Unterbringung schon behördlich geregelt werden. Im Herbst 1944 folgte erneut eine Welle Evakuierter aus dem Saarland. Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf absolute Vollständigkeit.

Nachhaltige Eindrücke aus meiner Kinder im sogenannten „Dritten Reich“ hier in Wolfhagen hinterließen die Schule, die Evangelische Kirche sowie die Organisierte Staatsjugend.

Schule 

Das Schulgebäude, heute Sitz der Stadtverwaltung, war für die achtklassige Volksschule und die Städtische Mittelschule mit sechs Jahrgangsstufen schon zu klein. Zusätzlich war ein Klassenraum im Obergeschoss der „Alten Wache“ eingerichtet. Zwei Klassenräume gab es in der Zehntscheune. 1943 wurde auf dem Schulhof noch eine zweiklassige Baracke errichtet. Mein Schuljahrgang hatte den Vorzug, diese zu beziehen. Ich erinnere mich noch gut an die Einrichtung. Ein Öldruck mit Adolf Hitler im Halbprofil zierte links von der Wandtafel die Stirnwand. Nationalsozialistische Erziehung war verbindlich, abhängig von der jeweiligen Lehrkraft aber graduell unterschiedlich. Unbestreitbar war meine Volksschulzeit von 1938 bis 1941 – beim immer gleichen Lehrer – von massiver weltanschaulicher, auch antikirchlicher Indoktrination geprägt.

Erwähnenswert finde ich Fahnenappelle, die bei Schuljahresbeginn und anderen Anlässen vor dem Schulgebäude durchgeführt wurden. Zusätzliche Pflichten von Schülern waren das Einsammeln von Altmaterialien, Knochen und Spinnstoffen, Ernte und Ablieferung von Wildfrüchten und gelegentlich das Aufspüren abgeworfener Flugblätter. Positiv anmerken möchte ich ein damals gewachsenes Verbundenheitsgefühl innerhalb meines Klassenverbandes, das die Zeitläufe bis heute überdauert hat.

Evangelische Kirche 

Zumindest auf dem Papier gehörten die Wolfhager weitestgehend zur Evangelischen Kirchengemeinde. Kirchenaustrittszahlen hatten sich noch einigermaßen in Grenzen gehalten. Religionsunterricht fand – bei freiwillig er Beteiligung – im Gemeindesaal Burgstraße statt. Trotz eines nicht gerade kirchenfreundlichen Umfeldes nahmen Vorkonfirmanden und Konfirmanden im großen und ganz en regelmäßig an Unterrichtsstunden und Gottesdiensten teil. Ein kleiner Kirchenchor und ein Posaunenchor blieben den ganzen Krieg über aktiv. N eben allsonntäglichem Turmblasen trat der Posaunenchor immer wieder auch bei Gedächtnisfeiern für Gefallene in Erscheinung. Rückblickend auf meine persönliche Mitgliedschaft im Posaunenchor ist mir die Silvester-/Neujahrsnacht 1 944/45 in besonderer Erinnerung. Wegen des Verbots jeglicher Beleuchtung mussten eingeübte Choräle ohne Noten vom nachtdunklen Turm gespielt werden. E s wäre anmaßend von mir, die Haltung der damaligen Geistlichen in Bezug zum politischen Umfeld beschreiben zu wollen. Ich glaube allerdings sagen zu können, dass man in Wolfhagen den Überzeugungen der „Bekennenden Kirche“ nahe stand.

Organisierte Staatsjugend 

Die Mitgliedschaft in den entsprechenden Gliederung en war ab vollendetem 10. Lebensjahr Pflicht. Nach vier Jahren im Jungvolk (D J) wechselten Jungen in die Hitlerjugend (HJ). Die Organisation für Mädchen hie ß durchgehend Bund Deutscher Mädchen (BDM). Eingeteilt in vier Jungzüge plus einem Fanfarenzug bildete das Wolfhager Jungvolk ein sogenanntes Fähnlein. Gruppierungen der HJ waren spezieller Art. Es gab eine Flieger-Schar, eine Funker-Schar und – mit besonderen Uniformen – eine Feuerwehr-Schar.

Persönlich muss ich einräumen, dass ich den Jungvolkdienst zumeist recht gern abgeleistet habe. Tatendrang und Abenteuerlust wurden befriedigt. Anfangs war man auch ein bisschen stolz, Uniform zu tragen. Der Dienst begann in der Regel mit einem Antrittsappell vor oder hinter dem offizielle n Heim, heute Haus Osterberg in der Burgstraße. Zu unterschiedlichen Aktivitäten marschierte man im Gleichschritt, oft mit Gesang, durch die von Kraftverkehr kaum behelligten Straßen, meistens zur Stadt hinaus.

Gewissermaßen als Gebote galten die sogenannten Schwertworte des Jungvolkjungen. Abschließend hieß es da: „Des Pimpf en Höchstes ist die Ehre.“ „Ehre“ und „Freiheit“ waren seiner Zeit allgemein stark strapazierte Vokabeln. Erst später wurde uns bewusst, in welchem Maße diese Begriffe damals missbraucht worden sind. Im letzten Kriegsjahr nahmen Jungvolk und Hitlerjugend noch an mehreren Großveranstaltungen teil. In besonderer Erinnerung sind mir eine Anwerbeaktion der Waffen-SS und eine Durchhalterede des Kasseler Gauleiters Gerland, jeweils im Saal zum „Hessischen Hof“. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20.Juli 1944 fand auf dem Marktplatz eine angeordnete Treuekundgebung statt.

Wahrnehmungen in der Endphase des Krieges 

Steigende Gefallenen- und Vermisstenmeldungen, das nicht zu verheimlichende Näherrücken der Fronten und das Erlebnis nun auch tagsüber ungehindert über uns hinweg ziehender feindlicher Fliegerverbände hatten die Stimmung sicher allgemein gedrückt. Niemand gab allerdings seiner veränderten Stimmung öffentlich Ausdruck. Der Schulbetrieb wurde zunehmend beeinträchtigt. So denke ich an die Verpflichtung von Mitschülern des Geburtsjahrgangs 1929 zur mehrwöchigen Arbeit am Westwall sowie an zeitweise Umzüge meiner Klasse in wechseln de Notunterkünfte. Die Betroffenheit meiner Klassenlehrerin wurde deutlich als fünfzehnjährige Mitschüler im Januar 1945 ganz formal ausgemustert wurden. Mein am 10. Februar 1945 ausgestelltes Schulhalbjahreszeugnis sagt über Beeinträchtigungen und Fehlzeiten allerdings nichts aus. Mit einer Gruppe gleichaltriger Jungen erlebte ich Mitte März in unmittelbarer Nähe des Muna-Bahngleis es einen Angriff auf einen dort abgestellten – Gott sei Dank – leeren Güterzug. Ungehindert konnten die Piloten zweier amerikanischer Kampfflugzeuge schulmäßige An griffe auf Waggons und Lokomotive durchführen.

Am Palmsonntag war zum letzten Mal allgemeiner Jungvolkdienst, mit Überführung der 14-Jährigen in die HJ. In jenen Tagen erfolgte auch die Entlassung in die Osterschulferien. In einer schwer zu beschreibenden , vielleicht auch unterschiedlich empfundenen Stimmung nahmen Lehrkräfte und Schüler voneinander Abschied. Für Ostersonntag war seit langem Konfirmation angesetzt . Betroffene Familien trafen – im bescheidenen Rahmen . dafür Vorbereitungen. In d er Karwoche fand auf dem Graner Berg aber auch noch eine Einweisung Jugendlicher in die Handhabung von Panzerfäusten statt.

Am 29. März, Gründonnerstag, verdichteten sich Gerüchte über einen Vorstoß amerikanischer Panzer in den Waldecker Raum. Anstelle einer erwarteten Hauptkampflinie habe ich an diesem Tag nur vereinzelt durchziehende kleine Gruppen deutschen Militärs, in eher desolater Verfassung, erlebt. Vor der Banngeschäftsstelle in der Schützeberger Straße versuchte ein mit Motorrad angereister HJ-Gebietsführer den örtlichen Bannführer noch zur Aufstellung einer Verteidigungslinie mit Jugendlichen zu überreden. Dies unterblieb aber. Stattdessen wurden auf dem Hof hinter der Steinkammer die Akten der Geschäftsstelle samt Hakenkreuzfahnen verbrannt. Geordnet verlief bis zu diesem Zeitpunkt noch der Abtransport von Munition aus der Muna. Eine Sprengung verbleibender Bestände wurde angekündigt.

Am Gründonnerstag waren ältere Männer damit beschäftigt, an vermeintlich strategischen Stellen Panzersperren zu errichten. Karfreitag gingen ausgewählte Personen von Haus zu Haus, um anhand eines Plakats die Todesstrafe für das Hissen weißer Fahnen und die Errichtung von Standgerichten anzukündigen. Im Morgengrauen des Ostersamstags besetzten Volkssturmmänner die errichteten Panzersperren. Noch am frühen Morgen zogen sie sich von dort aber kampflos zurück. In gespannter Atmosphäre wartete man ab.

Um Ausschau zu halten, wollten ein Klassenkamerad und ich auf den Kirchturm steigen. Vom gemeinsamen Turmblasen kannten wir uns dort gut aus. In Höhe der Glocken kamen uns von oben zwei ältere Herren entgegen. „Macht euch Heim, am Monschein sind se schon“, riefen sie uns zu und nahmen uns mit treppabwärts. Unten angekommen hörten wir aus südlicher Richtung eine einzelne Geschosssalve. Gleichzeitig sahen wir ein niedrig fliegendes, mit Sternen gekennzeichnetes Flugzeug über die Stadt Kreise ziehen. Schnell habe n wir uns dann jeweils nach Hause begeben.

Wohl alle Einwohner verschwanden in den Häusern, viele zunächst auch in ihren Kellern. Die amerikanische Streitmacht konnte ungehindert in die Stadt einziehen. Zunächst ängstlich und zögernd kamen die Wolfhager nach einiger Zeit aus Häusern und Seitenstraßen. In der Schützeberger Straße erlebten wir dann die Durchfahrt unendlicher Kolonnen von Panzern und anderen Fahrzeugen, teilweise mit aufsitzender Infanterie. Eine dazu wohl vorbestimmt e Einheit war ausgeschert und hatte das Rathaus besetzt.

Mittels Aushang am Rathaus und Bekanntmachung per Ortsschelle wurden noch am Vormittag erste Anweisungen der Besatzer, insbesondere über die Ablieferung von Schuss- und Stichwaffen sowie Ferngläsern und Fotoapparaten, verkündet. Über diesen Tag und die folgenden Wochen gäbe es jetzt n och vieles zu berichten. Das wäre aber ein Kapitel für sich.“

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