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Blühender Schatz auf dem Burghasunger Berg

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Von: Antje Thon

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Blühen bis zu acht Wochen: Die Schneeglöckchen vom Burghasunger Klosterberg. Gärtnermeister Karl-Heinz Härtl hat es in seinem Betrieb in Niedenstein – ausgehend von wenigen geretteten Exemplaren – vegetativ vermehren können. Nun soll es wieder heimisch werden.
Blühen bis zu acht Wochen: Die Schneeglöckchen vom Burghasunger Klosterberg. Gärtnermeister Karl-Heinz Härtl hat es in seinem Betrieb in Niedenstein – ausgehend von wenigen geretteten Exemplaren – vegetativ vermehren können. Nun soll es wieder heimisch werden. © Antje Thon

Fast war das Schneeglöckchen vom Burghasunger Klosterberg ausgestorben. Wenige Zwiebeln wurden gerettet. Gärtner Karl-Heinz Härtl vermehrte, und nun sollen sie in die Region zurückkehren.

Wolfhager Land – Das Schneeglöckchen vom Burghasunger Klosterberg ist eine Rarität – leider, möchte man sagen. Denn Ausgrabungen und Viehweide haben dazu geführt, dass diese einzigartige Form des Einheimischen Schneeglöckchens (Galanthus nivalis) seit Mitte 1960er-Jahre in der Natur nahezu ausgestorben ist. Der in Kassel wohnende Gärtnermeister Karl-Heinz Härtl, der in Niedenstein eine Gärtnerei betreibt, kämpft seit 40 Jahren für den Erhalt des zeitigen Frühlingsboten und sorgt für seine Vermehrung.

Das Schneeglöckchen vom Burghasunger Klosterberg, diesen Namen trägt die Galanthus-Form tatsächlich offiziell, hat eine biologische Eigenart. „Neben dem energiereichen Pollen produziert es ständig Nektar nach, und zwar solange, bis die Blüte befruchtet ist“, sagt der 63-Jährige und betont, dass es sich damit ganz wesentlich von seinen Artgenossen unterscheidet, die nach der geschlechtlichen Vermehrung verblühen.

Seine Schneeglöckchen in Niedenstein, die auf jene vom Burghasunger Klosterberg zurückgehen, blühen jedoch unermüdlich sechs bis acht Wochen lang – von Ende Januar bis Ende März. „Das macht sie wertvoll für eine Vielzahl früher Wildbienen.“ Denn die können auf der Suche nach dem ersten Futter im Januar und Februar hauptsächlich nur Weiden ansteuern. Deshalb ist diese Variante von Galanthus nivalis pflanzen- und tierökologisch wertvoll – und zwar als erste Wildbienentrachtpflanze im Spätwinter und als eine Pflanze, die sehr früh im Jahr ihre Blüten öffnet. „Ein echter Schatz für Nordhessen als Beitrag zur Biodiversität“, sagt Härtl.

Härtls unermüdliche Arbeit begann mit einer Katastrophe. Als 1982 der Botanische Garten in Kassel, in den zuvor ein kleiner Bestand von 40 Zwiebeln zum Erhalt der bereits damals dezimierten Schneeglöckchen gebracht worden war, vom Stadtgartenamt übernommen wurde, wurde der größte Teil der Pflanzensammlung zerstört. Der damalige Leiter des Botanischen Gartens, der inzwischen verstorbene Alfred Bröcker, der sich um den Erhalt der Art gekümmert hatte, wurde abgesetzt und erhielt Hausverbot. Karl-Heinz Härtl, der mit Bröcker im Botanischen Garten gearbeitet hatte, gelang es, neben der Orchideensammlung auch einen Teil der Galanthus nivalis von einem Abfallcontainer zu holen und vor der Vernichtung zu bewahren.

„Mit etwa 80 geretteten Zwiebeln habe ich dann in meiner eigenen Gärtnerei begonnen, einen neuen Bestand des Schneeglöckchens vom Burghasunger Kloster in jahrelanger Aufbauarbeit zu manifestieren“, sagt der Pflanzenfreund. Bis Herbst 2019 zog er im Schutz einer Hainbuchenhecke mehr als 3000 neue, vegetativ vermehrte Schneeglöckchen vom Burghasunger Berg heran.

Als Pollenspender und Nektarlieferant für zeitige Wildbienen ist die Pflanze eine Besonderheit. Das allein macht aber nicht ihre Faszination aus, sagt Härtl. Mindestens genauso spannend ist ihre Geschichte. Es waren die Korbacher Heimatforscher Charlotte und Albert Nieschalk, die die Daten recherchierten. Das Paar hatte sich als ausgewiesene Kenner der nordhessischen Flora einen Namen gemacht. In Vorträgen berichtete es vom Schneeglöckchen bei Burghasungen und erzählte von der Jahrhunderte alten Tradition, die Pflanze wegen ihrer weißen Blüten als Andenken an die Heilige Maria in Klostergärten anzusiedeln. Der Wanderprediger Heimerad wirkte vor über 1000 Jahren auf dem Burghasunger Berg. Nach seinem Tod entstand dort eine Kapelle, später ein Kloster, das zeitweise als Hospiz genutzt wurde. Aus der Zeit der Kreuzfahrer, die vor etwa 700 Jahren endete, stammt die Überlieferung, dass als Dank für Beherbergung und Pflege, Ritter Blumen aus dem Heiligen Land gestiftet haben. So gelangte das Schneeglöckchen, das eigentlich in Vorderasien beheimatet ist, auf den Burghasunger Klosterberg. Im Laufe der Jahrhunderte verwilderte es.

Bei Spaziergängen zwischen Burghasungen und Martinhagen in den 1960er-Jahren fielen den Nieschalks immer wieder kleine Inseln von Schneeglöckchen auf. Von älteren Naturfreunden wussten sie, dass früher ein Kreuzweg beide Orte verband. Allerdings fanden sie keine Steinkreuze, nur vereinzelte Schneeglöckchen gaben Hinweis auf die Existenz eines Kreuzweges, mit dem an den Leidensweg Jesus Christus erinnert wurde. Nieschalks dokumentierten den Zusammenbruch einer bedeutenden Population. Als Hauptgrund des dramatischen Schwunds machten sie illegales Ausgraben und Umsiedlung aus.

Von den Schneeglöckchen der Form, wie sie Härtl 1982 unter seine Fittiche genommen hat, sind in ganz Deutschland nur drei Standorte bekannt. Neben den wenigen Horsten in Nordhessen gibt es noch Exemplare am Kaiserstuhl in Südbaden im Umfeld der Burgruine Sponeck und in Passau ebenfalls bei einem historischen Gebäude.

Zarte Schönheit für Parks und Gärten

Ziel von Karl-Heinz Härtl ist es, die Schneeglöckchen in privaten Gärten, auf Friedhöfen und in Parks wieder anzusiedeln. Der Erste, der ihn bei diesem Vorhaben unterstützte, war Wolfhagens Bürgermeister Reinhard Schaake. Der hatte zu Ostern vergangenen Jahres einen kleinen Teil der mehr als 3000 Pflanzen, die von dem Gärtner in Niedenstein zuvor vegetativ vermehrten worden waren, über die Kirchengemeinden und die Ortsvorsteher in Wolfhagen und seine Stadtteile verteilt. In Wenigenhasungen wurden die Zwiebelgewächse in den Kirchgarten gesetzt, in Viesebeck wurde der Bereich um das Ehrenmal bepflanzt, sagt Schaake.

Inzwischen haben ebenfalls Baunatal und Gudensberg mit der Verteilung der weiß blühenden Frühlingsboten begonnen. Und auch die Gemeinde Habichtswald signalisierte zuletzt großes Interesse. Nun hofft Karl-Heinz Härtl, dass diese besondere Form des Schneeglöckchens in allen Kommunen des Landkreises Kassel und auch im nördlichen Schwalm-Eder-Kreis eine neue Heimat findet und auch dorthin zurückkehrt, wo die Pflanze vor einem halben Jahrhundert verschwunden ist.

Und dann ist da noch eine Herzensangelegenheit, mit der sich der 63-Jährige einen Wunsch erfüllt und einen Beitrag für den Erhalt der Kulturgeschichte geleistet hat. In Abstimmung mit Hessen Forst und den Fachleuten der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Kassel pflanzten Härtl und sein Team im März vor zwei Jahren mehrere Pulks mit jeweils 100 Zwiebeln an zwei Standorte, die sich am alten Kreuzweg befinden, der das Kloster Hasungen mit dem Martinstein in Martinhagen verbindet. Bis Mitte Mai wurde regelmäßig und intensiv gegossen. Nun ist nach über 40 Jahren das Burghasunger Klosterschneeglöckchen wieder am namensgebenden Standort präsent. Härtl ist froh, dass er dafür die Erlaubnis bekam und die Aktion nicht als Florenfälschung eingestuft wurde, bei der Arten an verwaiste Standorte zurückgebracht werden.

Wer nun auf eine üppige Blütenpracht hofft, muss sich allerdings etwas gedulden. Drei bis fünf Jahre dauert es, bis die Horste ihre weißen Glöckchen zur Schau tragen. Mit den Jahren legen sie an Schönheit zu. Die Pflanzen bilden Tochterzwiebeln, sie tragen so zu einer natürlichen und weiteren Ausbreitung bei. (Antje Thon)

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