Flüchtlingsfamilie in Zierenberg

Horror-Trip mit Folter, korrupten Polizisten, gesunkenen Schiffen

Ein starkes Team: Abdurahman Mustafa mit seiner Frau Zabiba Mahdi und Tochter Firdowsa. Betreut werden die Äthiopier von den Ehrenamtlichen Katja Wiegand und Hartwig Kaiser. Foto:  Renner

Zierenberg. Der Weg in eine heile Welt war für die junge Familie ein Horror-Trip, bestehend aus Folter, korrupten Polizisten und gesunkenen Schiffen. Jetzt ist sie in Zierenberg und erzählt über ihre Flucht.

Abdurahman Mustafa und Zabiba Mahdi sind glücklich. Seit Juli hat das äthiopische Paar ein neues Zuhause. Es wohnt mit seiner knapp fünf Monate alten Tochter Firdowsa in Zierenberg. Doch der Weg in eine heile Welt war für das Paar ein Horror-Trip, bestehend aus Folter, korrupten Polizisten und gesunkenen Schiffen.

Die „Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker“ (EPRDF) hat in dem afrikanischen Land das Sagen, regiert das Volk mit eiserner Faust. Immer wieder berichten Journalisten von massivem Druck gegen Andersdenkende, die oft im Gefängnis landen und gefoltert werden. Auch Abdurahman Mustafa ging es so.

Sein Vater sei vom Militär getötet worden wegen seiner politischen Meinung, berichtet der junge Mann. Auch er geriet schnell ins Visier der Regierung, kam für sechs Monate ins Gefängnis. Der 23-Jährige gehört der Volksgruppe der Oromo an, die seit langem beklagt, von der Regierung unterdrückt und verfolgt zu werden. Aus dem Gefängnis holte ihn schließlich seine Familie - gegen Bezahlung, wie er erzählt.

„Wir möchten gern hier bleiben“ 

Auch am College hatte er Probleme, weil er nicht der „richtigen“ Partei angehörte. Prompt folgte der nächste Gefängnis-Aufenthalt. Acht Monate saß er diesmal, zusammen mit seinem Bruder. „Wir wurden mit Strom gefoltert und ständig geschlagen“, berichtet er auf Englisch. Als er entlassen wurde, musste er zunächst ins Krankenhaus. Denn bei der Folter wurde fast eines seiner Ohren abgerissen. Ein Arzt nähte es wieder an.

Schließlich entschloss er sich, zu flüchten, zu Fuß zunächst in den Sudan. Dort lernte er Zabiba Mahdi kennen, die später seine Frau wurde. „Sie lebte in Addis Abeba. Ihre Eltern waren tot, sie arbeitete als Hausmädchen bei einer Familie“, berichtet ihr Mann im Namen seiner Frau. Sie selbst spricht weder Englisch noch Deutsch. Bezahlt wurde Zabiba Mahdi nicht von der Familie, deshalb flüchtete auch sie.

Zusammen wollte das Paar weg aus Afrika. „Uns war egal, in welches Land. Wir wollten nur Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“, sagt der 23-Jährige. Doch schon in Libyen wurden sie von der Polizei festgehalten - schon wieder kam der Flüchtling ins Gefängnis. Mit weiteren Insassen sägte er mit einem Messer so lange an den Gitterstäben am Fenster, bis sich zwei durchbrechen ließen. Daraus quetschten sie sich in die Freiheit.

Schließlich lag das Meer vor ihnen. Mit einem zwölf Meter langen Boot sollten 118 Menschen nach Europa gebracht werden. Auf engstem Raum mussten sich die Mitfahrer zusammendrängen. Keinen Kilometer weit kamen sie, dann sank das Boot. Sie konnten zurück zur Küste schwimmen. Seine Frau war damals schon schwanger. Der nächste Versuch klappte schließlich, sie gelangten nach Italien und kamen kurz darauf nach Paris, wo sie sieben Nächte auf der Straße schliefen. Mit dem Zug ging es dann nach Deutschland, nach Saarbrücken. Vergangenen September war das. Für das Paar folgte dann ein Aufenthalt in der Einrichtung in Gießen, bevor es kurzzeitig in Niestetal und Niederelsungen lebte, wo die Tochter geboren wurde.

Seit Juli ist Zierenberg das Zuhause der Familie und hier fühlen sie sich wohl. „Wir möchten gern hier bleiben“, sagt der Äthiopier. Drei Mal pro Woche hat er Deutschunterricht, geht außerdem zum Fußball. Auch ein Berufsziel hat er: In seiner Heimat war er Frisör. Diesen Job will er auch hier ausüben. Wer als Flüchtling in Zierenberg landet, lernt sie in jedem Fall kennen: Katja Wiegand und Hartwig Kaiser. Beide kümmern sich, organisiert von der evangelischen Kirche, mit viel Engagement um die Menschen, die aus ihren Heimatländern vor Gewalt, Hunger und Korruption geflohen sind.

Seit Ende vergangenen Jahres sind die beiden Zierenberger aktiv für die Flüchtlinge im Einsatz. Angefangen hat es mit einer Familie aus Eritrea. „Wir sind einfach mal hin gegangen. Als ich geklingelt habe, machte der Vater auf und stellte seine Tochter vor mit den Worten: Das ist Bethlehem“, berichtet Katja Wiegand. „Da habe ich sofort eine Verbindung gespürt.“

Besuche bei Ämtern 

Von da an haben Wiegand und Kaiser die Familie auf Schritt und Tritt begleitet: mehrfach zum Ausländeramt, in die Sprachschule, immer wieder zum Jobcenter, zur Krankenkasse, zum Jugendamt und in die Krabbelgruppe, um die Tochter zu bringen und wieder abzuholen. „Die Besuche bei den Ämtern haben enorm viel Zeit gekostet“, sagt Kaiser. Für die Ehrenamtlichen war das nahezu ein Vollzeitjob.

Schnelle Integration 

Spontan hatte der 73-Jährige außerdem die Idee, den Vater der Familie im Posaunenchor anzumelden. Mittlerweile ist der Mann dort fest integriert. „Wichtig ist es, ein Vertrauensverhältnis zu haben“, sagt Wiegand. Denn auch die Post der Familie werde gemeinsam mit dem Ehrenamtlichen durchgesehen und bearbeitet.

Nun helfen die beiden auch der äthiopischen Familie Mustafa bei ihren ersten Schritten in Deutschland. „Je schneller sich die Familien integrieren, desto besser ist es für sie und die Gesellschaft“, sagt der pensionierte Sonderschullehrer. Weil diese Arbeit aber nicht zu zweit zu stemmen ist, hat die evangelische Kirche nach weiteren Paten gesucht. Elf Interessierte haben sich gemeldet. Sie sollen die Familien demnächst ebenfalls unterstützen.

Für Kaiser und Wiegand ist es selbstverständlich, zu helfen. „Jesus hat nur unsere Hände“, sagt die 46-Jährige, die regelmäßig Deutschunterricht für die Flüchtlinge gibt. Hartwig Kaiser hat sich schon immer engagiert, ob bei der DLRG oder der Telefonseelsorge, sagt er. Für ihn ist klar: „Wir können nicht daneben stehen und nichts machen. Wir müssen etwas tun.“

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