„Erinnern wichtiger denn je“

Gedenken an Novemberpogrom in Zierenberg

Veranstaltung in Zierenberg, bei der an die Opfer der Pogrome im Jahr 1938 gedacht wird. Rechts im Bild Pfarrer Friedemann Rahn und Bürgermeister Rüdiger Germeroth.
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Gegen das Vergessen: Pfarrer Friedemann Rahn und Bürgermeister Rüdiger Germeroth (von rechts) gestalteten gemeinsam mit Vertretern von Stadt, Kirchen, AG Erinnerungskultur und Posaunenchor die jährliche Gedenkfeier zur Reichspogromnacht.

Der zahlreichen Opfer der Novemberpogrome wurde am Montag in Zierenberg gedacht.

Zierenberg - „Es ist gut, dass wir auch dieses Jahr trotz der besonderen Umstände an der Stätte der ehemaligen Synagoge zusammenkommen“, sagte Pfarrer Friedemann Rahn am Montagabend, als er gemeinsam mit Vertretern von Stadt, Kirchen, AG Erinnerungskultur und zahlreichen Bürgern der Novemberpogrome gedachte.

Dass das Erinnern vielleicht wichtiger denn je ist, daraus machte er keinen Hehl und betonte: „Sie wissen es alle, unsere Gesellschaft verändert sich, oder sollten wir besser sagen, der Ton in unserer Gesellschaft verändert sich?“

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, habe es auf den Punkt gebracht. Die Hemmschwelle, sich antisemitisch zu äußern, sinke, sie sinke zusehends. Friedemann Rahn rief auf, wachsam und standhaft zu sein. „Wir halten stand, indem wir öffentlich dafür einstehen, dass jene Zeit der tiefste Punkt in unserer Geschichte war, es darf nie wieder so kommen, niemals.“

Mahnende Erinnerung an den Tiefpunkt auch von Bürgermeister Rüdiger Germeroth: „Vor 83 Jahren brannten die Synagogen in Deutschland, bei uns schon eine Nacht früher als anderenorts, womit Zierenberg eine unrühmliche Vorreiterrolle eingenommen hat.“

Jahrelange gezielte Ausgrenzung habe bei den Novemberpogromen zum Schweigen geführt, erst die ausbleibende Solidarisierung der Bevölkerung für ihre jüdischen Mitbürger habe es den Nationalsozialisten ermöglicht, die vollständige Vernichtung zu beginnen. „Welches Leid wäre den Menschen erspart geblieben, hätte es Widerstand gegen die unfassbare Gewalt in diesen Novembertagen gegeben?“, fragte Germeroth und stellte fest: „Was vor 83 Jahre passierte, scheint weit weg und in der heutigen Zeit völlig undenkbar, aber das ist weit gefehlt.“

Wie verbreitet die rechte Szene in Nordhessen ist, habe erst die Aufarbeitung des Mordes an Regierungspräsident Walter Lübcke gezeigt, das sei erschreckend. Nicht Germeroths einziges Beispiel aktueller Bedrohung: „Wer in seinem Wahlprogramm zur Bundestagswahl Kriegsflüchtlinge, Asylbewerber, Migranten und Muslime als die größte Bedrohung für den Frieden im Land darstellt, schreckt auch – wie wir wissen – vor schwerwiegenden Straftaten nicht zurück.“ Auch deshalb, so der Rathauschef, sei es so wichtig, „gemeinsam am Ort der Erinnerung zu stehen und sich ins Gedächtnis zu rufen, zu welch unfassbaren Verbrechen die Menschen in Deutschland und auch in Zierenberg fähig waren“.

Daher laute der Auftrag aus der Geschichte: „Nie wieder, wir werden nie wieder schweigen, wenn Bevölkerungsgruppen diffamiert und zum Sündenbock gemacht werden sollen, und wir werden nicht zulassen, dass die rechte Szene mit ihrem Hass und ihrer Hetze jemals wieder die Köpfe und Herzen der Menschen in unserem Land gewinnt.“ (Sascha Hoffmann)

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