Auf den Spuren der Vergangenheit

Henryk Bak kehrt nach Jahrzehnten an seinen Geburtsort Laar zurück

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Zu Besuch: In der Mühle Laar kam Henryk Bak im Jahr 1941 zur Welt. Nun erfüllte er sich einen Lebenstraum und kehrte nach Jahrzehnten noch einmal an den Ort seiner Geburt zurück.

Laar. In der Einfahrt zum Gut steht Henryk Baks und kämpft mit den Tränen, als er jenen Ort wiedersieht, an dem er am 15. August 1941 als Sohn polnischer Landarbeiter geboren wurde.

„Da unten, in der alten Mühlen, haben Sie mit Ihrer und drei weiteren Familien gelebt." Dora von Starck zeigt auf das 1599 erbaute Gebäude, das auch am Denkmaltag Besucher nach Laar lockte.

Viel sei ihm aus jener Zeit nicht geblieben, sagt der 74-Jährige, der nach Kriegsende noch als kleiner Junge mit seiner Familie aus Nordhessen nach Polen zog. „Irgendwann musste ich mich fragen, was Erinnerung ist und was Erfindung“, sagt er mit Blick auf die kleinen Schwarz-Weiß-Fotografien seiner Eltern, die er im Portemonnaie bei sich trägt. Fotos aus seiner Zeit in Laar habe er keine, nur die verblassten Bilder in seinem Kopf, die dank seines Sohnes Robert nun wieder Farbe bekommen.

Der 45-Jährige hatte im Frühjahr Kontakt mit Marek Prus aufgenommen, dem katholischen Pfarrer in Zierenberg, der als gebürtiger Pole sprachlich zwischen Familie Bak und den Gutsbesitzern von Starck vermitteln konnte. „Er erzählte mir vom Wunsch seines Vaters, noch einmal zu seinen Wurzeln zurückzukehren“, sagt Prus, der den Besuch des Rentners in Zierenberg gern begleitet hat. Auch er ist sichtlich gerührt, als die jahrelang vergrabenen Erinnerungen Braks wieder lebendig werden.

Beim Spaziergang durch seinen Geburtsort erinnert er sich an immer mehr. An die Schweine, die im Stall gegenüber der Mühle versorgt werden mussten, an alte Milchkannen und nicht zuletzt an einen kleinen, dunklen Raum, in den er gesperrt wurde, wenn er mit seinem deutschen Freund einmal wieder zu viel Quatsch gemacht hatte. „Er war in etwa gleich alt“, glaubt Bak. „Exakt zehn Tage älter“, bestätigt Dora von Starck, die seit 1951 für die Büroarbeit in Laar zuständig ist und anhand alter Aufzeichnungen sogar sagen kann, dass beide die gleiche Hebamme hatten. Der Spielkumpane sei der Sohn des damaligen Gutsbesitzers gewesen, ihr späterer Schwager, von Starck nämlich heiratete 1959 dessen älteren Bruder.

Noch mehr kann sie ihrem Gast aus Polen berichten, etwa, dass dessen Vater im Winter 1940 nach Laar gekommen, die Familie später nach Altendorf gezogen ist. Warum, das kann sie nicht mehr nachvollziehen. Ihre in Altdeutsch geschriebenen Unterlagen geben Bak zudem die Gewissheit, dass sein älterer Bruder Johann 1944 im Volkmarser Krankenhaus verstorben ist. Dessen letzte Ruhestätte hätte der Rentner zu gern besucht, doch keiner weiß, wo er begraben ist. „Wir können es anhand der Akten nicht nachvollziehen“, sagt von Starck.

Dennoch fährt Henryk Bak mit lachendem Herzen zurück nach Polen - denn sein letzter großer Lebenswunsch, noch einmal seinen Geburtsort zu besuchen, hat sich erfüllt.

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