Jüdin überlebte als einzige ihrer Familie den Holocaust – Jetzt besuchte sie Stadt und Elternhaus

Holocaust-Überlebende Ilse Tzur kehrte zurück: Im Herzen blieb Zierenberg ihre Heimat

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Bewegender Moment: Die 88-jährige Ilse Tzur mit ihrer Enkelin Shahar vor dem Elternhaus in der Burgstraße. Vier Steine erinnern an die Eltern, den Bruder und an sie selbst.

Zierenberg. Nach so vielen Jahren steht sie wieder vor der Haustür, durch die sie als Kind ein- und ausgegangen ist. Ilse Tzur, eine geborene Kaiser, erinnert sich still an glückliche Kinderjahre in Zierenberg, wo sie mit ihren Eltern und Bruder Rudi im Haus Burgstraße 32 lebte.

Bis die Nazis diesem Glück ein Ende setzten.

Und sie erinnert sich auch daran, wie sie erstmals nach dem Horror in den Lagern eben vor dieser Tür stand. Das war 1945, kurz nach der Befreiung. „Ich wusste ja nicht wohin“, sagt die rüstige Dame. „Ich wollte nach Hause.“ Das war nach all den entsetzlichen Jahren gefühlt immer noch das Elternhaus in Zierenberg.

„Ich habe geklopft“, aber sie sei von den Bewohnern weggejagt worden. Einige Häuser weiter, bei einer Schulfreundin ihrer Mutter, wurde ihr die Tür geöffnet. „Hier habe ich den ersten Teller Suppe nach dem Lager bekommen“, erinnert sich Ilse Tzur. Die Tochter jener Frau, die die damals 17-Jährige einließ, ist am Mittwoch extra aus Bad Karlshafen angereist: die 97-jährige Ilse Schilling.

Über die Vergangenheit hat Ilse Tzur, die 1947 nach Israel auswanderte, lange nicht sehr viel gesprochen. „Zu meiner Kindheit war es unüblich für Eltern, offen über ihre Zeit während des Holocausts zu sprechen“, so ihr Sohn Shlomo, der gemeinsam mit seiner Tochter Shahar die Mutter nach Zierenberg begleitet. Das habe sich erst geändert, „als meine Eltern meinen Töchtern mehr berichteten und dann meine Enkelkinder zu fragen anfingen. Dann kam alles ans Licht und ihre Lebensgeschichte wurde deutlich.“

Diese Geschichte skizziert dann die 33-jährige Enkelin Shahar, die sagt, wie stolz sie sei, an diesem Tag neben ihrer tapferen Oma in deren Heimatstadt zu stehen, in der sie so glückliche Jahre mit ihrer geliebten Familie verbracht habe. Bis zur „crystal night“ im November 1938.

Die Zehnjährige wurde aus ihrem Haus vertrieben, durfte nicht mehr mit ihren Freunden zur Schule gehen. Das Kind musste sich von ihrem Vater verabschieden, der von der Familie getrennt und nach Auschwitz geschickt wurde, von wo er nie zurückkehrte.

Ilse Kaiser, wie die Großmutter damals noch hieß, wurde vom Ghetto ins Konzentrationslager transportiert, wo sie mitansehen musste, wie ihre Mutter mit einer tödlichen Injektion ermordet wurde. Es gab keine Zeit zum Trauern, Ilse musste weiter hart arbeiten.

Kurz bevor die britische Armee das Lager befreite, wurde Ilses einziges noch lebendes Familienmitglied, ihr geliebter Bruder Rudi, in der letzten Nacht noch erschossen. Nach der Befreiung fragte man die 17-Jährige, wohin sie nun reisen möchte. Ihre Antwort: „Ich will nach Hause.“ Und damit meinte sie Zierenberg. Aber das Zuhause aus ihrer Erinnerung gab es nicht mehr. In Frankfurt lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Mit ihm ging sie 1947 nach Israel, wo sie in einem neuen Heimatland ihre eigene Familie gründete.

Sie sei so stolz auf die Großmutter, dass sie an diesem Tag in der Stadt stehe, die sie über all die Jahre so sehr in ihrem Herzen als ihre Heimat behalten habe, begleitet von lieben Angehörigen und im Gedenken an ihre Eltern Berta und Siegfried sowie ihren Bruder Rudi.

Diesen emotionalen Moment, sagt Shahar Tzur, möchte sie auch weiteren Menschen widmen, die ihrer Großmutter so nahe standen: Dem Sohn Itzack, der im Kampf für die Freiheit ihrer neuen Heimat starb, und dem Ehemann Peretz, der ihr treu zur Seite stand, seit sie aus Deutschland wegzog. Er verstarb im vergangenen Monat.

Vor dem Elternhaus mit den Stolpersteinen stehend verspricht die Enkelin der Großmutter, sich dafür einzusetzen, dass deren Geschichte, ihr Mut, ihre Tapferkeit und ihre Fähigkeit zur Vergebung in Erinnerung bleiben. 

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