Martin Viereck macht Kunstwerke aus Baumpilzen

Zu groß für die Stichsäge, als Deko aber bestens geeignet: Martin Viereck mit einem seiner Pracht-Baumpilze. Fotos:  Hoffmann

Oelshausen. Urig ist sie, die kleine Werkstatt unterm Dach des alten Bauernhauses in Oelshausen. Werkzeuge, Spinnweben und der Duft längst vergangener Zeiten scheinen auf sonderbare Weise die Zeiger der Uhren im Schneckentempo laufen zu lassen.

Fernab von Hektik und Stress des Lebens, hat sich Martin Viereck hier sein kleines Reich erschaffen - eine Oase der Ruhe, in der er seinen Lebensunterhalt verdient. Das tut er, indem er Baumpilze in kleine Burgen verwandelt, ein gewöhnlicher Job nämlich würde ihn nicht glücklich machen. Das hat er schon während seiner Ausbildung zum Buchhändler gemerkt und deshalb nach Abschluss für sich einen nicht alltäglichen Weg gewählt.

1999 packt der damals 22-Jährige seine Ersparnisse, schnallt den Rucksack auf und geht auf Wanderschaft. Raus in die Wälder, unter freiem Himmel schlafen, nur mit einer Plane zum Schutz. Viereck folgt seiner inneren Stimme, kreuz und quer durch Wälder und Wiesen, die für einige Monate sein Zuhause werden und ihn Stück für Stück seiner Bestimmung näher bringen: den Baumpilzen.

Das Ergebnis: So sehen die Burgen fertig aus.

Auch heute noch sammelt er sie in den heimischen Wäldern. Stundenlang streift er da umher. Manchmal findet er sofort welche, manchmal dauert es Stunden. Nach mehreren Wochen Trocknungszeit sägt oder schleift er den Pilzen einen geraden Boden, damit sie am Ende auch gerade stehen. „Dann kommen sie unter die Säge“, sagt der Kreativkopf und erklärt die weiteren Arbeitsschritte: unauffälligen Ansatzpunkt für das Sägeblatt suchen, dann die Grundrisse sägen. Zwei oder drei, manchmal auch vier oder fünf - je nachdem, wie viele Etagen seine Schiebeburg haben soll. Schiebeburg deshalb, weil sich die einzelnen Etagen auseinanderziehen lassen. „Das ermöglichen die Dicke des Sägeblatts und eine spezielle Arbeitstechnik“, sagt Viereck. Am Ende noch mit dem Lötkolben Verzierungen wie Fenster und Türen einbrennen und fertig sind die kleinen Kunstwerke, mit denen der naturverbundene Viereck es nun anstrebt, neben der ebenfalls mit viel Leidenschaft ausgeübten Imkerei und einer Teilzeitstelle als Behindertenbetreuer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. „Das wäre mein großer Traum, denn nach meiner Zeit in den Wäldern kann ich mit dem normalen Joballtag nicht mehr viel anfangen.“

Mit seiner Geschichte mag er auf Viele wie ein Sonderling wirken. Das ist er aber ganz und gar nicht, denn er tut schlicht das, wonach sich andere sehnen, niemals aber trauen würden, es umzusetzen. Viereck lässt sich vom Strom des Lebens leiten, deshalb fühlt er sich heute angekommen. Angekommen bei den Pilzburgen und in seiner urigen Werkstatt fernab von Hektik und Stress.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.