76-jähriger Escheberger hat die Spuren seiner Familie in Kassel entdeckt

Mit Gänsehaut zum Judentum

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Auf der Suche nach seinen jüdischen Wurzeln gab es für den Escheberger Jochen Bauer einige Überraschungen.

Escheberg – Da waren diese Gänsehaut-Momente in den vergangenen Jahren, bei denen sich die Puzzleteile seines Lebens zusammenfügten.

Die Erkenntnis, die sich in Israel einstellte, als Jochen Bauer bewusst wurde, dass er Jude ist und sein will. Oder die Abfrage mit der Internetsuchmaschine Google, die plötzlich seine Uroma als Teil einer bekannten Familiendynastie ausspuckte.

Seit 2013 ist der gebürtige Frankfurter auf einer spannenden Reise zu seinen Wurzeln, denen er offenbar unbewusst folgte, als er damals von Frankfurt nach Kassel zog, um dort eine Lehrerstelle anzunehmen. Bis zu seiner Pensionierung war Bauer, der heute auf Gut Escheberg lebt, Rektor in der Vellmarer Ahnatalschule. Dass der heute 76-Jährige jüdische Vorfahren hat, erzählte ihm seine Mutter schon als Kind. Die Oma sei Jüdin gewesen. Obwohl seine Mutter und er evangelisch waren, spürte er schon damals, dass seine Mutter im protestantischen Glauben nicht zu Hause war.

Immer wieder erzählte sie von jüdischen Bräuchen und hatte auch Kontakt mit einem Rabbiner. „Aus Angst vor den Nazis, und nicht aus Liebe, hat sie wohl meinen Vater geheiratet, einen blonden, blauäugigen Mann.“ Warum das so war, wurde Bauer bewusst, als er an alte Aufzeichnungen der Nazis über seine Mutter kam. Darin war sie als Vierteljüdin gebrandmarkt. „Am Ende des Krieges war meine Mutter die Erste, die eine weiße Decke aus dem Fenster hing. Sie war wahnsinnig erleichtert.“

Der Grund, warum er sich vor ein paar Jahren nicht nur auf die Suche nach seinen Vorfahren machte, sondern inzwischen bekennender Jude ist und regelmäßig zum Beten in die Synagoge nach Kassel fährt, beantwortet er in seiner humorvollen Art: „Man soll seinen Vorfahren Freude machen, und ich glaube, die hüpfen jetzt im Himmel auf und ab. Ohne Internet wäre meine Suche ins Leere verlaufen“, meint Bauer, der irgendwann den Namen seiner Uroma Julje Fränkel in die Suchmaske von Google eintippte.

Tatsächlich erschien dort ihr Name. Eine Gruppe von Ahnenforschern berichtete, dass sie Teil der Fränkel-Dynastie sei. Über diese Leute erhielt er den Kontakt zu einem Larry Fränkel in den USA. Die Kontaktaufnahme war für Bauer, der auch Englisch unterrichtete, kein Problem. Larry Fränkel entpuppte sich als Großcousin von Bauer und war überglücklich, weil ihm bei der privaten Ahnenforschung der Familienzweig von Julje Fränkel fehlte. Da konnte ihm Bauer helfen und erhielt eine überraschende Information: Einer von Bauers Söhnen ist Chefarzt in einer Offenbacher Klinik, und die Familie war immer davon überzeugt, dass er der erste Mediziner in der Familie ist. Die überraschende Recherche ergab, dass der Vater seiner Uroma, Simon Fränkel, ein Krankenhaus in Kassel-Bettenhausen leitete.

Hier schloss sich für Bauer der Kreis. Als er damals ins für ihn fremde Nordhessen zog, war er bereits unbewusst auf den Spuren seiner Verwandtschaft unterwegs.

Inzwischen hat er die Urkunde bekommen, die ihm schwarz auf weiß bestätigt, Jude zu sein. „Man kann nicht zum Judentum konvertieren, entweder man ist Jude oder nicht“, so Bauer. Die Anerkennung sei nur möglich, wenn mütterlicherseits jüdische Wurzeln vorhanden seien. Jochen Bauer fährt nun auch regelmäßig in die Synagoge nach Kassel. Das Judentum sei nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern auch eine ethnische Volksgruppe. Über viele seiner Eigenschaften fühlt er sich mit anderen Juden verbunden. „Wir sind sehr unerschrocken, haben wenig Ängste und sind humorvoll“, sagt er. Durch die deutsche Geschichte gingen viele Menschen verkrampft mit dem Juden-Thema um. Er könne dagegen jetzt ganz entspannt sein und endlich mal unverdächtig einen jüdischen Witz erzählen, sagt der Escheberger und lacht herzhaft.

Das Hospital in Bettenhausen, wurde von 1740 bis 1880 von der israelitischen Gemeinde betrieben. Einer der Leiter war Simon Fränkel, der Ururopa von Jochen Bauer. Im Judentum gehörte es zu den Pflichten des Menschen, anderen zu helfen, ihre Nöte zu lindern. Besonders bestand die Verpflichtung, für Arme und Kranke zu sorgen. Jüdische Krankenpflege existierte in Deutschland vor und neben der christlichen Pflege am Menschen. Das erste nachweisbare jüdische Spital wurde 1462 in Frankfurt am Main errichtet.

In der jüdischen Krankenpflege hat der Krankenbesuch (hebräisch: Bikkur Cholim) eine besondere Bedeutung. Für die medizinische Betreuung der Kranken waren in alter Zeit die Gemeindeärzte zuständig. Eine jüdische Krankenpflegestation soll schon im 17. Jahrhundert in Bettenhausen existiert haben. Quelle: Bernd Schaeffer

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