Neue Technik gegen Mähtod

Tiere mit Licht und Ton vor der Mahd aus dem Feld locken

Rehkitz-Retter im Einsatz: Thomas Rose (links) vom Kreisbauernverband Kassel aus Zierenberg und Jäger Frank Meister mit neuer Technik, um Rehe vor der Mahd zu retten. Mit im Bild ist Hündin Tante Frieda.
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Rehkitz-Retter im Einsatz: Thomas Rose (links) vom Kreisbauernverband Kassel aus Zierenberg und Jäger Frank Meister mit neuer Technik, um Rehe vor der Mahd zu retten. Mit im Bild ist Hündin Tante Frieda.

Mit Beginn der Wiesenmahd gilt es, dem Mähtod von Tieren entgegenzutreten. Und dazu wird jetzt in Zierenberg eine neue Technik mit Blitzlicht und schrillen Tönen eingesetzt.

Zierenberg – Landwirte können das Gerät am Abend vor der Mahd aufstellen, damit Rehe ihre Kitze aus dem Feld führen. Durch eine enge Kommunikation zwischen Jägern und Landwirten können Rehkitze aber auch Junghasen oder die Gelege von bodenbrütenden Vogelarten vor den Mähmaschinen mittels neuer Technik geschützt werden.

„An den Tagen vor der Mahd siehst du ein Reh auf der Wiese stehen. Du weißt, dass es dort seine Kitze liegen hat. Und dann versuchst du alles, um es aus der Wiese zu vertreiben“, erzählt Frank Meister, Jäger im Revier Zierenberg. Alle möglichen Mittel wurden bereits eingesetzt: Luftballons, am Vortag auf der Wiese aufgestellt, mit speziellen Duftspendern, die Raubtiergeruch verströmen, oder Anbaugeräte am Mähwerk – das alles wurde schon getestet.

Rehkitzretter im Einsatz in Zierenberg: Jäger Frank Meister testet ein Gerät in einem Feld bei Zierenberg. Mit dabei ist Hündin Tante Frieda.

Im vergangenen Jahr haben Jäger und Landwirten rege diskutiert, ob zur Kitzrettung eine Flugdrohne angeschafft werden solle. Diese Fluggeräte sind mit einer Wärmebildkamera ausgestattet. Damit entdeckt man die kleinen Kitze auch in hohem Gras sehr sicher. „Damit sieht man sogar Maulwürfe“, erklärte Thomas Rose vom Kreisbauernverband.

Allerdings erfolge eine Wiesenmahd nicht nach Terminkalender. Wenn das Gras schnittreif ist und das Wetter gut, dann müsse gemäht werden. Das bedeutet: Fast alle Landwirte arbeiten etwa zur gleichen Zeit. Zwei oder drei Stunden vorher müssten Drohne und Pilot mit Helfern bei jeder betreffenden Wiese vor Ort sein. „Das ist nicht zu schaffen“, sagten Meister und Rose. Diese technisch anspruchsvolle und ausgereifte Lösung wurde deshalb als wenig praktikabel verworfen. Die Kosten für eine Drohne seien zudem sehr hoch.

Nach Recherchen der Landwirte und Jäger in den Netzwerken stießen die Verantwortlichen dann auf Erfahrungsberichte der Kitzretter in Vöhl im benachbarten Waldeck-Frankenberg. Dort haben die Kitzretter bei ähnlicher Grünlandstruktur mit diesem System sehr gute Erfahrungen gemacht.

Kleiner Lebensretter: So sieht das Gerät aus.

Nicht nur, dass ein verletztes oder getötetes Rehkitz eine schlimme Erfahrung für einen Landwirt ist. Ein totes Tier, das unentdeckt in Heuballen mit eingearbeitet wird, vergiftet womöglich durch gefährliche Bakterien Rinder.

Jäger und Bauern retten Rehkitze

Eine Kollision mit einem Mähwerk endet für die meisten Tiere tödlich. Deshalb setzen Landwirte und Jäger rund um Zierenberg auf neuste Technik und setzen den Rehkitz-Retter ein. Blaue Blitze und schrille Töne sollen die Rehmütter beunruhigen, damit sie ihre Kitze aus dem Feld führen. Bleiben die Kitze liegen, haben sie kaum eine Chance. „Sie besitzen noch keinen Fluchtinstinkt und das Gras wäre auch viel zu hoch für die kleinen Beine, um weglaufen zu können“, erklärte Jäger Frank Meister. Deshalb werde alles versucht, um die Tiere zu vergrämen. „Es ist für die kleine Kreatur schrecklich, von den Messern eines Mähers verletzt zu werden. Und als Jäger fühlst du dich mit dem Landwirt verantwortlich“, so Meister.

Auch der Zierenberger Landwirt Thomas Rose, der dem Vorstand des Kreisbauernverbandes Kassel angehört, berichtet von schlimmen Vorfällen solcher Art. „Das schlimmste für uns ist ein angemähtes Rehkitz“, so Rose. Deshalb solle alles Mögliche getan werden, um Kitze zu retten.

Nicht nur das Gewissen und das Tierschutzgesetz alleine erlegen es dem Landwirt auf, Maßnahmen zu ergreifen, um Wildtiere vor Tod oder Verletzung durch seinen Maschineneinsatz zu schützen. Unbedingt muss er auch verhindern, dass tote Tiere unerkannt mit dem Grasschnitt verarbeitet werden, weiß Frank Meister. Bei der Herstellung der Grassilage als Futtermittel für Rinder und Kühe können sonst starke Gifte darin entstehen, nämlich Botulinum- Neurotoxine. Wird die vergiftete Grassilage dann verfüttert, erkranken in der Regel 30 bis 40 Prozent des Tierbestandes an Botulismus. Diese Krankheit verläuft schwer, oft tödlich. „Das kann durch das Vergrämen der Tiere im Feld vor der Mahd vermieden werden“, sind sich Thomas Rose und Frank Meister einig. Angeschafft hat die Jägerschaft Zierenberg 25 Geräte zum Preis von je 100 Euro. Finanziert wurden diese kleinen Lebensretter von der Jagdgenossenschaft und den Ortsbauern.

So können vom Landwirt selbst am Vortag diese Geräte auf der Wiese aufgestellt werden. Durch blaue Lichtblitze und Pfeiftöne sorgen die sehr wirksam dafür, dass die Rehmutter ihre Kitze aus dem Gefahrenbereich führt. Die Ricke darf sich allerdings nicht an die Geräte gewöhnen und erkennen, dass keine Bedrohung von ihnen ausgeht. Deshalb werden die auch nach spätestens zwei Tagen und natürlich vor der Mahd wieder abgebaut, erklärte Frank Meister. Auf einer Fläche von rund 100 Hektar könnten sich bis zu zehn Kitze befinden. Ein Gerät reicht für die Fläche von bis zu drei Hektar. „Man muss darauf achten, wo man das Gerät platziert“, sagte Meister. Die Geräte sollten circa 50 bis 70 Meter von der Waldkante aufgestellt werden. Die beste Wirkung erzielen sie in einem Umkreis von 100 Metern. Wenn es jetzt also blitzt und zischt in der Gemarkung, dann werden hoffentlich viele Kitze gerettet. (Monika Wüllner)

Blaue Blitze und schrille Töne

Unter großzügiger finanzieller Förderung durch die Ortsbauern und die Jagdgenossenschaft wurden von der Jägerschaft Zierenberg nun 25 solcher Rehkitz-Retter angeschafft. Damit können Rehe mit ihren Kitzen auf Wiesenflächen von insgesamt 50 bis 75 Hektar wirksam vertrieben werden. Von der Jägerschaft wurden die Geräte den Landwirten mit Wiesenflächen zur Verfügung gestellt. Wer jetzt also blaue Blitze und schrille Töne hört – es sind die kleinen Retter. 

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