Zierenberg bekommt zur Pogromnacht Besuch aus England und Israel

Vertriebene jüdische Familie sucht ihre Wurzeln in Zierenberg

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Die Wurzeln der jüdischen Familie Jacob und Sophie Schartenberg mit Sohn Walter (links) reichen bis ins Jahr 1320 zurück.

Eine außergewöhnliche Gedenkfeier zur Pogromnacht findet am Donnerstag statt: Die Nachkommen der ältesten und größten jüdischen Familie aus Zierenberg werden erstmals in die Stadt kommen.

Dorothy Sadlik aus England und Susan Olsburgh aus Israel, die Enkeltöchter des angesehenen jüdischen Schneiders Jacob Moritz Schartenberg, gehen gemeinsam mit ihren Ehemännern in der Heimat ihrer Vorfahren auf Spurensuche. Schüler der Elisabeth-Selbert Schule hatten die Biografie der Familie recherchiert und die Arbeitsgemeinschaft Erinnerungskultur Zierenberg spürte schließlich die Nachkommen der Familie Schartenberg auf.

„Die Töchter haben sich sehr über die Kontaktaufnahme gefreut“, berichtet AG-Sprecher Wilfried Wicke. „Es bewegt uns sehr, dass die Frauen erstmals die Heimatstadt ihrer Vorfahren besuchen“. Schon im vergangenen Jahr waren vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie in der Poststraße vier Stolpersteine verlegt worden. Jacobs Sohn, Walter Schartenberg, konnte mit seiner Familie 1938 Nazideutschland noch rechtzeitig gen England verlassen. Quasi auf die letzte Minute, einige Tage vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges, holte er seinen Vater und seine Mutter nach Newcastle nach.

80 Jahre nach der Pogromnacht ist in Zierenberg ein ganztägiges Programm vorgesehen. So besuchen die beiden Frauen den jüdischen Friedhof und das ehemalige Haus der Familie. Einen Austausch mit Schülern wird es in der Elisabeth-Selbert-Schule geben und es ist ein Empfang im Rathaus vorgesehen. Am Donerstagabend, 8. November, findet die ökumenische Gedenkfeier statt, die Sadlik und Olsburgh mitgestalten. Am Abend ist ein Konzert geplant.

Am selben Tag wird auch die AG Erinnerungskultur ihre neue Broschüre „Jüdisches Leben in Zierenberg bis 1938“ vorstellen.

Zuhause der Familie Schartenberg: In diesem Haus lebte und arbeitete Jacob Moritz Schartenberg mit seiner Frau und den Söhnen Walter und Ludwig. In dem Gebäude in der heutigen Poststraße 37 gab es ein Stoffgeschäft mit Manufaktur und Modewaren.

Misshandelt und beschimpft: Die Geschichte der Schartenbergs

Jacob Schartenberg wurde misshandelt, beschimpft und mit seiner Familie aus seiner Heimatstadt Zierenberg gejagt. In letzter Minute entkam er den Schergen des Naziregimes und konnte nach England flüchten. Die Familie Schartenberg war die wohl älteste und größte jüdische Familie in Zierenberg, deren Wurzeln bis ins Jahr 1320 zurückreichen. Jacob Schartenberg betrieb ein erfolgreiches Stoffgeschäft mit Manufaktur und Modewaren in der Poststraße 34. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg und kehrte halb taub zurück, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz. Nach dem Krieg baute er sein Geschäft weiter aus. 

Ging mit 25 Jahren nach England: Walter Schartenberg, der sich später Sharman nannte. Seine Töchter kommen morgen nach Zierenberg.

Die jüdische Familie lebte einvernehmlich mit ihren christlichen Nachbarn in der Poststraße und hatte viele Freunde in der Stadt. Jakob war Kassenwart im Radfahrverein, Mitglied der Turngemeinde und erhielt eine Ehrenurkunde für seine 25-jährige Mitgliedschaft in der Feuerwehr. Außerdem gehörte er dem Steuerausschuss des Finanzamtes Wolfhagen an und war im Jahr 1933 Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde Zierenberg und der letzte Gemeindeälteste. Nachdem das Klima in Zierenberg umschlug, wurden auch sein Haus und seine Familie in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 angegriffen. Er wurde schwer misshandelt und mit Knüppeln bewusstlos geschlagen. Der Mob plünderte sein Geschäft. Einige Stunden später nahm ihn die  Polizei fest und deportierte ihn nach Buchenwald. 

Wegen seines Dienstes als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg wurde er zunächst wieder entlassen. Da das Klima auf dem Land immer judenfeindlicher wurde, flüchtete er mit seiner Frau zunächst nach Kassel. Seine Söhne Ludwig und Walter Schartenberg erkannten die Zeichen der Zeit rechtzeitig. Ludwig zog 1936 nach Pisa, studierte dort Medizin und emigrierte später nach New Jersey. Walter Schartenberg verließ Deutschland im Januar 1938 und eröffnete eine Textilfabrik in Newcastle. In England nahm er den Familiennamen Sharman an. 

Unermüdlich kämpfte Walter Schartenberg nun dafür, seine Familie nach England zu holen. So ließen Jacob und Sophie Schartenberg alles in Kassel zurück und erreichten im August 1939 Dover in England. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1954 verließ Jacob England und zog zu seinem Sohn Ludwig nach New Jersey, wo er im selben Jahr starb. Walter Sharman, der inzwischen verstorben ist, hatte später immer wieder Kontakt nach Deutschland. Er schrieb mehrere Beiträge für das Jahrbuch des Landkreises Kassel und andere Publikationen. Zur Pogrom-Gedenkfeier kommen zwei von seinen Töchtern, die in London und Netanya bei Israel leben.

Hintergrund: Gedenken an die Progrome

Das Gedenken an die Pogrome 1938 finden in Zierenberg am Donnerstag, 8. November, statt. Gegen 11 Uhr werden Dorothy Sadlik und Susan Olsburgh von der Arbeitsgemeinschaft Erinnerungskultur vom Bahnhof abgeholt. Danach geht es auf den jüdischen Friedhof und zum ehemaligen Haus der Familie in der Poststraße. Es schließt sich ein Besuch in der Zierenberger Elisabth-Selbert-Schule an. Am Nachmittag sind ein Stadtrundgang und ein Empfang im Rathaus geplant.

Die Gedenkstunde zur Pogromnacht beginnt um 18 Uhr am Ort der ehemaligen Synagoge. Gestaltet wird diese Veranstaltung mit deutschen und hebräischen Inhalten von der Stadt Zierenberg und den beiden Kirchen. Der Gedenktag in Zierenberg endet mit einem Konzert des Duos CHA-LI-RO aus Kassel ab 19.30 Uhr in der evangelischen Stadtkirche. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

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