1100 Nordsee-Änderungen: So arbeiten Wikipedianer

Wikipedia ist unter vielen Usern beliebt.

Berlin/Tübingen - Die deutschsprachige Ausgabe des Mitmach-Lexikons Wikipedia zählt gut eine Million angemeldete Benutzer. Doch nur wenige Tausend sind wirklich aktiv. So arbeiten sie.

Die Anfänge des deutschsprachigen Online-Lexikons Wikipedia waren eher bescheiden. “Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Großbritannien, Skandinavien, und Friesland“, hieß es beispielsweise 2001 in einer frühen Version des Artikels zur Nordsee.

Inzwischen ist das Web-Nachschlagewerk hoch professionell, nicht nur bei N wie Nordsee. Es verrät etwa auch, dass Peptidoglycane Konjugate von Polysacchariden mit Peptiden sind. Sie geben Zellwänden von Bakterien ihre Festigkeit. Aufgeschrieben im Artikel Naturstoffe hat das Kai Oesterreich, ein erfahrener Wikipedianer.

“Damals ist die Wikipedia wirklich als primitives Projekt gestartet“, sagt Oesterreich, der sein Geld als promovierter Chemiker in Tübingen verdient und ehrenamtlich in der Chemie-Redaktion der Wikipedia mitarbeitet. Er hat seit 2004 knapp 4000 Wikipedia-Artikel ergänzt und gut 100 neue geschrieben. Laut Wikipedia-Sprecherin Catrin Schoneville gehört Oesterreich damit zum Kern der wenigen Tausend Wikipedia-Benutzer, die regelmäßig viele Stunden Arbeit in die deutsche Version der Enzyklopädie investieren.

“Meine ersten Artikel hätten heute keine Chance mehr, sie würden sofort gelöscht“, sagt Oesterreich. Denn mittlerweile wird ein großes Vorwissen vorausgesetzt. “Wenn man bei Wikipedia unbedarft anfängt, verstößt man leicht gegen die vielen Regeln, die es mittlerweile gibt“, bestätigt Christian Stegbauer, der ein Forschungsprojekt zu Wikipedia geleitet hat. Viele Artikel von Neulingen würden gleich wieder gelöscht. “Wenn das passiert, steuern die Leute einmal und nie wieder etwas bei“, betont Soziologe Stegbauer, der derzeit eine Professur an der Uni Erfurt vertritt.

Dabei ist die Wikipedia nur so gut wie ihre Helfer - Neulinge sind also immer erwünscht. “Um diesen Widerspruch aufzulösen, wurde das Mentorenprogramm gegründet“, erzählt Wikipedianer Oesterreich. Er ist einer der gewählten Mentoren und begleitet Anfänger, die sich Hilfe beim Verfassen von Artikeln wünschen. Die Anleitung läuft direkt über die Wikipedia-Plattform auf Diskussionsseiten.

“Eines der Hauptprobleme“, sagt Oesterreich, “ist die Vorstellung darüber, was relevant für die Wikipedia ist.“ Viele Neulinge meldeten sich an und schrieben über den örtlichen Fußballverein oder das jährliche Schützenfest. “Wenn sie dann sehen, dass ihre Arbeit gelöscht wird, sind sie frustriert.“

Das Prinzip der deutschen Wikipedia sei es, Wissen werbefrei mit einer freien Lizenz zu gewähren und auszubauen - nicht aber, jede beliebige Information für alle abrufbar zu machen. Artikel, die etwas Lokales aus Süddeutschland erklärten, müssten auch in Hamburg und Berlin noch Relevanz besitzen. “Wobei natürlich jeder unbekannte Ort eine Relevanz besitzt, aber nicht unbedingt der dortige ansässige Verein“, sagt Oesterreich.

Doch es gebe noch mehr falsche Annahmen: “Viele denken, die Wikipedia brauche nur geschriebenes Fachwissen“, sagt Oesterreich. Die Aufgaben seien weitaus vielfältiger. “Ein bisschen wie in einem großen Medienhaus haben auch wir unsere Spezialisierungen.“

So gebe es beispielsweise für Fotografen die Herausforderung, Artikel in der Wikipedia zu bebildern - der alpenländische Kraftsport Fingerhakeln etwa ist noch ohne Foto. Rechtschreibexperten seien für das Mitmach-Lexikon genauso gesucht wie Fachleute für Urheberrecht. “Denn wer weiß schon, dass es verboten ist, Nachtaufnahmen vom beleuchteten Eiffelturm in Frankreich zu veröffentlichen?“, fragt Oesterreich.

Wecker, Festnetz, CD: 10 Dinge, die vom Aussterben bedroht sind

Computer und Smartphones den Alltag rasant. Im digitalen Zeitalter wird vieles schnell unmodern. Zehn (angeblich) unmoderne Dinge und Phänomene ... © dpa
HANDSCHRIFTLICHE BRIEFE: Na, leiden Sie auch unter Nostalgie beziehungsweise “Netzlos-talgie“? In Zeiten des Internets liegt kaum noch persönliche Post im Briefkasten - fast nur noch Rechnungen und Werbebroschüren. Selbst die Liebe wird oft nur noch in SMS und E- Mails bekundet. Menschen des 19. Jahrhunderts würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, dass ihr geliebter seitenlanger Brief im 21. Jahrhundert vom Aussterben bedroht ist. © dpa
2. POSTKARTEN: Früher war es Pflicht, aus dem Urlaub eine kitschige Ansichtskarte zu schicken. “Viele Grüße aus...“, “Das Wetter ist schön und wir unternehmen viel...“ - belanglose Zeilen dieser Art vermisst wohl niemand. Allerdings gibt es kaum jemanden, der sich nicht freut, wenn ein lieber Mensch ihm eine Karte schreibt, statt nur mit einer Handy-Nachricht oder via Facebook über eine Reise zu berichten. © dpa
3. PAPIERFOTOS: Die vergilbten Kinderfotos aus den 60er und 70er Jahren, die Urlaubsfotos aus den 80ern (oder gar die Dias!) - früher konnte man Erinnerung in den Händen halten und betrachten. Etwa seit Mitte der Nullerjahre sind viele Reisen und private Ereignisse nur noch auf Chipkarten und in Computern gespeichert. Wehe den Babys, die 2010 geboren wurden - ist ihre Kindheit nach einem PC-Absturz komplett ausgelöscht? © dpa / Jens Schierenbeck
4. LEXIKA UND WÖRTERBÜCHER: Wissen hatte früher ein paar hundert Seiten und passte zwischen zwei Buchdeckel. Die Vokabeln und das Allgemeinwissen gingen von A bis Z. Nur manchmal wünscht man sich diese niedliche Welt zurück. Sonst ist es wunderbar, stets aktualisiertes Wissen im Web zu finden und zum Beispiel das französische Wort für “Pulverschnee“ nicht minutenlang erblättern zu müssen, sondern schnell getippt abzufragen. © dpa
5. DIE CD: Am schlimmsten waren in den 90ern diese unförmigen CD- Ständer, die Platz wegnahmen und suggerierten, ein cooler Staubfänger zu sein, jedoch einfach nur ein Staubfänger waren. In Zeiten von iTunes und MP3 kaufen immer weniger Menschen materielle Tonträger. Die Musik ist flüchtiger geworden und nimmt auch keinen Platz mehr weg in den Wohnungen. Ausgenommen vom Trend zur leeren Wohnung: Schallplatten-Fans... © dpa
6. 2D-FILME: Wenn die Kinowirtschaft nicht mehr weiterweiß, dann greift sie zu 3D. In den 50ern und 60ern gab es eine 3D-Welle, um die Leute weg vom Farbfernseher zu Hause in die Lichtspielhäuser zu locken, in den 80ern waren dann Videorekorder der Grund. Zurzeit geht es darum, die Menschen weg von den Raubkopien und Computerspielen ins Kino zu bewegen. Diesmal scheint sich der Trend zu verstetigen. Doch schlechte Storys sind auch in 3D nicht gut. © dpa
7. FESTNETZTELEFONATE: Immer mehr Menschen schaffen ihr Festnetztelefon ab, weil sie es neben dem Mobiltelefon zu teuer finden oder sowieso kaum daheim sind. Mancher fühlt sich von einem Anruf zu Hause mehr gestört als vom Handy, das zwar in der Tasche ein weit größerer Eingriff in die Privatsphäre ist, aber notfalls auch lautlos gestellt oder ausgeschaltet sein kann. Ein lautes Festnetztelefon in der Wohnung schreckt oft mehr auf. © dpa
8. DISKUSSIONEN: Früher gab es ausgiebige Debatten unter Freunden. Wie hieß nochmal der Laden in Paris mit den tollen Cocktails? Heute wird jedes aufkommende Gespräch weggegoogelt. Irgendjemand ist immer da, der sein Handy zückt und im Internet nachschaut. Keine Fachsimpeleien mehr, sondern mehr oder weniger gesicherte Fakten von Wikipedia. Alles wird geklärt, bevor die Unterhaltung anregend wird. Manchmal sitzen Menschen zusammen und starren lieber aufs Smartphone als Smalltalk zu betreiben. Die virtuelle Realität besiegt das echte Gegenüber. © dpa
9. WECKER: Wo früher der Wecker stand, liegt heutzutage das Handy mit Weckfunktion. Ein eigenes Gerät braucht man für den Start in den Tag nicht mehr. Aus dem Tiefschlaf lässt man sich moderner reißen. Besser wird der unangenehme Vorgang dadurch aber nicht. © dpa
10. ECHTE FREUNDE: Das Wort “Freund“ hat im Zeitalter sozialer Netzwerke eine schwächere Bedeutung bekommen. Freundschaft ist..., wenn man Kontakt miteinander aufnimmt. Ich klicke dich an, du klickst mich an. Kann man mehr als 150 Bekannte haben? Kritiker werfen Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (neben datenschutzrechtlichen Problemen) vor, seine “süchtigen“ etwa 500 Millionen Nutzer in der Welt eines unbekümmerten Harvard-Studenten gefangen zu halten. © picture alliance / dpa-tmn
Ist das wirklich so? Jedenfalls sprechen die Angewohnheiten vieler Nutzer dafür: Sie laden möglichst nur “coole“ Interessen und Bilder hoch, machen eindeutige Beziehungsangaben und wenig komplexe Statusangaben und pflegen vor allem die Unsitte, jeden einmal Gesehenen zum “Freund“ zu verklären. © picture alliance / dpa-tmn

Gesucht werden auch Übersetzer, Experten für Lautschrift, Landkarten oder Programmierung - ja sogar Helfer, die ausgewählte Artikel für Blinde einsprechen. Es gibt viel zu tun.

“Aber wir wissen natürlich, dass die meisten Benutzer Artikel ergänzen oder neue schreiben wollen“, berichtet Oesterreich. Für sie hat er noch einen wichtigen Tipp: Eigenes Wissen sei ebenso wenig eine Quelle wie Webforen oder Blogs ohne entsprechende Reputation.

Für alle Anfänger gibt es bei der Wikipedia die “Spielwiese“ - auf ihr wird die Probearbeit regelmäßig “gemäht“. Wer dann etwas sicherer ist, legt los - vielleicht betreut von einem der 100 Mentoren wie Kai Oesterreich. “Ich kann nur jeden ermutigen. Und wir brauchen ständig Unterstützung“, sagt er. Denn die Artikel reichen von AAAA (Baugröße von Batterien) bis ZZZ (Zentralkomitee der Zünfte Zürich) - vollständig sei die Wikipedia aber längst nicht. Und den Beitrag zur Nordsee haben Hunderte Nutzer seit 2001 rund 1100 Mal geändert.

dpa

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