Der Abstieg des Blackberrys 

Waterloo - Barack Obama konnte sich von seinem nicht trennen. Oprah Winfrey nannte ihn eines ihrer Lieblingsdinge: den Blackberry. Doch dann kam eine neue Generation der Smartphones.

Inzwischen wird angesichts eines rapide sinkenden Marktanteils sogar spekuliert, ob der Hersteller Research in Motion (RIM) überhaupt eine Zukunft hat.

Mit einem Barvermögen von zwei Milliarden Dollar erscheint eine Insolvenz von RIM kurzfristig höchst unwahrscheinlich, aber trotzdem sorgt man sich in Waterloo in Ontario, einer Stadt mit 100.000 Einwohnern, die der BlackBerry in ein kanadisches Silicon Valley verwandelte. RIM ist Kanadas wertvollstes Technologieunternehmen, eine internationale Marke von solch großer Strahlkraft, dass Gründer Mike Lazaridis und Co-Vorstand Jim Balsillie ihre Namen auf einer offiziellen Regierungsliste der Nationalhelden wiederfanden - neben einem gewissen Alexander Graham Bell.

RIM hielt noch 2009 einen Anteil von 44 Prozent am amerikanischen Smartphone-Markt. Im vergangenen Jahr waren es noch zehn Prozent, wie die Marktforscher der NPD Group ermittelten. Das Unternehmen hat noch immer 78 Millionen aktive Nutzer weltweit. Doch im vergangenen Monat warnte RIM, es werde in diesem Quartal erneut Verluste schreiben und Mitarbeiter entlassen müssen. Bereits im vergangenen Juli wurden 2.000 Arbeitsplätze gestrichen.

„Wie würde diese Region ohne RIM aussehen?“

Von RIMs 16.500 verbliebenen Mitarbeitern leben 7.500 in Waterloo, einer Universitätsstadt 90 Minuten von Toronto entfernt. Dort kennt jeder jemanden, der für RIM arbeitet. Der Einfluss von RIM auf sein Arbeitsgebiet - Gewerbeimmobilien - sei enorm, erklärt John Lind. Niemand in der Region wolle etwas Negatives über RIM sagen, aber die Leute fragten sich: „Wie würde diese Region ohne RIM aussehen?“

Der Abstieg des BlackBerrys vollzog sich atemberaubend schnell. Noch vor fünf Jahren, als das erste iPhone auf den Markt kam, sahen nur wenige eine Bedrohung für den BlackBerry. Heute erklärt der Vorstandsvorsitzende Thorsten Heins, seine Mitarbeiter würden ständig gefragt: „Was ist los mit euch? Was ist passiert? Und wie schlimm wird es werden?“

Die RIM-Software konzentriert sich immer noch auf E-Mails, ist weniger benutzerfreundlich als beim iPhone oder den Android-Modellen. Ein Versuch mit Touch-Screens ging daneben und auch die zugkräftigen Apps fehlen. Von seinem Tablet, dem PlayBook, konnte RIM im vergangenen Jahr trotz einer deutlichen Preissenkung nur 500.000 Stück absetzen - Apple verkaufte im selben Zeitraum 11,8 Millionen iPads. RIMs Hoffnungen ruhen nun auf BlackBerry 10, einem neuen Betriebssystem, das in diesem Jahr erscheinen soll. Es ist den neuen Anforderungen nach Multimedia-Anwendungen, Internet-Browsing und Apps angepasst.

RIM war mit 83 Milliarden Dollar im Juni 2008 das wertvollste Unternehmen in ganz Kanada. Seither ging der Aktienkurs jedoch stetig zurück, von damals mehr als 140 Dollar auf rund zehn Dollar.

Dominanz bei Firmen-Smartphones

Aber Waterloo lebt nicht allein von RIM. Inzwischen haben sich mehr als 800 Technologiefirmen angesiedelt. Kleinere Unternehmen wie Desire2Learn haben ihre Mitarbeiterzahl im letzten Jahr verdoppelt und auch Google hat ein Büro eröffnet. Der Vorsitzende des Zentrums für Regierungsführung und Innovation, einem Forschungsinstitut mit Sitz in Waterloo, Tad Homer-Dixon, vergleicht die Stadt mit Rochester im US-Staat New York, das den Zusammenbruch von Kodak mithilfe kleinerer Unternehmen abfedern konnte.

Das Zentrum wurde von Balsillie gegründet. Er und Lazaridis haben der Gemeinde zusammen mehr als 400 Millionen Dollar gespendet. Das Geld ging unter anderem an ein Institut für Theoretische Physik und die Fakultät für Internationale Beziehungen an der Universität Waterloo. „In zehn Jahren wird der BlackBerry vielleicht im Museum liegen, aber diese Institutionen werden hoffentlich immer noch gedeihen“, sagt Homer-Dixon.

Heins sagte der Nachrichtenagentur AP, er werde nicht versuchen, direkt mit Apple zu konkurrieren. Er wolle vielmehr auf RIMs Stärken setzen, wie die Dominanz bei den Firmen-Smartphones. 90 Prozent der größten US-Unternehmen nutzen nach Angaben von RIM den BlackBerry, genauso wie mehr als eine Million Regierungsmitarbeiter in den USA. „Im Endeffekt kann man immer zurückkommen, wenn das Produkt gut ist“, sagte Heins.

dapd

Rubriklistenbild: © dapd

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