Assange wartet schon Monate auf Entscheidung

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Julian Assange steht unter Hausarrest und wartet auf eine Entscheidung.

London - Seit fast neun Monaten ist Wikileaks-Gründer Julian Assange unter Hausarrest. Die nächste Entscheidung in dem langwierigen Verfahren könnte es erst im Oktober geben. Was tut Assange in der Zwischenzeit?

Um seine Internet-Enthüllungsplattform mögen Stürme fegen, doch das Leben von Wikileaks-Gründer Julian Assange geht seinen gewohnten Gang. Der ist ziemlich bedächtig und folgt einem immer gleichen Rhythmus - und das nun schon seit fast neun Monaten. Seit Beginn des Verfahrens um Assanges mögliche Auslieferung nach Schweden, wo er wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs befragt werden soll, steht er in Großbritannien unter Hausarrest mit strengen Auflagen.

Derzeit wartet der 40-Jährige auf eine Entscheidung über die Berufung gegen die Auslieferung, die er eingelegt hat. Assanges Unterstützer schätzen, es könnte noch Wochen dauern, bis klar ist, wie es mit ihm weitergeht. “Wir bekommen keine Vorwarnung vom Gericht“, sagte eine Sprecherin des Teams um Assanges Anwalt Ben Emmerson am Donnerstag. Derzeit warte man weiter ab. Im Internetforum “Sweden vs. Assange“ heißt es, mit einer Entscheidung über Assanges Zukunft werde erst im Oktober gerechnet.

Und so harrt auch Assange aus und gibt sich dem immer gleichen Tagesablauf hin. Das legt ein Video seiner Unterstützer über seine Zeit im Hausarrest nahe. Auf dem Anwesen seines Freundes Vaughan Smith im englischen Norfolk, auf dem sich Assange aufhalten muss, kämpft er gegen die langsame Internetverbindung. Einmal am Tag muss er sich bei der örtlichen Polizeistation melden und ab 22 Uhr gilt eine Ausgangssperre. Reisen kann der polyglotte Australier nicht mehr, seinen Pass musste er abgeben. Über eine elektronische Fußfessel ist stets klar, wo er gerade ist.

Wikileaks: So denken die Amis WIRKLICH über Merkel & Co.

Die Veröffentlichung Hunderttausender klassifizierter amerikanischer Diplomaten-Dossiers durch Wikileaks gewährt Einblicke. Darunter findet sich Peinliches und Pikantes. Das denken die Amis über die Politiker aus anderen Ländern: © dpa
Über Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in den amerikanischen Regierungsdokumenten zu lesen: Sie „meidet das Risiko, ist selten kreativ“. © dpa
Außerdem wird die Kanzlerin und CDU-Chefin als "Angela 'Teflon' Merkel" beschrieben, weil vieles an ihr abgleite wie an einer Teflon-Pfanne.  © dpa
Die Amerikaner meinen außerdem, die Kanzlerin sehe die internationale Diplomatie vor allem unter dem Gesichtspunkt, welchen Profit sie innenpolitisch daraus ziehen könne. © dpa
Vor einem Treffen mit US-Präsident Barack Obama im April 2009 meldeten US-Diplomaten nach Washington, Merkel sei “bekannt für ihren Widerwillen, sich in aggressiven politischen Debatten zu engagieren“. © dpa
Weiter heißt es über Merkel: "Sie bleibt lieber im Hintergrund, bis die Kräfteverhältnisse klar sind, und versucht dann, die Debatte in die von ihr gewünschten Richtung zu lenken.“ © dpa
Vor allem Außenminister Guido Westerwelle (FDP) wird von den Amerikanern negativ beurteilt, wie der “Spiegel“ berichtet. © dpa
Die US-Diplomaten sehen sich demnach vor die Herausforderung gestellt, wie sie mit einem Politiker umgehen sollen, der ein “Rätsel“ sei, mit wenig außenpolitischer Erfahrung und einem “zwiespältigen Verhältnis zu den USA“. © dpa
Westerwelle habe eine “überschäumende Persönlichkeit“, heißt es beispielsweise in einer Depesche der US-Botschaft Berlin vom 22. September 2009. © dpa
Deshalb falle es ihm schwer, bei Streitfragen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in den Hintergrund zu treten. © dpa
Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer gilt laut “Spiegel“ bei den Amerikanern als Populist und als unberechenbar. © dpa
Außenpolitisch sei er weitgehend ahnungslos. © dpa
Bei einem Treffen mit US-Botschafter Philip Murphy habe Seehofer nicht einmal gewusst, wie viele US-Soldaten in Bayern stationiert seien. © dpa
Die schwarz-gelbe Koalition betrachten die US-Diplomaten insgesamt skeptisch. Merkel habe das “Joch der großen Koalition abgeschüttelt, nur um jetzt mit einem FDP-CSU-Doppel-Joch belastet zu sein“, heißt es in einer Depesche vom Februar 2010. © dpa
Bei dem Wechsel des ehemaligen baden- württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger nach Brüssel sei es nach US-Ansicht darum gegangen, “eine ungeliebte lahme Ente von einer wichtigen CDU-Bastion zu entfernen“. © dpa
Der langjährige Innenminister Wolfgang Schäuble galt laut “Spiegel“ als Verbündeter der Amerikaner. Seinen Wechsel ins Finanzressort habe die US-Regierung mit Sorge betrachtet. © dpa
Mehrfach haben die US-Diplomaten laut "Spiegel" moniert, dass der neue Innenminister Thomas de Maizière (CDU) in der Terrorbekämpfung angeblich weniger Expertise und weniger Enthusiasmus zeige als Schäuble. © dpa
Deutschlands Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) wird als "schräge Wahl" gesehen. © dpa
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gilt als “enger und bekannter Freund der USA“. © dpa
Zudem bescheinigt US-Botschafter Murphy dem deutschen Verteidigungsminister, er habe deutlich mehr Ahnung von den USA als Außenminister Westerwelle. © dpa
Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) haben die Amerikaner als Kontrahentin ausgemacht, deren Ansichten US-Interessen zuwiderliefen. Zum Beispiel beim Thema Datenschutz. © dpa
Wenig schmeichelhaft: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wird von US-Diplomaten als "Kaiser ohne Kleider" bezeichnet. © dpa
Afghanistans Präsident Hamid Karsai (der wichtigste Verbündete der USA im Land) gilt als "schwache Persönlichkeit", der von "Paranoia" und "Verschwörungsvorstellungen" getrieben wird. © dpa
Russlands Premierminister Wladimir Putin wird in den US-Dossiers als “Alpha-Rüde“ bezeichnet. © dpa
Der russische Präsident Dmitri Medwedew gilt hingegen als “blass“ und “zögerlich“. Beim Georgien-Krieg im August 2008 habe Putin gegenüber Medwedew bewiesen, wer in Russland Koch ist und wer Kellner. Sprich: Putin blieb der starke Mann im Kreml. © dpa
Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi gilt der “Times“ zufolge zunehmend als Sprachrohr des russischen Regierungschefs Wladimir Putin in Europa. © dpa
Laut "Spiegel" wird Berlusconi in den US-Depeschen als "physisch und politisch schwach" dargestellt. Seine "Vorliebe für Partys" halte Italiens Ministerpräsident davon ab, genügend Erholung zu bekommen. Zudem gilt er den Amis als "inkompetent", "aufgeblasen" und "ineffektiv". © dpa
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad wird laut "Spiegel" sogar mit Nazi-Diktator Adolf Hitler verglichen. © dpa
US-Diplomaten hätten “eine geheime Allianz arabischer Staaten gegen Iran und sein Atomprogramm geschmiedet“, schrieb der “Spiegel“. Der “Guardian“ berichtete, der saudische König Abdullah (Foto) habe die USA mehrfach aufgefordert, das Teheraner Atomprogramm mit einem Angriff auf den Iran zu zerstören. © dpa
Staaten wie Bahrain und Ägypten hätten ähnliche Einschätzungen zu einem Angriff auf den Iran vertreten, enthüllte der “Guardian“. (Foto: Iranisches Atomkraftwerk in Buscher) © dpa
In den US-Akten ist außerdem zu lesen, dass der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il unter Epilepsie leiden soll. © dpa
In den Akten finde sich aber auch viel Klatsch und Berichte vom Hörensagen. Über den libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi heiße es da, er reise praktisch nicht mehr ohne die Begleitung einer vollbusigen ukrainischen Krankenschwester. © dpa
Und Medwedews Ehefrau Swetlana soll “schwarze Listen“ über Amtsträger angelegt haben, die ihrem Mann gegenüber nicht hinreichend loyal seien. © dpa
Große Zweifel sollen die US-Diplomaten an der Verlässlichkeit der Türkei hegen. (Foto: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan) “Der Spiegel“ berichtet, die türkische Führung sei zerstritten. © dpa
Außerdem übe Außenminister Ahmet Davutoglu islamistischen Einfluss auf Ministerpräsident  Erdogan (Foto) aus, der islamistische Banker in einflussreiche Positionen gehoben habe und sich fast ausschließlich über Islamisten nahestehende Zeitungen informiere. © dpa

Smith plauderte in einem Interview mit der Zeitung “The Times“ kürzlich freimütig darüber, dass Assange sich manchmal wie ein launischer Teenager zu benehmen scheint. Essen und Abspülen tue er nur unregelmäßig. Mit Waschen und Kleidung wechseln habe er es auch nicht gerade. Im Dorf in der Nähe habe sich für einige Zeit ein Assange-Fanclub angesiedelt. Vor allem junge Frauen aus Deutschland und Österreich seien dabei gewesen.

Doch Assange lässt sich offenbar nicht ablenken. Er arbeitet aus dem Hausarrest heraus weiter an Wikileaks. Auch öffentliche Auftritte versucht er immer mal wieder wahrzunehmen. Kommende Woche soll der Wikileaks-Gründer bei der Elektronikmesse IFA in Berlin per Videoschalte über “Die Zukunft der digitalen Öffentlichkeit“ sprechen.

Assanges Unterstützer möchten ihn lieber live sehen und machen unmissverständlich klar: Für sie ist es ein Unding, dass ein Mensch, der nicht einmal angeklagt ist, unter solch strengen Bedingungen leben muss.

Am bislang letzten Verfahrenstag im Fall Assange Mitte Juli hatte die schwedische Staatsanwaltschaft allerdings betont, man habe durchaus einiges gegen den Internetaktivisten in der Hand. Ihm wird in Schweden vorgeworfen, mit zwei Frauen Sex gehabt zu haben, obwohl diese das nicht wollten. Bereits im Februar hatte ein Gericht entschieden, dass er nach Schweden ausgeliefert werden dürfe. Dagegen zog Assange in Berufung. Er behauptet, der Sex sei einvernehmlich gewesen.

Julian Assange fürchtet, dass es für ihn von Schweden aus in die USA gehen könnte. Dort droht ihm seiner Ansicht nach ein unfaires Verfahren wegen der von Wikileaks veröffentlichen, ursprünglich geheimen US-Botschaftsdepeschen. Den juristischen Kampf in der realen Welt führt er ebenso weiter wie den für mehr Gerechtigkeit in der virtuellen Welt. Smith: “Er sitzt permanent vor dem Computer.“

dpa

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