„Hera“-Mission

Asteroiden-Abwehr: Nasa und Esa wollen Asteroiden aus der Bahn schubsen

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Die Nasa-Raumsonde „DART“ soll in den kleinen Asteroiden „Didymoon“, der den größeren Asteroiden „Didymos“ umkreist, einschlagen und so seine Bahn verändern. Die europäische Raumsonde „Hera“ soll das Ergebnis untersuchen: Den Einschlagskrater und die neue Flugbahn.

Man stelle sich vor, ein Asteroid befände sich auf Kollisionskurs mit der Erde. Was tun? Um diese Frage in Zukunft beantworten zu können, wollen Nasa und Esa einen Asteroiden ablenken.

  • Asteroiden können für die Erde gefährlich werden.
  • Noch gibt es keinen Plan, wie man einen Asteroiden abwehren könnte.
  • Die Raumfahrtbehörden Esa und Nasa wollen gemeinsam einen Asteroiden ablenken.
  • Die „AIDA“-Mission besteht aus zwei Teilen: „DART“ (Nasa) soll in einen Asteroiden einschlagen, „Hera“ (Esa) die Ergebnisse untersuchen.
  • Bei der Esa-Ministerratskonferenz Ende November 2019 hat die Politik der „Hera“-Mission die Finanzierung zugesagt.
  • Die Politiker hatten 2016 eine ähnliche Asteroiden-Mission abgelehnt, seitdem ist die Esa in die Offensive gegangen.

Was tun, wenn ein Asteroid sich auf direkten Kurs zur Erde begibt und große Schäden drohen? Die Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren konnten sich nicht wehren – das Ergebnis ist bekannt: Sie starben aus. Theoretisch hat die Menschheit andere Möglichkeiten zur Verfügung – doch bisher gibt es für das Szenario keinen konkreten Plan, nur Ideen. Das soll sich bald ändern, wenn es nach der europäischen Raumfahrtorganisation Esa und ihrem US-amerikanischen Pendant Nasa geht. Die beiden Behörden planen Raumfahrtmissionen, die erstmals testen sollen, ob und wie man die Flugbahn eines Asteroiden verändern kann.

Für die Mission „AIDA“ (Asteroid Impact & Deflection Assessment) haben sich die Forscher den erdnahen Doppel-Asteroiden (65803) Didymos ausgesucht. Der Asteroid hat einen Durchmesser von etwa 800 Metern und wird umkreist von einem kleinen Mond. Der trägt den inoffiziellen Namen Didymoon, hat einen Durchmesser von etwa 170 Metern und umkreist den Asteroiden in einem Abstand von etwa 1,1 Kilometern.

Asteroid der Größe von Didymoon könnte eine Stadt zerstören

170 Meter Durchmesser – ein Asteroid dieser Größe wäre in der Lage, eine Stadt auf der Erde zu zerstören. Esa-Experten schätzen, dass der Einschlag eines etwa 140 Meter großen Asteroiden ökonomische Verluste in Höhe von 42 Milliarden Euro verursachen würden. In diesen Wert eingerechnet sind die zahlreichen zu erwartenden Toten und Verletzten, sowie die physikalischen Schäden, beispielsweise an der Infrastruktur. Ein Asteroid mit einem Durchmesser von einem Kilometer würde sogar für ökonomische Verluste von 3,24 Billionen Euro sorgen, schätzt die Esa (PDF).

Jederzeit kann es passieren, dass ein gefährlicher Asteroid entdeckt wird, der für die Erde bedrohlich werden könnte. Für diesen Fall wollen die großen Raumfahrtbehörden gewappnet sein. Mehrere Missionen und große Teleskope suchen den Himmel automatisiert nach Asteroiden ab, es gibt Listen, auf denen die bisher bekannten gefährlichen Asteroiden aufgeführt sind. Doch was tun, wenn es tatsächlich ernst wird? Die besten Ideen und Berechnungen sind eben nur Ideen und Berechnungen, wenn man nicht weiß, wie ein Asteroid tatsächlich beschaffen ist und wie er reagiert.

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Asteroiden-Abwehr: Esa und Nasa wollen den Praxistest machen

Deshalb wollen Nasa und Esa gemeinsam den Praxistest machen. Der Plan sieht vor, dass die Nasa im Jahr 2021 eine Raumsonde namens „DART“ (Double Asteroid Redirection Test) zu dem Doppel-Asteroiden Didymos schickt. Dort soll „DART“ 2022 ankommen und im Oktober– während sich das Asteroidensystem verhältnismäßig nah an der Erde befindet – auf dem kleinen Mond Didymoon einschlagen. Anschließend kommt die europäische Raumsonde „Hera“ ins Spiel: Sie soll 2024 aufbrechen und im Dezember 2026 die beiden Asteroiden erreichen – so zumindest der derzeitige Plan. „Hera soll den Effekt des Einschlags ganz genau messen“, erklärte Dr. Patrick Michel, der an der Mission beteiligt ist, kürzlich bei einer Pressekonferenz.

„Hera“ soll unter anderem den Krater untersuchen, der bei dem Aufprall der „DART“-Sonde auf dem kleinen Himmelskörper entstanden ist. Aber auch Details von Didymos und Didymoon soll „Hera“ unter die Lupe nehmen und natürlich interessiert die Forscher vor allem auch, ob es gelungen ist, den Asteroiden etwas abzulenken. Die Mission sei wichtig für die planetare Verteidigung und für die Wissenschaft, so Michel. „Simulationen der Asteroidenablenkung durch Aufprall sind nur so gut wie das Wissen, das wir in sie gesteckt haben“, betont Dr. Kai Wünnemann, Leiter der Abteilung Impakt- und Meteoritenforschung am Museum für Naturkunde in Berlin. „Mit „Hera“ und „DART“ haben wir die einmalige Gelegenheit, unsere Simulationen zu testen und sie mit neuen Erkenntnissen zu versorgen“, so Wünnemann weiter.

Asteroiden-Mission „Hera“ stand bei der Esa-Ministerratskonferenz zur Debatte

Vor der Esa-Ministerratskonferenz, die Ende November 2019 in Sevilla stattfand, legten sich die Forscher besonders ins Zeug und riefen im Vorfeld sogar die Kampagne „Support Hera“ ins Leben. Alle drei Jahre Alle drei Jahre treffen sich die für Raumfahrt zuständigen Minister der Esa-Mitgliedsstaaten, um zu entscheiden, welche Missionen Priorität haben und welche Gelder die europäische Raumfahrt dafür erhält. Bei der vorherigen Ministerratskonferenz im Jahr 2016 versagten die Minister der „Asteroid Impact Mission“ (AIM) der Esa die finanzielle Unterstützung. Diese Mission sollte – genau wie jetzt „Hera“ – beobachten, wie „DART“ den kleinen Asteroiden rammt und anschließend den Effekt messen. Doch die Politik sagte nein – und die Wissenschaft musste sich etwas neues einfallen lassen. Das Ergebnis: „Hera“.

Mehr als 1200 Wissenschaftler und Bürger hatten vor der Ministerratskonferenz einen offenen Brief unterzeichnet, der die „Hera“-Mission unterstützen soll. „Die „Hera“-Mission ist der Kern des Wissens, das wir benötigen, um gefährliche Asteroiden von der Erde aus zu entdecken und letztendlich abzulenken“, erklärte Grig Richters, Mitbegründer des Asteroid Day, der auf das Gefahrenpotenzial von Asteroiden aufmerksam machen will.

Raumfahrt will das Bewusstsein für die Gefahr durch Asteroiden erhöhen

Und auch die Esa ging dieses Mal in die Offensive: Seit der Ministerratskonferenz 2016 bemüht sich die Raumfahrtbehörde, das Bewusstsein der Politik für die möglichen Gefahren eines Asteroiden-Einschlags* zu erhöhen. „Dadurch verändern wir das Narrativ“, erklärte Esa-Generaldirektor Jan Woerner vergangenes Jahr in einem Interview mit spacenews.com. Auch die Öffentlichkeitsarbeit wurde ausgeweitet: Es gibt ein Video zur Mission, für das ein echter Rockstar gewonnen werden konnte: Queen-Gitarrist Brian May. Außerdem unterstützt der frühere „Apollo“-Astronaut Rusty Schweickart die „Hera“-Mission. Schweickart hat die Nichtregierungsorganisation „B612 Foundation“ mitgegründet, die sich für die Erforschung von erdnahen Objekten und die planetare Verteidigung einsetzt.

Aktuell sind 901 so genannte „erdnahe Objekte“ (NEOs) bekannt, die einen Durchmesser von mindestens einem Kilometer haben. Insgesamt sind derzeit 21.538 erdnahe Objekte aller Größen bekannt (Stand: 21.11.2019), darunter der Asteroid „Apophis“*, bei dem es kurzzeitig als wahrscheinlich galt, dass er 2029 die Erde trifft. „Neue NEOs werden jetzt mit einer Rate von ungefähr vier pro Tag entdeckt“, erklärt Patrick Michel. „Wir brauchen eine koordinierte internationale Strategie zur Minderung des Aufpralls erdnaher Objekte.“

„Hera“ wäre die erste Raumsonde, die einen Doppel-Asteroiden besucht

Bei der Ministerratskonferenz äußerte sich auch Jan Wörner, Vorsitzender der Esa mit drastischen Worten: „Wir (Menschen) wollen nicht wegen eines Meteoriten aussterben.“ Die Esa-Strategie ist aufgegangen: die Politik hat der Esa für ihre verschiedenen Programme ein Budget von 14,4 Milliarden Euro für die kommenden Jahre zugesagt - dabei sind auch Gelder für den Esa-Teil der „AIDA“-Mission.

„Hera“ wird damit wohl die erste Raumsonde, die einen Doppel-Asteroiden besucht. Die Ergebnisse der Mission könnten eines Tages „wichtig sein für die Rettung unseres Planeten“, wie es Queen-Gitarrist Brian May im Esa-Video erklärt. May weiß, wovon er redet: Er ist nicht nur Rockstar, sondern auch promovierter Astrophysiker.

Asteroiden - ein Dauerbrenner in der Astronomie

Dass Asteroiden die Dinosaurier ausgelöscht* haben, ist nichts Neues. Doch jetzt weiß man auch, was direkt nach dem Asteroiden-Einschlag vor 66 Milliarden Jahren geschah, der die Dinosaurier auslöschte und es steht fest: Der Asteroid war alleine Schuld am Aussterben der Dinosaurier*. Asteroiden sind negativ besetzt - doch manchmal können sie durchaus positive Auswirkungen haben: Der Zusammenstoß zweier Asteroiden* vor 466 Millionen Jahren hatte auf der Erde beispielsweise überraschend positive Auswirkungen. Ein weiterer Asteroid interessiert die Forscher derzeit besonders: Der Asteroid (6478) Gault verhält sich äußerst ungewöhnlich*. (mit dpa)

Von Tanja Banner

*fr.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion.

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