Aufräumen statt Abfackeln: Die Rolle der sozialen Medien bei den England-Unruhen

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Protest auf britische Art: Während die Plünderer soziale Medien und Handys zum Organisieren von Ausschreitungen verwenden, verabreden sich andere darüber zu Aufräumaktionen.

Am Anfang waren es die Plünderer, die die Technik für sich entdeckten: Sie verwendeten Blackberry-Handys und deren kostenlose Nachrichtenfunktion zur Koordinierung und Verbreitung ihrer Botschaften.

Doch mittlerweile formiert sich auf denselben Kanälen eine Gegenbewegung: So organisieren Bürger in sozialen Medien wie Twitter und Facebook Aufräumaktionen. Fragen und Antworten.

Welche Rolle spielen soziale Medien bei den Ausschreitungen in Großbritannien?

Kurz nach dem Tod eines jungen Mannes am vergangenen Donnerstag erstellte ein Unbekannter eine Facebook-Seite. Unter dem Namen „Ruhe in Frieden, Mark Duggan“ versammelten sich bald diejenigen, die über die Umstände seiner Festnahme und seines Todes empört waren. Bis gestern Abend solidarisierten sich dort mehr als 27 000 Menschen.

Wurden die Unruhen also durch Facebook ausgelöst?

Die erwähnte Seite war sicherlich eine Keimzelle. Doch Facebook war nicht Ursache, sondern Plattform für Frustrierte und Unzufriedene. Als immer mehr Menschen merkten, dass sie nicht allein sind, formierte sich die Bewegung und verlagerte ihre Kommunikation in nichtöffentliche Kanäle. Besonders Blackberry-Handys dienten zur Koordinierung der Plünderungen, die sonst nicht so organisiert abgelaufen wären. Maßgeblich war aber auch der Protest-Aufruf der Familie Duggans.

Kann die Polizei mitlesen, was Plünderer („Riotists“) per Handy schreiben?

Hier gibt es noch mehr Informationen:

- Übersichtskarte, auf der Freiwillige von Plündereien betroffene Orte markiert haben

- Fotoseite, auf der die Londoner Polizei zur Identifizierung von mutmaßlichen Plünderern aufruft

- Seiten, auf der Unbekannte zur Identifizierung von Plünderern auf Fotos aufgerufen wird

- Blog, auf dem kreative Fotomontagen von Plünderern veröffentlicht werden

- Facebook-Seite zum Gedenken an Mark Duggan, dessen Tod ein Auslöser der Proteste war

- Facebook-Seite, auf dem sich der Londoner Protest versammelt

- Twitter-Seite, auf der unter dem Stichwort "LondonRiots" wichtige Kommunikation zum Thema einläuft

Kurznachrichten über Blackberrys werden grundsätzlich verschlüsselt übertragen, allerdings anders als bei Geschäftskunden eher unsicher. Diese Hürde ist für Geheimdienste und die Polizei also nicht unüberwindbar. Zugleich hat Hersteller RIM bereits angekündigt, sehr eng mit Scotland Yard zusammenarbeiten zu wollen, etwa bei nachträglichen Ermittlungen gegen Plünderer. Unmöglich scheint hingegegen die Live-Verfolgung der Nachrichten von Blackberry-Nutzern.

Spielen Facebook und Twitter dann also insgesamt eine eher untergeordnete Rolle?

Dort organisiert sich insbesondere die seit Kurzem aktive Gegenbewegung. Sie versucht, mit vielfältigen und kreativen Aktionen gegen die Plünderer in Wort und Tat aktiv zu werden - und ihnen das Feld der Meinungshoheit nicht kampflos zu überlassen.

Was macht die Gegenbewegung ganz konkret?

Bei Twitter haben sich Tausende unter dem Stichwort „RiotCleanUp“ (etwa: Aufräumen nach dem Aufstand) verabredet. „Lasst uns versuchen, den betroffenen Familien und Läden zu zeigen, dass wir uns kümmern“, schrieb etwa ein Nutzer. Manche veröffentlichen auch Fotomontagen, die Plünderer verspotten.

Wie zeigt sich der Protest gegen die Plünderer noch?

Einzelne Blogs riefen dazu auf, Plünderer auf Fotos zu identifizieren - manche wollten das sogar automatisieren. Auch die Polizei sucht über eine Foto-Plattform Randalierer und und nahm mehrere junge Männer fest, die auf Facebook zur Randale aufgerufen hatten. (rpp)

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