Digitales Zeitalter für Büchereien durch Onleihe-System

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Im neuen Zeitalter angekommen: Immer mehr Bibliotheken schließen sich der Onleihe an und nehmen damit digitale Bücher, Videos, Zeitungen und Zeitschriften in ihr Sortiment auf.

Online-Shops wie der iTunes-Store von Apple oder Maxdome von ProSieben Sat1 bieten ein virtuelles Ausleihsystem. Sie verkaufen also nicht nur viele Filme, sondern verleihen sie auch. Seit 2007 machen das deutschlandweit auch 350 Bibliotheken und die Zahl steigt.

Organisiert ist die Online-Ausleihe der Bibliotheken unter dem Namen Onleihe. Die nimmt inzwischen richtig Fahrt auf. „Angefangen haben wir mit vier Pilot-Bibliotheken. Jetzt werden wir wohl bis Ende des Jahres bis zu 600 Bibliotheken am Netz haben“, sagt Jörg Meyer, Geschäftsführer des EKZ-Bibliotheksservices (Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken). Der 1947 auf Initiative von Bibliothekaren gegründete Service, belieferte hauptsächlich die Büchereien in Deutschland mit Büchern. 2007 startete dann über die Tochtergesellschaft Divibib das Projekt Onleihe.

„Darin bieten wir neben E-Books auch E-Audios, E-Videos und E-Paper, also digitale Tageszeitungen und Zeitschriften an. Aktuell sind über 20 000 Titel im Angebot“, sagt Meyer. In diesem Jahr sollen bis zu 9000 Neuerscheinungen hinzukommen. Im Verbreitungsgebiet der HNA sind bisher nur die Stadtbücherei in Bad Hersfeld und die Gemeindebücherei in Niestetal (Kreis Kassel) über den Verbund Hessen an das System angeschlossen.

„Das Medienverhalten der Menschen ändert sich und wir möchten mit der Onleihe neue Lesergruppen ansprechen“, sagt Konstanze Endt, Büchereileiterin in Niestetal. Damit meint sie Jugendliche, die das Internet bevorzugen, Pendler, denen die Öffnungzeiten nicht ausreichen, nicht mobile oder ältere Menschen, die lieber am PC lesen, weil dort die Schriftgröße einstellbar ist.

Nicht aufgenommen

Auch die Stadtbibliothek Kassel hat Interesse an einem Einstieg in das Onleihe-System. „Wir haben uns im Jahr 2011 um eine Förderung durch das Land Hessen beworben“, sagt Dorothee Rhiemeier, Leiterin des Kulturamts. Kassel wurde jedoch aufgrund des begrenzten Budgets nicht berücksichtigt. „Für den Träger allein wären die einmaligen Kosten für Hardware, die Einrichtung des Systems und die E-Book-Lizenzen mit 35 000 Euro einfach zu hoch“, sagt Rhiemeier. Mit Hilfe der Landesförderung müssten lediglich 9000 Euro selbst aufgebracht werden.

Dass das Projekt solche Fahrt aufnehmen würde, war für Meyer nicht abzusehen: „Zwar war vor zehn Jahren schon klar, dass Medien digital sein können, aber es fehlten die Geräte, um sie zu nutzen.“ Damals gab es noch keine Smartphones, keine E-Reader, keine Tabletcomputer und keine Apps. Seit Mitte 2011 ist die Onleihe bei Apple und Google zu Hause und die Apps wurden jeweils rund zehntausend Mal heruntergeladen.

Eine Gefahr für die Bibliotheken vor Ort sieht Jörg Meyer in der Onleihe nicht: „Wir lösen die Bibliotheken nicht ab, sondern stärken sie in ihrer Leistungsfähigkeit und Attraktivität in den Augen des Nutzers.“

Wie funktioniert das Onleihe-System?

In Deutschland gibt es über 10 000 öffentliche Bibliotheken. Über die Homepage der jeweiligen Bibliothek meldet sich der Nutzer mit seinem Bibliotheksausweis an. Dann kann er im Bibliothekskatalog oder im Katalog der Onleihe nach E-Books, E-Audios, E-Videos und E-Papers suchen.

Sind die Medien verfügbar, können sie rund um die Uhr, sieben Tage die Woche in seinen Bibliothekskorb gelegt werden. Dort sind sie für den Nutzer 30 Minuten reserviert. Dann können sie heruntergeladen und für einen von der Bibliothek gesetzten Zeitraum auf dem Computer oder auf einem mobilen Gerät genutzt werden - beliebig oft. Nach Ablauf der Ausleihfrist, die üblicherweise eine Woche beträgt, lassen sich die elektronischen Produkte nicht mehr lesen, anschauen oder hören. Dementsprechend ist eine Rückgabe nicht nötig.

Auch die Gefahr der illegalen Verbreitung besteht nicht, da die Dateien nach Fristablauf nicht mehr nutzbar sind. Die Kosten für die Nutzer des Onleihe-Systems variieren von Bibliothek zu Bibliothek. In der Gemeindebücherei Niestetal beispielsweise ist die Nutzung für Besitzer eines Multimediaausweises kostenlos.

Hintergrund

Im vergangenen Jahr wurden 1,7 Millionen Bibliotheksdownloads gezählt. Nicht inbegriffen sind die Zahlen der E-Paper-Versionen von Zeitungen. Derzeit setzt der EKZ mit seinem virtuellen Angebot lediglich fünf Prozent seines 48 Millionen Euro umfassenden Jahresumsatzes um. Das entspricht 2,4 Millionen. Sein Hauptgeschäft ist noch immer die Belieferung der Bibliotheken mit Büchern. In den kommenden fünf Jahren sollen bis zu zehn Millionen Euro erreicht werden.

Von Julia Mohr

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