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Blogger Schlecky Silberstein: "Lasst uns Social Media abschaffen"

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Von: Matthias Lohr

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Das Internet machte ihn bekannt, nun will er es abschaffen: Blogger und Autor Christian Brandes alias Schlecky Silberstein. © nh

Als Schlecky Silberstein ist Christian Brandes einer der erfolgreichsten Blogger. Nun fordert er jedoch, das Internet abzuschaffen. Warum Facebook uns verrückt macht und wieso wir selbst schuld sind.

Können wir jetzt ungestört reden? Oder beantworten Sie nebenbei Whats-App-Nachrichten oder E-Mails?

Schlecky Silberstein: Um Gottes Willen, nein. Ich bin voll da.

Das ist schön. Sie haben sich selbst feste Kommunikationszeiten auferlegt. E-Mail-Programm und Messenger werden nur morgens und abends geöffnet. Dazwischen sind Sie offline. Was hat Sie daran gestört, rund um die Uhr erreichbar zu sein?

Silberstein: Als Autor ist mir meine Konzentrationsphase sehr wichtig. Immer wenn ich vom Smartphone abgelenkt werde, brauche ich total lange, um wieder reinzukommen. Bei der Recherche zu meinem Buch "Das Internet muss weg" habe ich verstanden, warum das so ist. Also habe ich mir gesagt, dass ich nur noch morgens und abends meine Mails aufmache. Das klappt wunderbar.

Wie reagieren Freunde und Kollegen, die nun unglaubliche sechs Stunden auf eine Antwort warten müssen?

Silberstein: Wenn man ihnen das einmal erklärt, haben Sie vollstes Verständnis. Und sie fühlen sich ertappt. 

Haben Sie durch ihre Offline-Zeit jemals etwas verpasst?

Silberstein: Nein, noch nie. Das wird einem ja immer suggeriert mit Slogans wie: "Es passiert jetzt." Oder: "Das Leben findet im Moment statt." Für die Fälle, bei denen es dringend ist, gibt es ja noch das Telefon. Aber das benutzen die Leute nicht mehr so gern.

Mit fast 130.000 Facebook-Fans sind Sie einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Blogger. Warum wollen Sie das Social-Media-Internet und den Gefällt-mir-Button von Facebook abschaffen, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?

Silberstein: Weil er leider Gottes nur ein blöder Trick ist, um an unsere Daten zu kommen und uns zu Interaktionen zu zwingen. Das Social-Media-Internet, wie es angefangen hat, war eine gute Sache. Die Älteren erinnern sich noch an das alte Facebook. Das war ein tolles Tool für den ursprünglichen Social-Media-Gedanken. Man lernte Leute kennen und vernetzte sich. Viel konnte man gar nicht machen. Man fragte sich: Wen kenne ich? Wer möchte mein Freund sein? Und wem schreibe ich hin und wieder? Alles fand von Privatperson zu Privatperson statt. Das war alles. Die Nachrichten kamen erst später.

Das hatte nur einen Haken.

Silberstein: Facebook hat damit kein Geld verdient. Und natürlich müssen solche Unternehmen irgendwann auch Geld verdienen. Darum öffnete sich Facebook bald für Werbung. Die kann man nur gezielt aussteuern, wenn man möglichst viele Nutzerdaten hat. Mittlerweile ist es aber längst so, dass ich an jeder Ecke meine Daten da lassen soll. Das stresst nicht nur mich, sondern auch meine Freunde. Dieser Stress wird bewusst von Facebook und anderen Konzernen hergestellt. Darum wäre es gut, das Social-Media-Internet abzuschaffen. Ein guter Kompromiss wäre es jedoch, wenn Facebook zur ersten Version zurückkehren würde.

Sie haben Ihr Buch vor dem Skandal um Cambridge Analytica und die Facebook-Daten veröffentlicht, mit dem offensichtlich die US-Wahl beeinflusst wurde. Inwiefern haben Sie die Enthüllungen noch überrascht?

Silberstein: Überrascht und frustriert hat mich, dass schnell von einem Datenskandal die Rede war. Denn das ist kein Datenskandal, sondern ein ganz normales Geschäft, für das es bislang keine Regeln gibt. Facebook ist ein ganz normales Unternehmen und auch Cambridge Analytica ist ein ganz normales Unternehmen, dessen Geschäft die Auswertung von Daten und damit die gezielte Steuerung von Werbung ist. Niemand hat einen Fehler gemacht. Es ist alles vollkommen normal.

Sie schreiben, Facebook und Google, nutzen Abhängigkeitsmechanismen, die man auch aus der Spielautomatenprogrammierung kennt. Sind die beiden Giganten reformierbar oder per se böse?

Silberstein: Ich glaube, dass sie reformierbar sind. Ich bin mir sogar ziemlich sicher: Facebook, Google, Amazon und all die anderen wünschen sich, dass endlich mal jemand Regeln einführt. So wie früher bei der Autoindustrie. Erst die Gurtpflicht hat uns zu einem längeren Leben verholfen. So etwas brauchen wir auch für das Internet. Ich habe mit einigen Aussteigern aus dem Silicon Valley gesprochen. Auf der einen Seite freuen die sich, dass sie in so mächtigen Unternehmen arbeiten. Auf der anderen Seite haben unglaublich viele, die dort arbeiten, ein schlechtes Gewissen.

Weil sie uns verführen?

Silberstein: Ja. Im Silicon Valley gibt es den Schlagbegriff Addictive Design. Der arbeitet mit Mechanismen aus der Spielautomatenprogrammierung. Am Spielautomaten werde ich dadurch abhängig, dass ich Geld einsetze in der Hoffnung, dass ich noch mehr Geld zurückbekomme. Das ist der Ertrag. Social Media funktioniert genauso. Ich setze nur kein Geld ein, sondern etwas Wertvolleres: Daten. Der erhoffte Ertrag ist eine positive soziale Resonanz. Im Gehirn ist der Effekt der gleiche. Es kann nicht unterscheiden, ob Geld oder Daten eingesetzt werden. Das Gehirn kennt nur die beiden Unterschiede: Entweder ist das Glückshormon da oder eben nicht. Die Abhängigkeitsgefahr ist bei Social Media also die gleiche wie beim Spielautomaten.

Von Online-Junkie zu Online-Junkie gefragt: Wie gehen Sie mit Ihrer Sucht um?

Silberstein: Ich versuche das zu handhaben wie beim Alkohol. Ich bin kein Asket und weiß: Wenn ich genauso viel saufen würde, wie ich früher Social Media genutzt habe, wäre ich jetzt tot. Ich muss also bewusst damit umgehen. Wenn ich auf Facebook bin, weiß ich, dass ich das für meine Genussbefriedigung tue und ich es auch übertreiben kann.

Sie bezeichnen das Internet als "größte Verarschungsmaschine aller Zeiten". Andere Netzkritiker verweisen auf Hate Speech, den Rechtsruck und Fake News. Wird dabei nicht vergessen, dass Social Media die Menschen trotzdem näher bringen kann und sogar Revolutionen möglich machen kann wie den Arabischen Frühling?

Silberstein: Der Arabische Frühling wurde in der Tat als Twitter- und Facebook-Revolution gefeiert. Übrig geblieben sind davon jedoch nur drei Bürgerkriege und eine Flüchtlingskrise, die fünf Jahre später besonders Kritiker der liberalen Weltordnung vereint. Ich finde die Möglichkeit fantastisch, dass jemand, der in einer Diktatur lebt, sich über soziale Medien frei äußern kann. Aber soziale Medien werden eben nicht nicht nur von Privatpersonen benutzt, sondern auch von Regierungen und offiziellen Stellen. Die haben etwas mehr Kohle und sitzen am längeren Hebel. In Syrien und Russland etwa steuern die Machthaber die Diskussionen.

Wir können also froh sein, dass die Nazis noch kein Social Media hatten?

Silberstein: Absolut. Ich würde gern mal einen alten Stasi-General fragen, wie der es gefunden hätte, wenn die DDR so viele Daten über ihre Bürger hätte sammeln können, wie Facebook es tut. Totalitäre Regierungen von heute haben es leicht, sensible Dinge zu erfahren. Man braucht zum Beispiel nicht viele Daten, um herauszufinden, ob ein Social-Media-Nutzer homosexuell ist oder nicht. Zur Erinnerung: In einigen Ländern der Erde bekommt man Probleme und auch Strafen, wenn man homosexuell ist.

Sie empfehlen, dass man auf seine Daten achten und einen Gedankenfilter einsetzen solle, also möglichst selten öffentlich im Netz seine Meinung äußern. Hin und wieder kommentiere ich bei Facebook Posts von Bekannten, die Merkel für Terrortote verantwortlich machen. Ist das keine gute Idee?

Silberstein: Ich höre häufig das Argument, dass man laut sein müsse und eine Gegenrede halten solle, wenn Leute eine in den eigenen Augen verirrte Meinung haben. Ich bin kein Freund davon. Auf der einen Seite sind das wieder neue Daten, für die ich von Facebook kein Geld bekomme. Auf der anderen Seite glaube ich an das Prinzip, dass man Leute mit ihrer verirrten Meinung lieber allein lassen sollte. Andernfalls verstärkt man oft nur den Kontrapunkt. Die ganzen Gegenreden gegen die AfD etwa machen dieses Gedankengut nur noch größer.

Ist das nicht ein Einknicken?

Silberstein: Vielleicht müsste man die Social-Media-Kanäle verlassen. Ich glaube, dass man nur dann Menschen beeinflussen kann, wenn man ihnen persönlich begegnet. Freunde erzählen mir beispielsweise immer wieder, dass sie ihre Eltern nicht mehr wiedererkennen, nachdem die im Internet, nun ja, spannende Meinungen für sich gewonnen haben. Wenn man da eine Telefonnummer hat, und die hat man von seinen Eltern ja in aller Regel, lohnt es sich, in Kontakt zu treten. Das bringt tausend Mal mehr als eine schnell geschriebene Antwort auf einen Post im Netz.

Oft heißt es, die Inhalte bei Facebook und Co. seien banal und dumm. In der Kantine muss ich mir von Kollegen auch oft Blödsinn anhören. Ich würde aber niemals den Kantinenbetreiber dafür verantwortlich machen. Ich setze mich dann an einen anderen Tisch.

Silberstein: Der Kantinenbetreiber ist ja auch fair und bescheißt nicht. Fair fände ich es von Facebook, wenn Mark Zuckerberg sagen würde: "Stellt euch nicht blöder an, als ihr seid. Was glaubt ihr denn, womit wir unser Geld verdienen?" Ein reformiertes Facebook könnte von seinen Nutzern Geld verlangen. Dann wäre es nicht mehr nötig, so aggressiv nach Daten zu bohren. Ich glaube aber nicht, dass das funktioniert. Da es im Moment keine Regeln zum Datenschutz gibt, lenkt keiner der großen Player ein. Würde sich Facebook selbst Regeln auferlegen, würde davon nur Google profitieren. Das ist ein Dilemma.

Sie haben selbst zwei Kinder. Wie groß ist ihre Angst, dass Sie durch Social Media Schaden nehmen?

Silberstein: Riesengroß. Das ist einer der Gründe, warum ich das Buch geschrieben habe. Aktuell wird gerade erforscht, wie Social-Media-Reflexe das Gehirn verändern können. Gerade bei Leuten, deren Gehirn noch nicht so ausdifferenziert ist, können wir nur rätseln. Sean Parker, der Gründer der Musiktauschbörse Napster und frühere Facebook-Unterstützer, hat etwa gesagt: "Nur Gott weiß, was Social Media mit den Gehirnen unserer Kinder anstellt." Bis dahin muss man vorsichtig sein. Mein ältester Sohn ist drei. Irgendwann werde ich mit den Eltern in der Kita einen Pakt schmieden, wie wir mit Bildschirmen umgehen wollen. Wenn es die nicht gibt, wird sie niemand vermissen.

Was empfehlen Sie sonst, denn das Internet geht ja nicht einfach weg?

Silberstein: Ich empfehle Verständnis für das Internet. Als ich angefangen habe, das Buch zu schreiben, war ich der festen Überzeugung, dass niemand das Internet besser kennt als ich, weil ich zehn Jahre lang mein Geld damit verdient habe. Dann habe ich ein Jahr lang recherchiert und war am Ende komplett überrascht, wie wenig ich eigentlich doch wusste. Das geht vielen so. Zu Veränderung gehört Skepsis. Die kann ich nur entwickeln, wenn ich weiß, was los ist. Vielleicht merkt das irgendwann auch die Politik. Womöglich gibt es dann einen staatlich eingeführten Warnhinweis auf Social-Media-Kanälen, wie es ihn auch bei Zigaretten und Alkohol gibt.

Aber geraucht und getrunken wird trotzdem.

Silberstein: Natürlich. Aber beim Glücksspiel und Drogen kennen wir die Mechanismen dahinter. Wenn ich abends das fünfte Bier trinke, dann weiß ich, dass das nicht richtig ist. Wenn ich nachts noch meine Mails checke und bei Facebook reinschaue, dann sagen die meisten: Ich inspiriere mich gerade. Dabei sollte man das mit Vorsicht genießen. Dann hat man den Abstand, den man braucht.

Unser Interview soll auch gelesen werden. Welche Überschrift würden Sie empfehlen, damit es geklickt wird?

Silberstein: "Dieses Interview mit Schlecky Silberstein hat mein Leben verändert - Ihnen wird es genauso gehen." So macht man das im Internet. Es wird eine gigantische Erwartung generiert. Man kann sich dem nicht entziehen.

Unsere Autorin erklärt, was Facebook alles über seine Nutzer weiß.

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