"Unsere Party ist wie ein Musik-Festival, nur mit Computern statt Bands"

Phänomen LAN-Partys: Warum zocken unsere Kinder gemeinsam am Computer?

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So abwechslungsreich wie Fußball: Gamer bei der LAN-Party in der Nordhessenhalle in Volkmarsen.

Im Breitband-Zeitalter sind LAN-Partys am Aussterben. Trotzdem treffen sich Anfang Januar wieder hunderte Teilnehmer in Volkmarsen zum Spielen am Computer. Viele Eltern sind ratlos. Zu Recht?

Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist vor einigen Jahren wirklich passiert. Eine Mutter aus Marburg sollte ihren 15-jährigen Sohn zu einer LAN-Party fahren. Sie setzten sich ins Auto, der Junge sagte ihr an jeder Kreuzung, wo es lang ging. Nach einigen Kilometern wunderte sie sich, weil sie nur bergauf fuhren. "Ich dachte, die Party wäre unten an der Lahn", sagte sie. Der Sohn erzählt die Geschichte noch heute gern.

Nicht nur in Marburg, der Stadt an der Lahn, sorgen LAN-Partys für Verwirrung. Die niedersächsische Landesstelle Jugendschutz hat gerade wieder eine LAN-Party für Eltern veranstaltet, damit Mütter und Väter selbst erleben, was passiert, wenn ihre Kinder die Computer vernetzen, um miteinander zu zocken. Wir stellen das Phänomen am Beispiel der Dota-2-LAN-Party vor, die vom 4. bis 7. Januar in Volkmarsen stattfindet und eine der größten in der Region ist.

Die Spieler

Jens Riemenschneider aus Kassel kennt die Vorurteile über Computerspiele. Seine erste LAN-Party hat der Organisator der Veranstaltung in Volkmarsen bereits vor zwei Jahrzehnten organisiert. Als seine Eltern im Urlaub waren, lud der Teenager 15 Freunde zu sich nach Hause in Retterode bei Hessisch Lichtenau ein. "Meinen Eltern hat das nicht so gefallen", sagt der 36-Jährige heute.

Jens Riemenschneider

Irgendwann kamen nicht nur seine Kumpels zum gemeinsamen Computerspielen. Aus der privaten LAN-Party wurde ein kleines Event. Riemenschneider zog erst ins Dorfgemeinschaftshaus um und 2013 schließlich nach Volkmarsen. Bis zu 300 Spieler aus dem gesamten Bundesgebiet werden Anfang Januar ihre Rechner in der Nordhessenhalle aufbauen. Anders als Riemenschneider Ende der 90er-Jahre, dessen 56K-Modem damals meist überlastet war, könnten die Jugendlichen heute dank Breitbandverbindungen auch bequem von zu Hause zocken. "Die LANs sterben aus", sagt Riemenschneider.

Das Game

Die Volkmarser Dota-2-Party besteht nur zum Teil aus dem gleichnamigen Computer-Game. Bei dem actionreichen Strategiespiel, das aus der "Warcraft"-Reihe hervorgegangen ist, versuchen jeweils fünfköpfige Teams, das Haus des Gegners anzugreifen. Ist das eigene Haus zerstört, hat man verloren. Noch mehr geht es bei der Party "ums Nebeneinander", wie Riemenschneider sagt. So spielen die Teilnehmer ganz analog und nicht nur digital Beer Pong, bei dem Tischtennisbälle in einen Becher geworfen werden müssen. Im Sommer, wenn es ebenfalls eine LAN-Party gibt, wird auf dem Rasen gekickt. "Unsere Party ist wie ein Musik-Festival, nur sind statt der Bands Computer da", sagt Riemenschneider.

Das alles ist nicht nur für die Teilnehmer interessant. In den vergangenen Jahren verfolgten 450 Zuschauer das Geschehen online. Wenn man Riemenschneider fragt, was so faszinierend daran sei, anderen beim Spielen zuzuschauen, hat der Hobby-Kicker einen schönen Vergleich parat: "Fußball ist auch immer das gleiche Spiel. Und trotzdem gucken die Leute jeden Samstag Bundesliga." Mehr als 100 Helden mit unterschiedlichen Fähigkeiten gibt es im Dota-Universum. Taktisch können die Spieler so viel variieren wie Pep Guardiola.

Bis zu 300 Spieler treten am 4. Januar in Volkmarsen gegeneinander an.

Die Vorurteile

Am liebsten würde Jens Riemenschneider seinen Namen gar nicht hier lesen. Der Familienvater ist Berufsschullehrer und weiß, was es auslösen kann, wenn jemand die Wörter "Lehrer" und "Ballerspiele" in einem Satz liest. Als er vor einigen Jahren einen neuen Veranstaltungsort suchte, sagten viele Hallenbesitzer, dass eine LAN-Party bei ihnen auf keinen Fall stattfinden solle. Wahrscheinlich ist es einfacher, eine Pornomesse zu veranstalten. Dabei sind Computerspiele längst Teil der Popkultur. Neuerscheinungen werden sogar neben neuen Romanen und Klassikalben in den Feuilletons besprochen.

Nach jedem Amoklauf heißt es in den Medien, der Täter habe "Counterstrike" oder einen anderen Egoshooter gespielt. Dabei hat die Fachwelt "diese Diskussion längst hinter sich gelassen", wie Eva Hanel, Medienreferentin bei der niedersächsischen Landesstelle für Jugendschutz, sagt: "Ein friedfertiger Mensch wird nicht zum Gewalttäter, nur weil er Ballerspiele spielt."

Bei der LAN-Party für Eltern, die ihre Behörde im November in Hannover veranstaltete, hatten die Mütter und Väter ganz andere Fragen. Sie setzten sich Virtual-Reality-Brillen auf und fragten, was das mit ihren Kindern mache. In der virtuellen Realität gibt es keinen Bildschirm als distanzierendes Element. "Man vergisst, was um einen herum wirklich passiert. Das Spiel ist viel intensiver. Manchen wird schlecht", sagt Hanel. Welche Langzeitwirkungen das alles hat, wird gerade erst erforscht. Dota und die meisten anderen Blockbuster-Spiele wie das gerade erschienene "Star Wars Battlefront" gibt es noch nicht als Virtual-Reality-Format.

Eltern, die trotz allem Angst haben, wenn der Nachwuchs zu lange vor dem Computer sitzt, empfiehlt die Expertin: "Man sollte Interesse daran haben, was die Kinder machen." Das gilt übrigens nicht nur für Computerspiele, sondern alle Bereiche des Lebens.

Alle Infos zur Dota-Lan-Party in Volkmarsen gibt es hier.

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