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Elternzeit: Werden uns unsere Kinder verachten, weil wir ihre Bilder ständig auf Facebook posten?

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Von: Matthias Lohr

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HANDOUT - «Hören Sie bitte auf, Fotos Ihrer Kinder für jedermann sichtbar bei Facebook und Co zu posten. Auch Ihre Kinder haben eine Privatsphäre!» - ein Aufruf der Polizei Hagen aus dem Jahr 2015. (zu dpa "Aufregung um Facebookseite mit gesammelten Kinderfotos" vom 02.03.2017) ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Aufruf und nur bei Urheber-Nennung Foto: Polizei Hagen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
Wurde mehr als 300.000 Mal auf Facebook geteilt: Die zwei Jahre alte Warnung der Polizei Hagen, nicht ständig Kinderfotos in sozialen Netzwerken zu teilen. © picture alliance / Polizei Hagen/dpa

Unser Autor sieht fremden Kindern beim Großwerden zu - weil deren Eltern ständig Bilder ihrer Kleinen bei Facebook und Co. posten. Warum machen die das?

Vor einigen Wochen war ich fassungslos darüber, was Menschen so alles machen, wenn sie glücklich sind. Eine Bekannte war schwanger geworden. Ich erfuhr das aber nicht von ihr oder anderen Bekannten, sondern über Instagram. Dort hatte sie ein Ultraschallbild ihres Kindes gepostet. Im dazugehörigen Text erklärte sie, was für ein großartiges Jahr sie und ihr Mann bislang hatten, privat und beruflich. Am Ende stand: "Und nun auch noch diese wundervolle Entwicklung unserer Liebe. Im kommenden Jahr werden wir zu dritt sein! Wir freuen uns schon riesig."

Auf der einen Seite freute ich mich auch riesig für sie. Auf der anderen Seite fühlte ich mich, als würde ich an einer Unfallstelle vorbeifahren. Ich konnte einfach nicht wegschauen, so entsetzt war ich. Ich bin es längst gewohnt, über Facebook und Instagram Kindern, die ich im echten Leben noch nie gesehen habe, beim Großwerden zuzuschauen. Ich erfahre etwa, wenn der "Mäuserich" sich endlich die Schuhe binden kann und welche Geschenke "die kleine Zaubermaus" zum siebten Geburtstag bekommen hat.

Früher klebte man sich derartige Impressionen aus dem Familienalltag ins Fotoalbum und zeigte sie allenfalls engen Verwandten und den besten Freunden, heute tauchen sie als Postings in der Facebook-Timeline zwischen Breaking News aus Kriegsgebieten auf. Und nun kommen auf öffentlichen Instagram-Accounts auch noch Ultraschallbilder von gerade gezeugten Kindern dazu.

Es wird Zeit, dass auch ich Kinderbilder poste. Aber nur die Fotos, die zur aktuellen Kampagne des Deutschen Kinderhilfswerks gehören. Unter dem Hashtag #ErstDenkenDannPosten macht die Organisation bei Facebook auf die Persönlichkeitsrechte von Kindern im digitalen Raum aufmerksam. Die Motive zeigen verpixelte Kinder, die sich beim Essen eine Handvoll Spaghetti über den Kopf werfen, sowie den Rat: "Liebe Mama, lieber Papa, denkt nach, bevor ihr postet!"

Thomas Krüger, Präsident des Kinderhilfswerks, betont, dass man Erwachsene keine Vorschriften machen, sondern sie "zur Selbstreflexion und zum Dialog mit den Kindern" anregen wolle: "Das Posten von Bildern oder von Informationen über Kinder ohne deren Zustimmung ist aus kinderrechtlicher Sicht bedenklich. Es verletzt die Privatsphäre und widerspricht ihrem Recht auf Beteiligung, zudem sind Schutzrechte in Gefahr." Im schlimmsten Fall tauchen die Bilder in Pädophilen-Foren auf.

Man weiß nicht, wie die Kinder von heute die Sache in 15 Jahren beurteilen werden. Werden sie ihre Eltern wegen Missbrauchs in sozialen Medien anklagen und notfalls bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen? Oder werden meine Kinder mich verachten, weil ich sie auf Facebook und Instagram nicht der ganzen Welt präsentiert habe?

Die Experten des Kinderhilfswerks empfehlen, dass man die Kinder wenigstens fragen sollte - spätestens wenn sie 14 sind. Dann verfügen sie laut Rechtsprechung über die notwendige Einsichtsfähigkeit, wie es im Juristendeutsch heißt. Über Veröffentlichungen dürfen sie dann selbst entscheiden. Laut einer Umfrage informieren jedoch nur 30 Prozent der Eltern ihre Kinder, wenn sie deren Bilder veröffentlichen. Eine explizite Erlaubnis holen sich nur 31 Prozent.

Das Problem betrifft übrigens nicht nur Netzwerke, sondern auch den Messenger WhatsApp, der ebenfalls zur Datenkrake Facebook gehört. Warum nutzen Mütter und Väter eigentlich Porträts ihrer Kinder als Profilbilder für ihren dortigen Account? Es ist toll, wenn Eltern stolz auf ihren Nachwuchs sind, aber diese ständige Zurschaustellung nervt wie eine vollgekackte Windel. Wahrscheinlich handeln Eltern wie frisch Verliebte: Die Emotionen lassen sie Dinge tun, die rational nicht nachvollziehbar sind und die man sonst eher nicht macht.

Meine Bekannte hat nach dem Ultraschallbild gerade ein Foto ihres immer noch nicht sehr runden Bauchs gepostet. Versehen hat sie es mit den Hashtags #gesundschwanger, #neueerfahreungensammeln und #noexcuses. Ich werde ihr weiter folgen, denn ich kann nicht wegsehen.

Tipps für den richtigen Umgang mit Kinderfotos im Netz gibt es hier.

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