Facebook zwingt deutsche Städte zu neuen Namen

München - Hip, modern und inzwischen unverzichtbar: Werbung auf Facebook ist für Städte ein Muss. Doch die Fan-Seiten dürfen nicht wie ihre Städte heißen, hat das Internetunternehmen angeordnet.

München darf nicht München heißen. Hamburg darf nicht Hamburg heißen. Und die deutsche Hauptstadt nicht Berlin. Zumindest auf Facebook nicht. Eine Stadt gehört niemand, erklärt das Online-Netzwerk - und hat im Fall von München schon mal erste Konsequenzen gezogen. In den nächsten Tagen und Wochen werden die Nutzer nun erleben, dass ihre Lieblingsstadt den Namen ihrer Fanseite im Sozialen Netzwerk ändert. Das Internetportal zwingt die Betreiber der Seiten - meist die Stadtverwaltung oder das Tourismusmarketing - sich umzubenennen, wie mehrere betroffene Städte der Nachrichtenagentur dpa bestätigten.

Drei Wochen sollen sie dafür Zeit bekommen. Sonst droht ihre Seite aus dem Netz zu verschwinden. Die Städte kuschen, denn Facebook ist für sie längst ein unersetzliches Werbeinstrument geworden.

“Niemand kann einen geografischen Ort vertreten“, steht im Facebook-Hilfebereich, auf den die Pressestelle zur Begründung der Anordnung verweist. Eine Seite müsse sich deutlich auf eine Organisation beziehen - wie “New York - Büro des Bürgermeisters“ oder “Lok Sabha - Parlament von Indien“. Wenn aber eine Stadt niemandem gehören könne, dürfe sie auch niemand auf Facebook repräsentieren. Sonst “werden die Administratorrechte zurückgezogen“.

Die größten Facebook-Partys

2000 Menschen "feierten" in München im Dezember 2011 das neue Alkoholverbot in der S-Bahn. 50 Wagen nahmen Schaden. Es ist nicht die erste eskalierte Facebook-Party. © dpa
Hamburg, 1000 Menschen, September 2011: Deutlich gesitteter als in München verlief das Saufgelage in der Hamburger U-Bahn. Bis auf wenige Sachbeschädigungen blieb es ruhig. © dpa
Hamburg-Bramfeld, 1600 Menschen, Juni 2011: Die Geburtstagsfeier der 16-jährigen Thessa eskalierte – sie hatte die Privatfeier versehentlich auf Facebook veröffentlicht. Ein kompletter Straßenzug wurde verwüstet – 50 000 Euro Sachschaden. © dpa
Wuppertal, 800 Menschen, Juni 2011: Als die Polizei das Alter der Partygäste kontrollierte, eskalierte die Feier: Flaschen und Feuerwerkskörper flogen. Bilanz: 16 Verletzte, drei Festnahmen. © dpa
München, 700 Menschen, Mai 2011: Eigentlich sollten nur 30 Freunde kommen, bei der Party im Englischen Garten wurden es mehr als das 20-fache. Wegen Ruhestörung machte die Polizei dem Treiben ein Ende. © Symbolfoto: dpa
Sylt, 4500 Menschen, ­Juni 2009: Sie kamen zur spontanen Riesen-Strandparty, feierten und tranken. Ein sternhagelvoller Randalierer musste festgenommen werden. © Symbolfoto: dpa
Heusweiler, 2000 Menschen, Juli 2011: Die Privatparty eines 16-Jährigen im Saarland wurde zum Massenauflauf. Größere Gruppen zogen randalierend durchs Wohngebiet. Folge: mehrere Festnahmen und ein Gesamtschaden von 50 000 Euro. © Symbolfoto: AP
Cuxhaven, 400 Menschen, September 2011: Ein falsch gesetztes Häkchen auf Facebook – und die Party einer Schülerin kulminierte – Sachbeschädigungen und eine Festnahme. © Symbolfoto: dpa
Lörrach, 500 Menschen, Juni 2011: Per Facebook wurde zur Freiluft-Techno-Party in Lörrach (Baden-Württemberg) aufgerufen. Die Gäste verhielten sich friedlich, beschallten aber die ganze Stadt. © Symbolfoto: dpa
Hohenbrunn, 300 Menschen, November 2010: Hanna (18) hatte eigentlich nur mit ein paar Freunden gerechnet und ließ die ungebetenen Gäste nicht ins Haus. Die versuchten daraufhin, die Tür einzudrücken. Die Polizei machte dem Spuk ein Ende. © Symbolfoto: dpa
Hasenloh (Nähe Hamburg), 3500 Zusagen, 0 Gäste, August 2011: Ausgerechnet die Facebook-kritische CDU lud über das soziale Netzwerk zum Sommerfest. Das fanden mehr als 3500 Nutzer so lustig, dass sie prompt zusagten. Der CDU war das nicht geheuer, sie sagte die Feier ab. © Symbolfoto: dpa

Dass das Unternehmen mit dieser Drohung nicht scherzt, wurde Anfang des Jahres deutlich. Von einem Tag auf den anderen war die Facebook-Seite der Stadt München aus dem Netz verschwunden. Plötzlich offline - und mit ihr die rund 400 000 Fans der Seite. “Das kam völlig aus dem Nichts“, erinnert sich Lajos Csery, Geschäftsführer des Städteportals München.de. Eine Ankündigung habe es nicht gegeben. “Ich glaube, wir hatten einfach Pech, dass es uns als Erste getroffen hat.“

Nun gab es Mitte Juni eine Art Krisentreffen zwischen den Betreibern der großen deutschen Städte-Seiten und Facebook. “Alle offenen Fragen zu Seitennamen“ sollten laut Facebook-Einladung geklärt werden. Für die Städte ging es dagegen um viel mehr: Sie wollten das Münchner Schicksal abwenden und ihre Seite mit den mühsam ersammelten Fans im Netz halten.

Ein solcher Verlust würde Berlin besonders hart treffen - mit 1,3 Millionen Fans hat die Hauptstadt nach eigenen Angaben die größte Städte-Seite in Deutschland. “Für uns ist das ein wahnsinnig wichtiger Kanal“, sagt Katharina Dreger vom Stadtmarketing Berlin. “An Sozialen Netzwerken kommt man als moderne Stadt nicht vorbei.“ Ähnlich sieht das Torralf Köhler, Sprecher des Portals Hamburg.de, das auch hinter der Hamburger Facebook-Seite steht. “Nicht auf Facebook zu sein, ist für uns keine Option.“

Diese Macht, ein hippes und unentbehrliches Marketinginstrument zu sein, spielt Facebook aus. Warum allerdings erst in diesem Jahr die Diskussion um die Facebook-Seitennamen aufkommt, bleibt im Dunkeln - einige Seitennamen gibt es schließlich schon seit Jahren. Berlin beispielsweise nennt als Beitrittsdatum den 4. April 2008. Doch bei den Betroffenen scheint das eher weniger eine Rolle zu spielen: Hauptsache die Seiten bleiben online, so der Tenor.

Und so zerbrechen sich die deutschen Touristiker und Städteverwalter zwischen Flensburg und Konstanz den Kopf über einen neuen Namen. “Wir möchten etwas Internationales“, meint Dreger aus Berlin. “Wir haben verschiedene Ideen“, sagt Köhler aus Hamburg.

München hat nach seinem Offline-Gau eine Lösung gefunden, mit der offenbar beide Seiten leben können. Vorerst unter dem neuen Namen “Stadtportal München“ war die Seite nach drei Wochen wieder im Netz. Inzwischen nennt sie sich “München.de“ - hat allerdings einige tausend Fans weniger.

Auch andere Städte fürchten nun, dass ihnen nach der Namensumbenennung die Anhänger verloren gehen könnten. “Menschen lieben Veränderungen nicht“, sagt Köhler. “Wir müssen schauen, wie sie reagieren, wenn auf einmal ein anderer Name in ihrer Timeline erscheint.“ Neuen Namen ausdenken und abwarten, heißt die Devise. Ein positives Ergebnis aus Sicht der Städte hat das Treffen mit Facebook dennoch gebracht: Zumindest in den URLs dürfen die Städte so heißen, wie sie heißen.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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