E.T. wurde verscharrt, aber nicht vergessen

Gamer-Kolumne: Die unglaubliche Geschichte des vielleicht schlechtesten Spiels aller Zeiten

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Szene aus dem Film "E.T. - Der Außerirdische", der dem Spiel zugrundelag.

Es gibt schlechte Videospiele. Aber können sie dermaßen schlecht sein, dass Millionen Kopien in irgendwo in New Mexico vergraben werden? Das Spiel E.T. soll eine ganze Branche in die Krise gerissen haben. 

30 Jahre lang machte das Gerücht in der Gamer-Szene die Runde, das Videospiel "E.T. - Der Außerirdische“ sei millionenfach in der Wüste verscharrt worden. Doch kaum einer glaubte ernsthaft daran, dass das Mysterium um das Atari-Produkt eines Tages gelöst werden könnte. Das Game soll die größte Krise der Videospielindustrie ausgelöst haben.

Was war passiert?

Wir schreiben das Jahr 1982, Weihnachten stand kurz vor der Tür und der Film „E.T. - Der Außerirdische“ war ein Kassenschlager. Was lag für den erfolgreichen Videospielproduzenten Atari also näher, als sich die Rechte für ein E.T.-Spiel für seine Konsole „Atari 2600“ zu sichern? Die Zeit drängte, schließlich sollte das Spiel noch vor dem Fest der Liebe in den Regalen stehen. 

Entwickler Howard Scott Warshaw ließ sich breitschlagen, das Spiel innerhalb von fünf Wochen zu programmieren. Zur Erinnerung: Normalerweise dauerte die Entwicklung damals zwischen sechs und acht Monaten. Regisseur Steven Spielberg schwebte eine Art Pac-Man-Klon vor, doch Warshaw überzeugte ihn, etwas Eigenes zu entwickeln.

Gefangen: Der Spieler stürzte mit E.T. ständig in solche Erdlöcher und kam nur schwer wieder heraus.

Außerirdisch schlecht

Die Erwartungen auf beiden Seiten waren groß, in einer für die damaligen Verhältnisse riesigen Werbekampagne stellte Atari seine neueste Entwicklung vor. Wer „E.T.- Der Außerirdische“ endlich in den Händen hielt, wurde aber schwer enttäuscht. In dem Game ging es darum, dass der knuddelige Außerirdische verschiedene Telefonteile aus Erdlöchern bergen musste. Ab und zu tauchte ein FBI-Agent beziehungsweise ein Wissenschaftler auf, der einem die Teile wieder abnahm oder in ein Gebäude verschleppte. Das Problem: Es war für den Spieler schwer bis unmöglich, wieder aus den Erdgruben herauszukommen. 

Wenig Inhalt: Das Game "E.T. - Der Außerirdische" wurde als langweilig und unspielbar angesehen.

Bei jeder Aktion und Gegnerkontakt wurden zudem die knapp bemessenen Lebenspunkte verbraucht. Das Spiel galt schnell als unspielbar, lieblos und langweilig. „Auch hier in Deutschland waren die Leute vom Endergebnis total enttäuscht“, bestätigt die Kasseler Retro-Spiel-Expertin Julia May: „Man hätte sich mehr Fantasie gewünscht, eine bessere Geschichte. Man merkte, dass es Atari nur ums schnelle Geld ging.“

Das Fiasko und der Ruin

In Erwartung eines Hits hatte Atari fünf Millionen Kopien in Auftrag gegeben. Doch kaum einer wollte das Game noch spielen, ungefähr 3,5 Millionen Kopien gingen an den Hersteller zurück. Zusammen mit den teuren Rechten, den Werbeausgaben und den zu optimistisch eingeschätzten Verkaufszahlen endete das Abenteuer E.T. für Atari in einem finanziellen Fiasko. Die Firma fuhr in dem Geschäftsjahr einen Verlust von über 500 Millionen Dollar ein, die Aktien der Muttergesellschaft Warner stürzten in den Keller. Es war der Beginn eines großen Videospielcrashs, der den Bankrott von zahlreichen Videospielproduzenten einläutete. Aber war das alles die Schuld von E.T.? 

Zahlreiche der unverkauften Kopien des Flops "E.T." wurden bei Ausgrabungen auf einer Mülldeponie in Mexiko gefunden. 

Nicht ganz, neben einer Vielzahl an schlechten Spielen, machte die große Anzahl an konkurrierenden Konsolen und deren Verdrängung durch den Heimcomputer der Branche zu schaffen. 1984 wurde Atari wegen der Verluste aufgespaltet. Programmierer Howard Scott Warshaw wandte sich enttäuscht von der Spiele-Industrie ab und ist heute Psychotherapeut im Silicon Valley. „Ist E.T. das schlechteste Spiel aller Zeiten? Wahrscheinlich nicht. Aber die Geschichte vom Niedergang der Videospiele-Industrie brauchte ein Gesicht, und das war E.T.“, sagte Warshaw in einem BBC-Interview.

Eine Legende wird geboren

Am 28. September 1983 ließ die "New York Times" in einer kleinen Meldung verlauten, dass Atari in einer Nacht- und Nebelaktion mehrere Lastwagenladungen nicht verkaufter Videospiel-Module in der Nähe der kleinen Stadt Alamogordo in New Mexico vergraben ließ. Wachleute sollen Schaulustige und Reporter zurückgehalten haben, während eine Schicht Beton über die Reste gegossen wurde. Offizielle Atari-Sprecher gaben an, dass es sich lediglich um defektes Material handele, widersprachen sich aber in ihren Aussagen. So zogen nicht nur Verschwörungstheoretiker den Schluss, dass die Millionen unverkauften Kopien hier in stiller Schande ihre letzte Ruhe gefunden hätten. Eine urbane Legende wurde geboren.

Die Gruft-Öffnung

2014 machten sich Microsoft und die Firma Fuel Entertainment für die Dokumentation „Atari: Game Over“ daran, das Geheimnis zu lüften. 

Die letzte Ruhestätte wurde aufgrund alter, vergessener Fotos ausfindig gemacht. Unter den Augen hunderter Schaulustiger und Howard Scott Warshaw begannen die Arbeiten auf einer Mülldeponie und tatsächlich: Zuerst wurde während eines Sandsturmes ein verstaubter Joystick entdeckt, dann traten nach und nach die ersten verwitterten Kopien von „E.T.“ zutage. Eine Sensation, das Publikum applaudierte. Daneben fanden die Arbeiter auch andere Videospiele-Klassiker wie "Breakout", "Asteroids" und "Star Raiders". 

Insgesamt wurden über 700.000 Videospielgegenstände im heißen Wüstensand vermutet, unter den rund 1300 ausgegrabenen Spielen befanden sich auch zahlreiche unversehrte "E.T."-Kopien. „Das Erstaunliche war, dass die Kopien direkt nach der Ausgrabung ausprobiert wurden, und sie funktionierten. Dazu muss man sagen, dass solche Module auch sehr robust sind“, erklärt Julia May. Viele Gegenstände waren aber tiefer vergraben als zunächst gedacht und konnten nicht geborgen werden. Die Grube wurde nach den Arbeiten wieder zugeschüttet.

Jackpot?

Auch wenn das Spiel ein Stück Videospiel-Geschichte ist, reich wurde die Stadt dadurch nicht. Laut der „Alamogordo Dayli News“ wurden bis zum Sommer 2015 sage und schreibe 881 verschiedene Atari-Spiele bei Ebay versteigert, weitere verbleiben in Archiven. Die finanziellen Erwartungen wurden zwar nicht erfüllt, aber immerhin brachte das höchste Gebot allein 1537 Dollar ein. „In der Zeit gingen auch die Preise für die normalen Kopien nach oben“, erinnert sich Julia May. Insgesamt ergab das eine Finanzspritze von rund 108.000 Dollar. Andere Kopien wurden an Museen wie das Smithsonian in Washington und das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt übergeben. Nicht schlecht für das angeblich schlechteste Spiel aller Zeiten.

Neugierig?

Hier kann man das Spiel in einer Browser-Version auf dem PC ausprobieren. Damit sich das Frusterlebnis nicht wiederholt, wurden zahlreiche Fehler entfernt. (Steuerung über die Pfeiltasten).

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