Neue Studie: Freies Internet ist vielerorts nur Wunsch

Harter Kampf ums freie Netz

Treibende Kraft: Die sozialen Medien halfen Unzufriedenen in Ägypten sich trotz Zensur zu verabreden. Angesichts dieser Kraft unterbinden noch viele Regime den Zugang. Foto: dpa

Es gab Zeiten, in denen die Online-Zensur in repressiven Regimen für technisch versierte Internet-Nutzer symbolisch war: Wortfilter umgingen sie mit Tricks.

Wenn gar nichts mehr ging, nutzten sie zwischengeschaltete Server oder verwendeten die Anti-Zensur-Technik „Tor“.

Doch die Zensoren - gewarnt durch Internet-Bewegungen wie in Ägypten - scheinen dazuzulernen und benutzen inzwischen fortschrittliche Überwachungstechnologie, um unliebsame Inhalte zu blockieren. Das zeigt nun der Bericht „Freedom on the net 2012“, zu deutsch: Freiheit im Netz 2012. 47 Länder hat die US-Bürgerrechtsorganisation Freedom House auf Überwachung und Manipulation von Web-Inhalten untersucht.

Das Ergebnis: In 20 Staaten haben sich die Restriktionen verschärft, am stärksten in Pakistan, Bahrain und Äthiopien. Sie filtern und blocken was das Zeug hält. Das Regime von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi ließ sogar das Internet landesweit für einen Monat sperren. Und auch in Syrien sind solche Ausfälle seit Ausbruch des Bürgerkriegs festzustellen.

Hintergrund: Das Netz als Gefahr für Regime

Facebook-Revolution - dieses Etikett trugen die Ereignisse in Nordafrika im Jahr 2011 schnell. Denn die politischen Umwälzungen in Ägypten, Tunesien und Jordanien wurden maßgeblich möglich, weil es sich die Unzufriedenen über das soziale Netzwerk verabredeten. Von den etwa 83 Millionen Einwohnern Ägyptens sind etwa 5,2 Millionen Internetnutzer bei dem weltweit größten Sozialen Netzwerk registriert. Viele nutzen zudem, das Chatforum von MSN als Kommunikationsplattform. Auf solchen Internetseiten organisierte sich der Protest und als die Regierung es kurzzeitig abstellte, waren die Massen bereits auf der Straße. (tat)

Inhaftierungen sind in diesen Ländern nicht selten. Meist sehen die Techniken aber subtiler aus. Beispiel: Iran. Das Land will irgendwann ein eigenes Intranet hochziehen, bei dem der Staat den Anschluss an den Rest der Welt kappen kann. Bis es so weit ist, nutzt man Techniken wie die sogenannte Deep Packet Inspection, kurz DPI. Dabei wird tief in den Datenverkehr der Nutzer geblickt, um ihn gegebenenfalls ins Nichts umzuleiten und Antworten zensierter Server zu blocken.

Auch in Äthiopien, China und Kasachstan sind DPI-gestützte Filtersysteme im Einsatz. Sie sorgen unter anderem dafür, dass Nutzer keine stabile Verbindung zu dem Anti-Zensur-Technik „Tor“ aufbauen können. Mittlerweile haben „Tor“-Aktivisten darauf reagiert und bieten Gegenmaßnahmen an - doch wie lange diese nutzen, ist unklar. Der Kampf zwischen Zensor Anti-Zensur-Maßnahme ist ein Wettrennen.

Auf DPI-Techniken basierende Maßnahmen stellt derzeit auch Google in China fest. Wie der Konzern in einem Video zeigt, reicht es, bestimmte Begriffe in die Suchmaske zu tippen. Diese sind eher harmlos: So scheint etwa das Wort „Jiang“ (Fluss) oder der Begriff „Zhou“ (für Woche, beides auch populäre Nachnamen) von der Regierung verboten zu sein. Nach deren Eingabe wird die Verbindung zum Google-Server abgebrochen, Fehlermeldungen wie „Diese Webseite ist nicht verfügbar“ oder „Die Verbindung wurde zurückgesetzt“ erscheinen.

Andere Regime setzen auf Meinungsmache: Bahrain zum Beispiel bezahlt so genannte Trolle. Diese Blogger verbreiten unter Decknamen regimetreue Inhalte auf nationalen und internationalen Seiten.

Von Tatjana Braun

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