Vor den Wahlen 2013

Interview: Politikwissenschaftler über die Nutzung von Twitter im deutschen Wahlkampf

Twitter ist in Deutschland bei Weitem nicht so verbreitet wie in den USA. Über die Gründe, warum die Deutschen dieses Medium nur verhalten nutzen, sprachen wir mit dem Politikwissenschaftler Prof. Christoph Bieber.

In den USA feiert der Nachrichtendienst Twitter bei der Präsidentenwahl große Erfolge. Welche Bedeutung hat dies?

Christoph Bieber: Eine geringe. Sie zeigen lediglich, dass Twitter kontinuierlich wächst und von immer mehr Menschen genutzt wird. Allerdings steigert sich die Reichweite bei Ereignissen mit hohem Nachrichtenwert. Bei Naturkatastrophen gab es regelrechte Twitterwellen. Ebenso bei großen Sportereignissen.

Welche Botschaften kann Twitter transportieren?

Bieber: Man kann über Twitter persönliche Botschaften verteilen, den Kurznachrichtendienst zum Vertrieb von Pressemitteilungen nutzen, sich auf kurze Statements beschränken oder durch Links auf andere Online-Angebote verweisen. Twitter ist vor allem wichtig, um Vernetzungseffekte zu schaffen.

Was unterscheidet Twitter und Facebook?

Bieber: Der Unterschied ist der Faktor der Echtzeitkommunikation. Das geht bei Facebook auch, aber da sind andere Aspekte wichtiger, wie die Inszenierung der Person. Bei Twitter ist die unmittelbare Bezugnahme relevant. In der Wahlnacht haben wir gesehen, dass Twitter Einblicke in aktuelle Geschehen geben kann, die für Außenstehende sonst nicht öffentlich würden. Der Kandidat kann steuernd agieren. Obama hat seinen Wahlsieg frühzeitig auf Twitter verkündet und nicht erst alle Berichte der TV-Netzwerke abgewartet. Damit ist es ihm gelungen, an den etablierten Medien vorbei zu handeln.

Warum ist Twitter in Deutschland immer noch ein Nischenprodukt?

Bieber: Da ist man sich auch bei Twitter selbst uneinig. Ein Grund könnte sein, dass hierzulande noch kein Medienereignis stattgefunden hat, das eine intensive Twitternutzung nach sich gezogen hat. Auch fehlen große Namen aus dem Showbusiness oder dem Sport, die hohe Followerzahlen anziehen. Die Twitteraktivitäten von Politikern hatten allerdings schon seit 2008 einen schweren Stand in den alten Medien.

Liegt dort die Ursache für den hiesigen Twitterrückstand?

Bieber: Ich würde für die Rückständigkeit in keiner Weise die Politiker verantwortlich machen wollen. Politiker sind von der Presse für ihre Twitteraktivitäten gescholten worden. Viele haben dann sicher überlegt, den Service überhaupt zu nutzen, wenn dafür automatisch schlechte Presse droht.

Ist das immer noch so?

Bieber: Wir haben mittlerweile auch in Deutschland Ansätze prominenter Twitterer. Auch in der Medienlandschaft wird Twitter registriert und ernst genommen. Bisher ist Twitter vor allem bei Medien- und Sportereignissen präsent. Die US-Wahl könnte Anstoß zum Umdenken gewesen sein.

Könnte die Wahl dem Kurznachrichtendienst zum Durchbruch verhelfen?

Bieber: Ich glaube, wir werden stärker den Einsatz von Social Media sehen. Es ist deutlich geworden, dass man im internationalen Vergleich zurückliegt. David Cameron hat Obama per Twitter gratuliert. Merkel und Hollande haben Telegramme geschickt. Diese Auffälligkeit brachte hämische Kommentare. Cameron hingegen hat bei Twitter seine Kabinettsumbildung bekannt gegeben. In Deutschland ist man von dieser Mediennutzung weit entfernt.

Lesen Sie auch: Twitternutzung im Wahlkampf: US-Wähler reagierten auf Tweets

Welche deutschen Politiker sind schon bei Twitter aktiv?

Bieber: Der Regierungssprecher Steffen Seibert macht das sehr professionell. Die Minister Schröder und Altmaier twittern ebenfalls. Außerdem gibt es in allen Parteien aktive Nutzer, etwa Volker Beck bei den Grünen oder Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD). Aber es bekommt eben einen anderen Charakter, wenn Staats- und Regierungschefs Twitter nutzen und in ihre tägliche Arbeit integrieren. Etwas Vergleichbares findet man in Deutschland bisher noch nicht.

Glauben Sie, dass sich die deutschen Wähler durch Social Media ansprechen lassen?

Bieber: Soziale Netzwerke sind in Deutschland in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Insofern ist es zu erwarten, dass die Politik ihre Bemühungen dort verstärken wird. Die Wähler müssen nicht warten, bis sie angesprochen werden – sie können in sozialen Netzen sehr gut selbst die Initiative übernehmen.

Von Kathrin Meyer

Zur Person

Prof. Dr. Christoph Bieber (42) lehrt Politikwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. 2011 wurde er auf die Welker-Stiftungsprofessur für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft berufen. Bieber hat in Gießen studiert. Er schrieb seine Dissertation zum Thema: „Politische Projekte im Internet. Online-Kommunikation und politische Öffentlichkeit.“

Hintergrund: Was ist Twitter?

Der Kurznachrichtendienst Twitter ermöglicht es kostenlos über das Internet telegrammartige Botschaften (Tweets) zu versenden. Das Netzwerk wird von Privatpersonen, Organisationen, Unternehmen und Massenmedien genutzt. Anmelden kann sich jeder, anschließend ist es möglich öffentliche Mitteilungen mit einer Länge von bis zu 140 Zeichen zu versenden. Wer bei Twitter registriert ist, kann die Nachrichten anderer Nutzer abonnieren und sie dann auf seinem eigenen Profil teilen „retweeten“. Ebenso können besonders interessante Beiträge gekennzeichnet werden. Insbesondere Politiker und Unternehmen nutzen Twitter für PR-Zwecke. (kme)

www.twitter.com

 

 

 

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