Dr. Alexander Filipovic zum Thema Geodaten-Dienste

Ein Medienethiker über die Problematik von Google Street View und Co.

Experte für Medienethik: Dr. Alexander Filipovic über die Probleme von Google Street View und Co.

Dr. Alexander Filipovic, Medien- und Netzethiker, sieht die Verantwortung für den Datenschutz bei Wirtschaft, Politik und den Nutzern. Was der Experte von den Geodaten-Diensten hält und warum er den Schutz der Privatsphäre gestört sieht, lesen Sie hier.

Dr. Alexander Filipovic:

Ortsinformationen spielen im Internet eine immer bedeutendere Rolle. Diese Entwicklung beruht im Grunde darauf, dass Informationsbedürfnisse von Menschen abhängig sind von dem Ort, an dem sie sich aufhalten.

Zwei einfache Beispiele: Die Information, welche Filme gerade im Kino laufen, wird hilfreicher, wenn zugleich Informationen mitgeliefert werden, in welchen Kinos in der Nähe diese Filme laufen. Und die Suche nach der besten Pizza in der Nähe wird einfacher, wenn zugleich Informationen geliefert werden, wie ich am besten dort hinkomme.

Lesen Sie auch:

Datenschützer Thilo Weichert legt einen Gesetzesentwurf für Geodaten-Dienste vor

Zugleich heißt das, dass sich mit solchen Informationen viel Geld verdienen lässt. Google fotografiert Straßenzüge, verbindet diese mit Karten- und Adressinformationen und stellt dies kostenlos zur Verfügung, um damit am Ende Geld zu verdienen.

Wo liegt darin ein ethisches Problem? Das Gespür der Menschen, ihr Gefühl dafür, dass das nicht richtig ist, kann dafür hilfreich sein: Die Menschen wollen nicht, dass andere, und zwar prinzipiell alle anderen, sehen können, wie sie wohnen. Der Reiche möchte nicht, dass sein herrschaftliches Anwesen recherchiert werden kann und der Arme möchte nicht, dass sein einfacher Wohnblock in der schlechten Ecke der Stadt identifiziert werden kann.

Die Menschen haben den Verdacht, dass diese Informationen zu ihrem Schaden genutzt werden können. Oder aber ihnen ist es einfach unangenehm, wenn jeder sehen kann, wie er wohnt (welche Gardinen er hat, ob Gartenzwerge im Beet stehen oder wie schäbig die Umgebung ist). Man kann leicht Argumente finden, die diese Ängste als unbegründet oder in Bezug auf Goolge-Street-View als hier nicht relevant ausweisen oder anführen, dass eine Reihe von Menschen das ganz anders sehen.

Angst, die Kontrolle zu verlieren

Das ist aber nicht der Punkt. Sondern die Menschen wollen nicht die Kontrolle darüber verlieren, wer was über einen weiß. Und dem ist Rechnung zu tragen und das kann nicht einfach als Paranoia abgetan werden. Genauso aber ist die Ansicht falsch und gefährlich, dass das neue Verständnis von Privatsphären und Öffentlichkeit, das bei den Verfechtern dieser neuen Möglichkeiten deutlich wird, den Untergang des Abendlandes bedeutet. Unser Verständnis von privat und öffentlich steht zur Debatte - gerade weil es sich dabei nicht um feststehende Größen handelt.

Die Frage ist aber nun, inwieweit die Menschen ein begründetes Recht haben, Daten über die eigene Person zurückzuhalten oder deren Verwendung zu begrenzen. Der ethische und rechtliche Fachbegriff dafür ist die „informationelle Selbstbestimmung”. Diskutiert wurde dies schon im Kontext der Volkszählung Anfang der 80er Jahre. Es hat sich allgemein durchgesetzt, dass das Recht auf Privatsphäre auch die Speicherung und Verwendung personenbezogenen Daten betrifft.

Zwei Dinge sind aber für das Problem der ortsbezogenen Daten wichtig: Erstens ist das Recht auf die Verfügungsmacht über die eigenen personenbezogenen Daten nicht grenzenlos: Ich kann keinem verbieten, vor meinem Haus zu stehen und sich über die Gartenzwerge lustig zu machen. Und wenn ich im Telefonbuch oder gar im Internet meine Adressinformationen veröffentliche, kann ich auch niemandem prinzipiell verbieten zu veröffentlichen, dass vor meinem Haus Gartenzwerge stehen (auch wenn daraus folgt, dass mir deswegen ein Gartenzwergkatalog angeboten werden kann). Und zweitens gibt es einen Unterschied zwischen personenbezogenen Daten (Adresse, Gehalt, Familienstand...) und Daten, die so kombiniert werden können, dass sie auf meine Person bezogen werden können.

Die riesigen Datenmengen des Internets, die Digitalisierung von Ortsinformationen, immer bessere Software und die Neigung von vielen Menschen, Informationen über sich im Internet preis zu geben machen es möglich, Daten so zu kombinieren, dass Daten auf Personen bezogen werden können, die ursprünglich in keinem Zusammenhang miteinander standen. Informationelle Selbstbestimmung wird dadurch ganz schwierig: Sicherlich muss es aus internetethischer Perspektive ein Widerspruchsrecht gegen die Verwendung und Weitergabe persönlicher Daten geben.

Habe ich aber ein Widerspruchsrecht gegen eine Kombination von Daten, deren Veröffentlichung ich zugestimmt habe (etwa die Adressinformation im Telefonbuch) mit Daten, die öffentlich sind (wie mein Haus von außen aussieht)? Ich würde sagen nein. Haben die Unternehmen, die wie Google von dieser Aggregation und Veröffentlichung von Daten Umsatz und Gewinne erzielen, eine Verantwortung, die Bedürfnisse und Ängste der Bevölkerung zu berücksichtigen? Ich würde sagen ja und sie können dieser Verantwortung gerecht werden, wenn sie an sinnvollen Stellen Widerspruchsmöglichkeiten einräumen.

Selbstregelung nur mit Kontrolle der Politik

Der Weg von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, zunächst die Internetwirtschaft zur Selbstregulierung für einen besseren Datenschutz aufzufordern, finde ich aus sozialethischer Perspektive gut. Dort wo eine gute Regelung durch die Akteure selbst möglich ist, hat diese den Vorzug gegenüber staatlichen Durchgriffen. Das heißt nun aber keinesfalls, dass die Politik damit entlassen ist. Sie muss die Selbstregulierung laufend anregen und kontrollieren, Verstöße gegen geltendes Recht sanktionieren und auch die rechtliche Situation den modernen Möglichkeiten anpassen, um in der Lage zu sein, wirtschaftlich motivierte Grenzüberschreitungen zu unterbinden.

In der Verantwortung stehen also wirtschaftliche Akteure und die Politik. Auch die Nutzer sind verantwortlich - vor allem für ihren Umgang mit ihren Daten, die sie im Internet veröffentlichen. Eine konsistente Netzpolitik kann aber nicht über Nacht entstehen, weil sie mehrere Politikbereiche umfasst und der technische Wandel sehr dynamisch ist. Immerhin sehe ich nach den schwierigen Anfängen der Netzpolitik in Deutschland (Stichwort: Zugangserschwerungsgesetz) Bemühungen, das Feld systematischer anzugehen.

Zur Person

Dr. Alexander Filipovic ist als Wissenschaftler am Institut für Christliche Sozialwissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster beschäftigt . Sein Arbeitsschwerpunkt ist derzeit die Ethik des neuen Internets/Web 2.0 und die Verknüpfung von bildungsethischen und medienethischen Fragen.

Filipovic ist Experte für Medienethik und unter anderem der Sprecher der DGPuK Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik.

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.