Weltall

Komet „Atlas“: Esa-Raumsonde „Solar Orbiter“ durchfliegt Kometenschweif

Der Komet „Atlas“ ist im April zerbrochen, wie auf dieser Aufnahme des Weltraumteleskops „Hubble“ gut zu sehen ist. Nun fliegt die Esa-Raumsonde „Solar Orbiter“ durch seine beiden Schweife.
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Der Komet „Atlas“ ist im April zerbrochen, wie auf dieser Aufnahme des Weltraumteleskops „Hubble“ gut zu sehen ist. Nun fliegt die Esa-Raumsonde „Solar Orbiter“ durch seine beiden Schweife.

„Atlas“ galt als Komet, der mit bloßem Auge sichtbar sein könnte. Dann zerbrach er. Jetzt bekommt er Besuch von der Raumsonde „Solar Orbiter“ - diese könnte neues Wissen über Kometen liefern.

  • Der Komet „Atlas“ wurde schnell hell - Hoffnungen keimten auf, dass er mit bloßem Auge sichtbar wird
  • Bevor es soweit kam, zerbrach Komet „Atlas“ in viele Stücke
  • Nun wird der Komet doch wieder interessant: Die Esa-Raumsonde „Solar Orbiter“ besucht ihn - zufällig

Der Komet C/2019 Y4 (Atlas) war der letzte Komet, der im Jahr 2019 entdeckt wurde und ein Komet, der die Herzen von Amateurastronomen im Jahr 2020 für einige Zeit höher schlagen ließ: Der Komet „Atlas“ entwickelte sich prächtig, er wurde immer heller und es bestand die Hoffnung, dass er der erste mit bloßem Auge sichtbare Komet seit langer Zeit werden könnte*.

Doch Kometen sind unberechenbar - und Komet „Atlas“ wurde plötzlich wieder dunkler. Aufmerksame Beobachter stellten Anfang April fest, dass der Komet in mehrere Teile zerbrochen ist. Das „Hubble“-Weltraumteleskop* richtete seinen Blick auf den Kometen und entdeckte mehr als ein Dutzend Bruchstücke. Aus war der Traum vom hellen Kometen „Atlas“ auf der Nordhalbkugel.

Zufällige Begegnung: Komet „Atlas“ wird von Esa-Sonde „Solar Orbiter“ besucht

Doch auch wenn es so gut wie keine Hoffnung mehr gibt, dass Komet „Atlas“ plötzlich wieder hell strahlt, so gibt es doch einen anderen Grund, warum „Atlas“ plötzlich wieder im Fokus steht. Der Grund heißt „Solar Orbiter“* und ist eine Raumsonde der europäischen Raumfahrtorganisation Esa in Kooperation mit der US-Raumfahrtbehörde Nasa. Gestartet wurde die Sonde im Februar 2020, um die Sonne genau unter die Lupe zu nehmen.

Doch beim Blick auf die Flugbahn der Raumsonde und des Kometen stellten die Forscher Überraschendes fest: Ende Mai und Anfang Juni 2020 kreuzt „Solar Orbiter“ die Flugbahn des Kometen „Atlas“. Diese Gelegenheit, einen Kometen aus der Nähe zu untersuchen, wollen sich die Forscher nicht entgehen lassen - und tatsächlich hat „Solar Orbiter“ Geräte an Bord, die auch für diesen Fall genutzt werden können. Gleich vier Instrumente des „Solar Orbiter“ können den Schweif des Kometen aufspüren, denn sie werden genutzt, um die Umgebung der Raumsonde zu vermessen.

Interessantes Forschungsobjekt: „Solar Orbiter“ trifft Schweif des Kometen „Atlas“

Sie könnten Daten über die Staubpartikel im Kometenschweif sammeln und über die elektrisch aufgeladenen Partikel, die der Komet abgibt. Durch diese Emissionen entstehen gleich zwei Kometenschweife: Der Staubschweif, den ein Komet in seiner Umlaufbahn hinterlässt und der Sternschnuppenströme* auslöst, wenn die Erde durch diesen Staub fliegt. Und der Ionenschweif des Kometen, der in die entgegengesetzte Richtung der Sonne zeigt.

Die Raumsonde „Solar Orbiter“ soll den Ionenschweif von Komet „Atlas“ am 31. Mai und 1. Juni kreuzen. Den Staubschweif des Kometen durchkreuzt sie am 6. Juni. Sollte der Ionenschweif dicht genug sein, kann das Magnetometer der Raumsonde eine Veränderung im interplanetaren Magnetfeld bemerken. Gleichzeitig könnte das Instrument „Solar Wind Analyser“ einige der Partikel einfangen.

„Solar Orbiter“ fliegt durch Staubschweif von Komet „Atlas“

Wenn die Raumsonde durch den Staubschweif des Kometen fliegt, könnte sie möglicherweise von einem oder mehreren Staubkörnern getroffen werden. Für „Solar Orbiter“ selbst bedeutet das keine Gefahr, betont die Esa. Die Staubkörnchen selbst könnten jedoch durch den Einschlag verdampfen. Die entstehenden kleinen Wolken von elektrisch geladenem Gas könnten von einem Instrument namens „Radio and Plasma Waves“ erkannt werden.

„Ein unerwartetes Zusammentreffen wie dieses sorgt für einzigartige Möglichkeiten und Herausforderungen, aber das ist gut“, zitiert die Esa Günther Hasinger, den Wissenschaftsdirektor der Organisation. „Möglichkeiten wie diese sind Teil des Abenteuers Wissenschaft“, betont Hasinger weiter.

Einmalige Gelegenheit für ein Treffen im All: „Solar Orbiter“ trifft Komet „Atlas“

„Wir sind bereit für alles, was Komet Atlas uns sagen will“, betont Daniel Müller, Esa-Wissenschaftler im „Solar Orbiter“-Projekt. Eigentlich sollte die Raumsonde erst bis zum 15. Juni voll funktionsfähig sein, doch um die einmalige Gelegenheit nicht zu verpassen, wurde alles beschleunigt.

Dass eine Raumsonde, die eigentlich ein anderes Ziel hat, zufällig durch den Schweif eines Kometen fliegt, ist ein seltenes Ereignis. Bisher sind nur sechs Male bekannt, in denen das passiert ist - und jedes Mal habe man es erst nachträglich bemerkt, heißt es bei der Esa.

Begegnung von „Solar Orbiter“ mit Komet „Atlas“ wurde rechtzeitig bemerkt

Im Fall von Komet „Atlas“ wurde es vorher bemerkt, und zwar von einem Forscher, der bereits Erfahrung mit diesen Begegnungen im All hat: Geraint Jones vom UCL Mullard Space Science Laboratory, der auch die erste zufällige Begegnung einer Raumsonde mit einem Kometen im Jahr 2000 entdeckte. Damals war die Esa/Nasa-Raumsonde „Ulyssees“ durch den Schweif des Kometen „Hyakutake“ geflogen - allerdings hatte Jones das erst festgestellt, als er im Nachhinein seltsame Störungen in den Daten der Sonde untersuchte.

Ob „Solar Orbiter“ den Kometen „Atlas“ tatsächlich aufspürt, wird sich zeigen müssen: Mitte Mai sind die Überreste des Kometen noch weiter auseinandergebrochen, so dass es für die Raumsonde schwieriger wird, ihn zu entdecken. Trotzdem sind die Wissenschaftler gespannt: „Mit jedem Zusammentreffen mit einem Kometen lernen wir mehr über diese faszinierenden Objekte“, so Geraint Jones, der an der zukünftigen Esa-Mission „Comet Interceptor“ beteiligt sein wird, die 2028 starten soll. Wenn „Solar Orbiter“ den Kometen „Atlas“ entdeckt, „lernen wir mehr darüber, wie Kometen mit dem Sonnenwind interagieren“, erklärt Jones weiter. „Alle Missionen, die Kometen begegnen, liefern Teile des Puzzles.“

„Solar Orbiter“ und Komet „Atlas“ umkreisen die Sonne

Die Raumsonde „Solar Orbiter“ wird am 15. Juni erstmals das Perihel, den sonnennächsten Punkt in ihrer Umlaufbahn, erreichen. Sie wird dann etwa 77 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt sein. In den kommenden Jahren soll sie der Sonne noch deutlich näher kommen: Bis zu 42 Millionen Kilometer sollen dann noch zwischen der Sonnenoberfläche und der Raumsonde sein. Komet „Atlas“ erreicht den sonnennächsten Punkt seiner Umlaufbahn dagegen bereits am 31. Mai 2020 - er ist dann etwa 37 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt.

Derzeit ist der Komet Neowise (C/2020 F3) mit bloßem Auge sichtbar - und seine Sichtbarkeit wird noch besser. So gelingt die Beobachtung.

Von Tanja Banner

*fr.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion.

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