Lockerheit kann aber in Unhöflichkeit umschlagen

Die neue Unverbindlichkeit - Umgang mit Handys und E-Mails

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Absagen per Handy: Die neue Unverbindlichkeit

Menschen sind dank E-Mails und Handys flexibler geworden. Die Lockerheit im Umgang mit den neuen Medien kann aber in Unhöflichkeit umschlagen, wenn kurzfristige Absagen überhand nehmen.  

Ein Café, irgendwo in Kassel. Auf dem Tisch ein Latte Macchiato und ein Handy. Es vibriert, eine neue SMS ist da: „Hab’ unsere Verabredung vergessen, schaffe es heute nicht mehr, sorry.“

Zuverlässigkeit? Verbindlichkeit? Solche Tugenden muten wie Relikte der handyfreien Vorzeit an, in der kurzfristige Absagen aus technischen Gründen nicht möglich waren. Ist mit der Verbreitung von Mobiltelefonen eine neue Unverschämtheit auf leisen Sohlen in den Alltag geschlichen – getarnt als hipper, moderner Lebensstil?

Die Psychologin Gabrielle Rütschi glaubt, die Hemmschwelle, Verabredungen platzen zu lassen und Zusagen nicht einzuhalten, sei durch den SMS- und E-Mail-Verkehr gesunken. Man könne der Konfrontation und der hervorgerufenen Enttäuschung einfacher als früher aus dem Weg gehen, urteilt sie in ihrem Buch „Vielleicht – Die unverbindliche Verbindlichkeit“.

Die Devise lautet, unverbindlich zubleiben und sich alles bis zur letzten Minute offen zu halten. Einer Geburtstagsparty oder einem Filmabend mit einer Freundin fest zusagen? Am besten nicht, es könnte ja kurzfristig etwas besseres dazwischen kommen. Und wer doch schon zugesagt hat, sagt einfach spontan wieder ab.

„Man sollte sich vorher genau überlegen, wie das Verhalten auf andere wirkt“, sagt der Kasseler Unternehmensberater und Knigge-Trainer Michael Kugel. Wer ständig Geschäftpartnern, Kollegen und Freunden absagt und sie auf spätere Treffen vertröstet, bringe ihnen wenig Wertschätzung entgegen. Das ausgesendete Signal: Meine Interessen sind am wichtigsten, erst dann kommst du.

Das Gegenüber fühlt sich bei solchen Absagen vor den Kopf gestoßen. Wer ein aufwendiges Essen vorbereitet oder sich auf einen Kinobesuch gefreut hat, steht als der Dumme da, der ungewollt seinen Abend neu gestalten darf. Und er werde als Spießer abgestempelt, wenn er die vordergründig lässige, aber an sich unhöfliche, egoistische Lebenseinstellung nicht teile, schreibt die Kolumnistin Meike Werkmeister in der Frauenzeitschrift Maxi. Es handele sich um „eine Achtlosigkeit, getarnt als Lockerheit.“ Viele Menschen lebten unter einer „Ich-Glocke“, findet Werkmeister. Alles kreise nur um die eigene Person.

Persönliche Freiheit

Kommunikation per SMS und E-Mails habe aber auch seine Vorteile, findet Knigge-Experte Michael Kugel: „Wir haben ein Stück persönliche Freiheit dazu gewonnen.“ Das starre Zeitkorsett, schon Tage vorher seinen Tag zu planen und wenig flexibel zu sein, habe sich durch eine Leichtlebigkeit abgelöst. Termine zu koordinieren und sich bei Verspätungen zu melden, war dank Handys noch nie so einfach wie heute. „Davon darf man auch Gebrauch machen, wenn es nicht überhand nimmt“, sagt Kugel.

Der Knigge-Experte rät daher zu einem reflektierten Umgang mit neuen Medien: E-Mails und Handys sinnvoll nutzen, ohne andere zu nerven oder zu verärgern.

Von Stefan Moriße

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