Netzwerk ohne Eitelkeit

Neue Video-App Beme als Gegenpol zur Selbstinszenierung

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Casey Neistat demonstriert die Nutzung seiner Video-App. Der Annäherungssensor auf dem iPhone löst die Aufnahme aus - zum Beispiel am Oberkörper.

Kein Daumen, der nach oben zeigt. Kein Herzchen, um ein „Gefällt mir“ zu bekunden. Kein Filter, um Bilder zu veredeln. Beme ist geradezu puritanisch. Altmodisch. Und doch ist es vielleicht das nächste große Ding. Eine soziale Video-App.

Beme erinnert am ehesten an Snapchat, einem Foto- und Videodienst, bei dem Bilder und Videos automatisch verschwinden. Und: Snapchat hat immerhin 100 Millionen aktive Nutzer und einen Marktwert von mehreren Milliarden US-Dollar.

Casey Neistat heißt der Mann, der Beme entwickelt hat. 34 Jahre jung. Ein Profi in Sachen Social Media, dessen Clips fast 900.000 Nutzer auf YouTube folgen. Neistat versteht was von Video. Auch von anderen Kanälen: Facebook, Twitter, Snapchat, Google+, Instagram – der Beme-Gründer inszeniert sich überall erfolgreich. Und manifestiert seine Idee von Inszenierung nun in einer eigenen App.

Ein neuer Ansatz für soziale Netzwerke soll Beme sein. Einer, der kein optimiertes, ausgesuchtes, stilisiertes Bild der Wirklichkeit dessen, wer und wo wir sind, vermittelt.

Klingt philosophisch? Ist es auch. Ein bisschen. Doch Philosophie kann ganz einfach sein: Ausgelöst wird die Aufnahme in Beme über den Annäherungssensor des iPhones auf der Vorderseite des Geräts – indem man es sich beispielsweise an die Brust hält. Keine Taste ist erforderlich, kein Blick aufs Display möglich.

Das Ergebnis ist ein Videoclip, der sofort veröffentlicht wird - man selbst sieht ihn nicht. Stattdessen soll man den Augenkontakt zur tatsächlichen Lebenssituation beibehalten. „Seht weiter auf den Sonnenuntergang“, sagt Neistat in seinem Werbevideo zum Start des Angebots: "Schaut weiter das Rockkonzert."

Beme will von dem Zwang befreien, mit dem Smartphone zu interagieren und darauf achten zu müssen, wie man sich selbst präsentiert. Weg von der in sozialen Netzwerken sonst üblichen Selbstdarstellung, zurück zu mehr Lebenswirklichkeit fernab des Smartphones. Das soll auch dadurch erreicht werden, dass die Beiträge vergänglich sind: Kontakte können einen Beme nur einmal sehen – danach ist er auch für sie für immer verschwunden.

Ob sich Beme durchsetzen und eine ähnliche Erfolgsstory hinlegen wird wie Snapchat? Wired.com zumindest meint: "Beme hat ein Problem: Authentizität ist langweilig."

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Netzwerke und Anwendungen dieser Art erst interessant werden durch ausgewählte Selbstinszenierung und aufgehübschte Bildchen. Das reale Leben ist womöglich tatsächlich in den meisten Fällen zu wenig spannend für eine App wie Beme.

Und - wenn Beme schon reduzieren will: Kann man dann das Smartphone nicht auch einfach mal komplett beiseite lassen?

Wie seht ihr das? Schreibt mir in den Kommentaren.

So funktioniert die App

Hintergrund

Beme ist kostenlos. Aktuell gibt es die App nur für iPhones, eine Android-Version ist in Planung. Um die App nutzen zu können, benötigt man einen Unlock-Code. Diesen erhält man über Freunde, die bereits angemeldet sind - oder aber über Twitter: Dort veröffentlichen viele Nutzer Codes unter dem Hashtag #BemeUnlockCode. Auch ohne Unlock-Code sollten sich interessierte Anwender die App herunterladen, um sich ihren gewünschten Benutzernamen zu registrieren.

Download: App-Store

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