Neue Enthüllung

NSA schnüffelt mit Hilfe von Google-Cookies

Berlin - Google nutzt "Cookies", um das Verhalten der Nutzer im Web nachzuverfolgen. Jetzt kommt heraus: Auch die Spione der NSA interessierten sich für die virtuellen Kekskrümel auf der Festplatte.

Der amerikanische Geheimdienst NSA hängt sich beim Sammeln von Daten über Internetnutzer offenbar an die Fersen der Online-Werbeindustrie. Die NSA nutze Informationen aus Textdateien („Cookies“), die Nutzer online identifizieren, berichtete die „Washington Post“. Besonders ein bestimmtes Cookie des Suchmaschinenkonzerns Google sei von Interesse. Wie genau der Geheimdienst an die Daten kommt, bleibe in den Dokumenten des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden unklar, schreibt die Zeitung.

Cookies sind kleine Textdateien, die von Websites auf Rechnern, Tablets und Smartphones gespeichert werden, um die Anwender beim nächsten Besuch wiedererkennen zu können. Diese Informationen werten auch Unternehmen aus, um den Anwendern Werbung anzuzeigen, die auf sie zugeschnitten ist. Datenschützer sehen die Verwendung von Cookies kritisch, weil damit potentiell das Nutzungsverhalten der Web-Anwender verfolgt werden kann. Außerdem ist vielen Internetnutzern ist nicht bewusst, welche Seiten welche Informationen über sie sammeln.

Die NSA nutzt der „Washington Post“ zufolge die Daten unter anderem, um den Aufenthaltsort von Zielpersonen herauszufinden. Außerdem würden die Informationen über das Surfverhalten genutzt, um Personen gezielt mit Schadsoftware anzugreifen.

Prism, XKeyscore & Co. - Chronologie der NSA-Spähaffäre

Seit der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden Anfang Juni die massiven Überwachungsprogramme verbündeter Geheimdienste enthüllte, beschäftigt die Spähaffäre auch die deutsche Politik. In welchem Umfang der US-Geheimdienst deutsche Bürger auskundschaftet, ist noch immer unklar. Ein Rückblick: © AFP
6./7. Juni: "Guardian" und "Washington Post" berichten über ein geheimes Überwachungsprogramm namens "Prism", mit dem der US-Geheimdienst NSA auf Serverdaten großer Internetkonzerne wie Google, Facebook oder Microsoft zugreife - und damit potenziell auch auf Daten deutscher Bürger. Quelle der Enthüllungen ist der Ex-Geheimdienstmitarbeiter Snowden, der seitdem auf der Flucht vor der US-Justiz ist. © dpa
10./11. Juni: Bundeskanzlerin Angela Merkel ( CDU) warnt vor einer "möglichen Beeinträchtigung von Rechten deutscher Staatsangehöriger". © AFP
19. Juni: US-Präsident Barack Obama versichert nach einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel ( CDU) in Berlin, die US-Geheimdienste würden sich künftig eng mit den deutschen Partnern abstimmen. © dpa
Beim Besuch von Obama in Berlin protestieren etwa 200 Menschen gegen Überwachung. © AFP
29./30. Juni: US-Geheimdienstler spähen nach Informationen des Magazins „Der Spiegel“ auch die Europäische Union aus. In Deutschland sei der Abhördienst NSA besonders aktiv. Politiker reagieren empört. © picture alliance / dpa
1. Juli: Merkel weist den Vorwurf zurück, sie habe von der US-Späherei in Deutschland gewusst. © picture alliance / dpa
7. Juli: Snowden beschuldigt den Bundesnachrichtendienst ( BND) in einem "Spiegel"-Interview, schon seit langem mit der NSA zusammenzuarbeiten. © picture alliance / dpa
12. Juli: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ( CSU) spricht in Washington mit US-Regierungsvertretern. Nach seiner Reise verteidigt er die Überwachungsprogramme. NSA-Informationen hätten Terror-Anschläge in Deutschland verhindert. Oppositionspolitiker kritisieren die Reise als reine "Symbolpolitik"; die erhoffte Aufklärung sei ausgeblieben. © picture alliance / dpa
15. Juli: Laut „Bild“-Zeitung soll der BND seit Jahren von der NSA-Datenerfassung gewusst und bei Gefahr darauf zugegriffen haben. © picture alliance / dpa
14. Juli: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wirft Merkel eine Verletzung ihres Amtseids vor. Unter Merkel und ihrem Geheimdienstkoordinator Ronald Pofalla sei "ein riesiger Schaden für das deutsche Volk entstanden". © dpa
17. Juli: Ein weiteres „Prism“-Programm soll laut „Bild“ im Kommandobereich der Bundeswehr in Afghanistan zur Überwachung von Terrorverdächtigen eingesetzt worden sein. Regierung und BND versichern, es handele sich um zwei unterschiedliche Programme. © picture alliance / dpa
19. Juli: Merkel betont, bei der Überwachung von Daten dürften auch im Kampf gegen den Terrorismus nicht alle technischen Möglichkeiten genutzt werden. „Deutschland ist kein Überwachungsstaat.“ © picture alliance / dpa
21. Juli: Der Verfassungsschutz räumt ein, das NSA-Schnüffelprogramm "XKeyscore" einzusetzen - allerdings nur zu Testzwecken und in beschränktem Umfang. Das Programm soll in 30 Tagen bis zu 41 Milliarden Datensätze von Internet-Nutzern speichern können. © dpa
25. Juli: Als Koordinator der Nachrichtendienste steht Kanzleramtsminister Ronald Pofalla ( CDU) dem Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) des Bundestages erstmals Rede und Antwort. Er weist Vorwürfe gegen deutsche Dienste im PKG zurück. Es seien von deutscher Seite im Zusammenhang mit einem Entführungsfall nur zwei Datensätze an die USA übermittelt worden. Union und FDP machen die frühere rot-grüne Bundesregierung dafür verantwortlich, dass nach dem 11. September 2001 die Geheimdienstzusammenarbeit mit den USA deutlich ausgeweitet wurde. © dpa
27. Juli: Unter dem Motto "Stop watching us" protestieren bundesweit tausende Menschen gegen Überwachung. © AFP
29. Juli: Der "Spiegel" druckt ein Dokument Snowdens, wonach zwei Datensammelstellen ("Sigads") im Dezember 2012 etwa 500 Millionen Daten aus Deutschland abgegriffen hätten. © picture alliance / AP Images
3. August: Die Berichte über die Datenschnüffelei haben die Bundesanwaltschaft auf den Plan gerufen. Möglicherweise werde ein Ermittlungsverfahren wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit zulasten der Bundesrepublik eingeleitet, sagt ein Sprecher der „Mitteldeutschen Zeitung“. © picture alliance / dpa
4. August: Der NSA greift dem „Spiegel“ zufolge bei seiner Datenschnüffelei in großem Umfang auf Material des Bundesnachrichtendienstes ( BND) zurück. Der BND bestätigt, dass er Metadaten seiner Fernmeldeaufklärung an die NSA übermittelt, personenbezogene Daten von Deutschen aber nur "im Einzelfall". Der Auslandsgeheimdienst vermutet hinter den "Sigads" nun Datenerhebungsstellen in Bad Aibling und Afghanistan. Die Kooperation mit der NSA diene der Auslandsaufklärung in Krisengebieten. © picture alliance / dpa
7. August: Nach den Worten von Vize-Regierungssprecher Georg Streiter deutet vieles darauf hin, dass es der BND selbst war, der annähernd 500 Millionen Datensätze aus Deutschland an die NSA weitergab. Er verweist auf ein vom damaligen Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier ( SPD) 2002 geschlossenes Kooperationsabkommen. Ungeklärt bleibt weiter die Frage, wie die USA durch "Prism" den europäischen Internetverkehr überwachen. © dpa
10. August: Der BND weist den Vorwurf zurück, mit den an die NSA übermittelten Daten Beihilfe zu gezielten Tötungen durch US-Drohnen zu leisten. Die Daten dürften für Folter oder Todesstrafen nicht verwendet werden, erklärt der Dienst. © picture alliance / dpa

Als besonders praktisch habe sich dabei ein Cookie von Google mit dem Namen „PREF“ erwiesen, schreibt die Zeitung. In der Textdatei von Google würden zwar keine Namen oder E-Mail-Adressen gespeichert. Über eine Information in dem Cookie könnten die Websites allerdings den Browser einer Person eindeutig identifizieren. Aus dem Google-Cookie kann man auch die Vorlieben des Nutzers bei Suchanfragen erkennen, etwa über die bevorzugte Sprache, Filter für pornographische Inhalte und die Größe der Trefferliste. Die mit dieser Datei verbundene Geschäftspraxis von Google war bereits Teil einer Auseinandersetzung zwischen Google und der Europäischen Union.

Google lehnte gegenüber der „Washington Post“ eine Stellungnahme zur Verwendung von Google-Cookies durch die NSA ab. Der Internet-Konzern hatte Anfang der Woche zusammen mit Branchengrößen wie Facebook, Microsoft und Apple eine weltweite Reform der Internet-Überwachung gefordert.

NSA-Skandal beeinträchtigt Cloud-Geschäft nicht

Der Online-Händler Amazon spürt als einer der weltgrößten Anbieter von Cloud-Diensten nach eigenen Angaben keine negativen Folgen des NSA-Skandals. „Wir sehen keine Abschwächung unseres europäischen Cloud-Geschäfts“, sagte Amazon-Technikchef Werner Vogels am Mittwoch auf der Internet-Konferenz LeWeb in Paris.

„Wir sind nicht Teil des Prism-Programms“, bekräftigte Vogels ohne weitere Details. Über das System Prism bekommt der US-Geheimdienst NSA laut Enthüllungen des Informanten Edward Snowden Zugriff auf Daten bei großen amerikanischen Internet-Unternehmen. „Spionage wird nicht verschwinden - egal, welche Gesetze wir beschließen. Also müssen wir unseren Kunden Werkzeuge an die Hand geben, damit sie ihre Daten schützen können“, sagte Vogels. Ein zentrales Element davon sei Verschlüsselung.

Bei Cloud-Angeboten werden Daten und Software direkt aus dem Internet abgerufen. Nach den Enthüllungen waren in Europa stimmen für europäische Cloud-Lösungen laut geworden, auch EU-Kommissarin Neelie Kroes unterstützt eine entsprechende Initiative.

Über mögliche Auswirkungen des NSA-Skandals auf das Geschäft amerikanischer Internet-Riesen wird seit Monaten spekuliert. Einige Experten erwarten, dass ihnen dadurch in den kommenden Jahren Erlöse von Dutzenden Milliarden Dollar entgehen werden. Doch bislang gibt es kaum belastbare Erkenntnisse. Der Netzwerk-Ausrüster Cisco erklärte jüngst Einbußen im China-Geschäft auch mit Gegenwind durch die Enthüllungen. Es ist allerdings auch ein politisch schwieriger Markt mit starken einheimischen Konkurrenten wie Huawei und ZTE. Google betonte jüngst, man merke keine negativen Folgen im Geschäft mit Cloud-Apps für Unternehmen.

Einige Teilnehmer der LeWeb-Konferenz rechnen zugleich mit dauerhaften Folgen des NSA-Skandals. „Wir werden noch in zehn Jahren über Snowdens Enthüllungen reden“, sagte der frühere AOL- und Yahoo-Manager Brad Garlinghouse, der heute den Cloud-Dienst Hightail führt. Die Überwachung des Netzes müsse sich an den Gepflogenheiten der realen Welt orientieren, betonte der Vater des offenen Betriebssystems Ubuntu, Mark Shuttleworth. „Wir wollen nicht, dass das Internet ein rechtsfreier Raum wird. Aber dazu gehört auch, dass die Polizei anklopft, bevor sie reinkommt.“

NSA-Chef verteidigt Abhörprogramme des US-Geheimdienstes

NSA-Chef Keith Alexander hat die umstrittene Daten-Sammelei des US-Geheimdienstes verteidigt. Er kenne derzeit keinen besseren Weg, um die USA vor den zunehmenden Terror-Gefahren zu schützen, sagte Alexander am Mittwochabend vor dem Justizausschuss des US-Senats in Washington. Allerdings sei sein Dienst bereit, über mögliche Alternativen zu diskutieren. Die NSA ist durch Enthüllungen ihres früheren Mitarbeiters Edward Snowden international in Verruf geraten. Zuletzt hatte eine Zeitung berichtet, der Geheimdienst sammele die Ortsdaten von Hunderten Millionen Handys.

dpa

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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