"Auf einer Skala zwischen Crack und Candy sind Bildschirme näher an Drogen als an Süßigkeiten"

Smartphones für Kinder: Die wichtigsten Antworten für Eltern

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Schöne Smartphone-Welt: Gerade auf Kinder üben die Alleskönner-Handys eine große Faszination aus. Aber was macht die neue Technik mit den Köpfen unseres Nachwuchses?

Machen Smartphones Kinder süchtig? Wird mein Kind durch soziale Medien zum Monster? Wie andere Väter stellt sich auch unser Autor diese Fragen. Die wichtigsten Antworten für Eltern.

Bald werde ich keinen Satz häufiger sagen als: „Jetzt leg doch mal das blöde Ding weg.“ Mein Sohn wird demnächst zehn und hat nun ein Smartphone. Noch darf er es nur eine halbe Stunde in der Woche einschalten. Aber irgendwann wird er ein richtiger Handy-Nutzer sein. Mit ziemlicher Sicherheit wird das unseren Alltag verändern. Ich sehe das bei Freunden. Überall liest man zudem Schlagzeilen wie: „Smartphones machen süchtig.“ Oder: „Verändert die Technik die Köpfe unserer Kinder?“ Stimmt das wirklich? Die wichtigsten Antworten für Eltern, deren Kinder auch bald ein Smartphone bekommen oder schon eins haben.

Ab welchem Alter darf mein Kind ein Smartphone haben?

Chris Anderson, Internet-Experte und ehemaliger Chefredakteur des US-Technik-Magazins „Wired“, hat die Regel aufgestellt: „Nicht vor der High School.“ Also nicht, bevor man 14 ist. Anderson beobachtet die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Jugend besonders kritisch. Von ihm stammt der Satz: „Auf einer Skala zwischen Crack und Candy sind Bildschirme näher an Drogen als an Süßigkeiten.“

Die wenigsten Eltern werden ihre Kinder so lange hinhalten können. Meine Tochter ist 12. In der siebten Klasse war sie eine von zwei Schülerinnen, die noch kein Alleskönner-Telefon hatten. Beim ersten Kind ist man eben noch strenger als beim zweiten, dem man vieles durchgehen lässt.

Mittlerweile hat meine Tochter ein iPhone und kann es ausschalten, ohne dass man mit zwei Wochen Fernsehverbot droht. Der vom Bundesfamilienministerium geförderte Elternratgeber „Schau hin!“ empfiehlt ein Smartphone ab elf oder zwölf Jahren. Das scheint realistisch zu sein.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Wird mein Kind mit einem Handy ein anderer Mensch?

Ja und nein. Ihr Kind wird mit ziemlicher Sicherheit ein Verlangen entwickeln, das Gerät sehr oft zu benutzen. Es ist ein bisschen so wie früher, als Sie in Ihrem Kinderzimmer plötzlich einen eigenen Fernseher hatten und stundenlang Serien wie „Beverly Hills 90210“ schauten. Nur dass ein Smartphone viel geiler als Fernsehen ist, wie mein Sohn sagen würde. Wie damals beim Fernsehen wird es darauf ankommen, den Erstkontakt hinauszuzögern und den Konsum in Grenzen zu halten.

Denn mittlerweile haben mehrere Studien herausgefunden, dass ein „exzessiver Medienkonsum im frühen Kindesalter zu kognitiven, sprachlichen und emotional-sozialen Entwicklungsverzögerungen“ führen kann, wie Facharzt Jesse Crozier von der Göttinger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sagt. Zudem gebe es einen Zusammenhang „zwischen der hochfrequenten Nutzung digitaler Medien und ADHS-Symptomen bei Jugendlichen zwischen 15 bis 16 Jahren“.

Ein Grund zur Panik muss das alles jedoch nicht sein. Crozier empfiehlt eine „weniger emotional geprägte Debatte“. Und Wissenschaftler der Oxford University haben gerade herausgefunden, dass der Gebrauch von Handys die Gesundheit von Jugendlichen lediglich um 0,4 Prozent verschlechtert. Das ist ungefähr der Wert, der sich auch durch regelmäßiges Essen von Kartoffelgerichten ergibt.

Machen soziale Medien Teenager krank?

Nicht unbedingt. Der frühere Facebook-Berater Sean Parker hat gerade gesagt: „Nur Gott weiß, was Social Media mit den Gehirnen unserer Kinder anstellt.“ Viele führende Köpfe im Silicon Valley verbieten ihren Kindern darum die Technik, die sie mitentwickelt haben.

Dabei kann man auch hier nur schwer verallgemeinern. Laut Crozier kommt es auf die Nutzungsart an. So zeigen Studien, dass ältere Jugendliche, die soziale Medien eher passiv nutzen, weniger Lebensfreude aufweisen im Vergleich zu Gleichaltrigen, die mit anderen interagieren. Wer ab und an was bei Facebook postet, der fühlt sich also wohler als der, der dort nur konsumiert.

Wie kann ich meinem Kind Regeln setzen?

Genau das wird schwierig. Je öfter Eltern Sätze sagen wie „Jetzt leg doch mal das blöde Ding weg“, desto öfter überhören Kinder diese. Hilfreich kann ein Mediennutzungsvertrag sein, den man sich auf der Seite der Initiative Klicksafe herunterladen kann. Dort unterschreiben beide Seiten etwa, dass das Kind nur 30 Minuten täglich fernsehen und surfen darf. Zugleich werden Umgangsregeln definiert wie: „Im Internet bin ich freundlich und beleidige niemanden.“

Die halbe Stunde ist für 8- bis 13-Jährige übrigens eine wichtige Zeitspanne. Wer in diesem Alter länger mit dem Smartphone beschäftigt ist, weist ein sechsfach höheres Risiko für Konzentrationsstörungen auf.

Darf ich die WhatsApp-Nachrichten meines Kindes lesen?

Eigentlich dürfte die nicht mal Ihr Kind lesen, da WhatsApp-Nutzer 16 Jahre alt sein müssen. Aber daran hält sich keiner. Manchen Eltern wird es wichtig sein, zu wissen, was sich ihre Kinder mit wem schreiben. Aber wie hätten Sie es früher gefunden, wenn Ihre Eltern wie Stasi-Offiziere Ihre Anrufe mitgehört hätten?

Für Kinder- und Jugendpsychiater Crozier ist „Kontrolle allein keine Lösung“. Er empfiehlt vielmehr eine „vertrauensvolle, von Offenheit und Transparenz geprägte Beziehung“ von beiden Seiten. Klingt kompliziert, aber so ist das Leben manchmal. Empfehlenswert ist zudem die Seite "Schau hin!".

Was ist, wenn mein Kind unbedingt Instagram und andere Netzwerke haben will?

Dann wird es noch schlimmer. Denn Dienste wie Facebook und Instagram arbeiten mit Abhängigkeitsmechanismen, die man aus der Spielautomatenprogrammierung kennt. Zögern Sie auch das so lang wie möglich heraus. Meine Tochter hat in der siebten Klasse weder WhatsApp noch Instagram auf ihrem Handy. Und trotzdem ist sie keine Außenseiterin.

Muss ich mein eigenes Leben ändern?

Vielleicht schon. „Eltern haben eine wichtige Vorbildfunktion“, sagt Crozier: „Ausgeprägter Gebrauch der Eltern mit Smartphones“ bedeutet „weniger Interaktion mit Kindern“. Man kann es auch anders formulieren: Es ist zwar wichtig, was wir machen, wenn wir auf ein Display starren, noch wichtiger aber ist, was wir nicht machen, wenn wir auf ein Display starren. Also miteinander reden, fühlen, schmecken und riechen.

Beim Abendessen hat mein Sohn zuletzt gesagt: „Leg doch mal das blöde Ding weg.“ Dabei las ich auf dem Smartphone nur ein Buch: „Ich hasse dieses Internet“ von Jarett Kobek.

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