Spieletest

Spiele im Test: Dirt 4 - Neustart mit Realismusturbo

+
Höchste Konzentration auf Strecke und Beifahrer sind der Schlüssel zum Erfolg.

Formel 1? Da lachen ja die Hühner. Wahre Männer fahren Rallye. Auch an der Konsole. Daher wurde mit Spannung das Erscheinen von „Dirt 4“ erwartet. Ist es der erhoffte Rennspiel-Knaller?

Wie hätten Sie es denn gern? Als bequeme Kaffeefahrt oder lieber als schlammverkrustete Herausforderung? Direkt nach dem Start von Dirt 4 wird deutlich, dass Entwickler Codemasters dieses Mal den Spagat wagt. Der direkte Vorgänger Dirt 3 war ein kunterbuntes Motorsport-Spektakel, das beinharten Rallye-Fans nur noch ein müdes Lächeln entlocken konnte. Der bisher letzte Teil der Reihe, Dirt Rallye, wiederum war ein beinhartes, staubtrockenes, bockschweres Biest von einem Rennspiel, das so nah wie irgend möglich an der Realität war, aber alle Nicht-Profi-Spieler schnell frustrierte. Zwei Extreme, die sich für sich gesehen zwar durchaus ordentlich verkauften, aber doch immer einen Teil der Renn-Spielerschaft ausschlossen.

Die Frage aller Fragen: Weichei oder Raubein?

Nun ist also Dirt 4 da und soll beide Zielgruppen zusammenbringen. Die Casuals, die ein paar entspannte Runden am virtuellen Lenkrad drehen wollen. Und die Hardcore-Racer, die einen Lenkrad-Controller im Gegenwert eines Spiele-PCs fest im Spielezimmer verschraubt haben und denen es gar nicht realistisch genug zugehen kann. Und - das ist wirklich erstaunlich - das funktioniert ganz wunderbar. 

Wenn man sich ganz zu Beginn für „Gamer“ entscheidet, dann bekommt man eine auf den normalen Controller abgestimmte Steuerung, Autos, die zwar durchaus erkennen lassen, ob man nun gerade einen schlecht motorisierten Fronttriebler bewegt oder ein PS-strotzendes Allradmonster, die sich aber ansonsten gut kontrollierbar über die Strecken scheuchen lassen.

Tanz auf der Rasierklinge

Entscheidet man sich indes für „Simulation“, dann bekommt man das volle Paket. Dann ist es ratsam, wirklich mit einem ordentlichen Lenkrad die Steuerung zu übernehmen. Die Boliden geben sich deutlich zickiger, der Unterschied zwischen den einzelnen Klassen und Bodenbelägen wird wirklich deutlich erfahrbar. Ansonsten aber kann man sich - insbesondere beim Gamer-Preset - seinen eigenen Schwierigkeitsgrad mundgerecht zusammenbauen, kann sich über Lenk-, Brems- und Schalthilfen, Gegner-Können und Schadensmodell an die Grenze der eigenen Fähigkeiten herantasten.

Das ist - wenn man es ernsthaft betreibt - immer noch sehr fordernd, aber selten frustrierend. Wobei sich Rennspieler durchaus wieder umgewöhnen müssen. Denn die Rückspulfunktion, die in den allermeisten Spielen, die in den vergangenen Jahren an den Start gingen, zur Serienausstattung gehörte, fehlt in „Dirt 4“ komplett. Und so kann es durchaus passieren, dass man eine anspruchsvolle Rallyeetappe neu starten muss, nachdem man kurz vorm Ziel einmal abgeflogen ist. Das birgt sicher einiges an Frustpotenzial, sorgt aber auch dafür, dass Erfolge wieder etwas wert sind, weil sie einem nicht geschenkt werden.

Weniger ist mehr

Deutlich abgespeckt wurde auch bei den Spielmodi. Bei Dirt 4 konzentiert man sich vor allem auf die ganz klassische Rallye, bei der man allein auf der Strecke gegen die Uhr und die Bestzeiten der Konkurrenten fährt, und „Landrush“, bei dem man in staubigen Arenen schweißtreibende Rennen gegen die Konkurrenz fährt. Wobei zumindest mir die zweite Variante deutlich mehr Spaß gemacht hat.  Von all dem anderen Klimbim, der zuletzt bei der Dirt-Reihe die Nerven der Spieler strapaziert hat - etwa der nervtötende Gymkhana-Modus - fehlt jede Spur. „Dirt 4“ ist auch eine Rückbesinnung auf die Serienwurzeln, die dereinst als Colin McRea-Rallye begonnen hatte.

Grafisch wird einiges an Abwechslung geboten, Fahrzeugmodelle, Strecken und der Sound sind sehr schick, zumindest auf der PS4 Pro läuft das Ganze auch komplett butterweich in 60 Frames über den Bildschirm. Einen Karrieremodus gibt es auch, wirklich fesselnd fällt der allerdings nicht aus.

Was „Dirt 4“ wirklich von der Konkurrenz unterscheidet, ist die „Your Stage“-Funktion, bei der ich mir eine Wertungsprüfung ganz nach meinem Geschmack zusammenbasteln kann. Wie schwierig darf es denn sein? Wie lang? Welches Wetter und welche Tageszeit? Mit wenigen Klicks hat man seine Vorlieben eingestellt, in Windeseile generiert das Programm anschließend eine ganz persönliche Strecke. Das macht erstaunlich viel Spaß, weil auf diese Weise immer wieder neue, überraschende Wertungsprüfungen herauskommen.

Fazit

„Dirt 4“ schafft tatsächlich den Spagat zwischen einem zugänglichen Rennspiel und einer bockschweren, knallharten Simulation. Sicher könnte die Auswahl der Schauplätze noch abwechslungsreicher sein, sicher ließe sich schon noch der eine oder andere Rennmodus integrieren, aber im Kern ist „Dirt 4“ ein solides, sehr gut gemachtes, ehrliches Rennspiel, dass sowohl Gelegenheitsfahrer als auch Rennprofis glücklich macht. 

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.