Spieletest

„Mass Effect Andromeda“ im Test: Spaceoper reloaded

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Im Andromeda-Nebel finden wir nicht das erwartete Schlaraffenland vor. Ganz im Gegenteil...

Die „Mass Effect“-Reihe ist immens beliebt, umstritten und eigentlich beendet. Nun wagen Electronic Arts und Bioware den Neustart. Kann das funktionieren?

Kann man nach dem Ende nochmal anfangen? Als Mass Effect 3 vor fünf Jahren die Geschichte rund um Commander Shepard zu Ende brachte, waren viele Fans gelinde gesagt enttäuscht. Sie hatten das Gefühl, dass sie nach Hunderten Stunden, die sie in den Spielen verbracht hatten, um den Lohn ihrer Mühe gebracht worden sind. Dass all die Entscheidungen, mit denen sie im Laufe der Zeit gerungen hatten, am Ende keine Auswirkungen hatten.

Das war natürlich ein bisschen Quatsch. Wenn ich hunderte Stunden hervorragend unterhalten worden bin und mir dann nicht das erwartete Happy End serviert wird, dann macht das rückwirkend natürlich nicht allen Spaß zunichte, den ich zuvor hatte.

Dennoch startet „Mass Effect Andromeda“ mit einer gehörigen Hypothek. Das liegt nicht nur am kontrovers diskutierten direkten Vorgänger, sondern auch am letzten Rollenspiel aus dem Hause Bioware, das 2015 erschienen ist: „Dragon Age Inquisition“. Auch eine Serie, der die Spieler viel Liebe entgegenbringen. Doch der damals versuchte Neustart ging gehörig in die Hose. Die Story - traditionell das Herzstück jedes Bioware-Spiels - war langweilig, die Charaktere flach. Und die Aufgaben, die es zu erledigen gab, eine Beleidigung für jeden Helden an Maus und Tastatur: Sammle dies, transportiere das, laufe hierhin und dann dahin. Die Befürchtung, die nun viele hatten, war, dass Mass Effect Andromeda den gleichen Weg einschlagen würde.

Um es vorweg zu nehmen: In diesem Punkt kann Entwarnung gegeben werden. Mass Effect Andromeda erzählt, wenn man den durchaus schleppenden Einstieg überstanden hat, eine fesselnde Story, prallvoll gestopft mit interessanten Gesprächen, die man mit interessanten Charakteren führt.

In einer weit, weit entfernten Galaxie

Dabei ist das Bemühen erkennbar, sich von den Vorgängerspielen, die in einer höchst komplex gestalteten Milchstraße spielen, räumlich und inhaltlich abzugrenzen. Wir übernehmen die Steuerung von Ryder, dem wahlweise weiblichen oder männlichen Hauptcharakter. Ryder (in meinem Fall ein Mann) gehört zur Initiative, die irgendwann zwischen Mass Effect 2 und 3 aufgebrochen ist, um die Nachbargalaxie Andromeda zu besiedeln. Da das auch im hochtechnisierten Mass Effect-Universum kein Katzensprung ist, dämmern die Teilnehmer der Initiative rund 600 Jahre lang im Kälteschlaf, bis sie ihr Ziel erreichen.

Und dann geht alles schief, was schiefgehen kann. Mehrere Archen mit jeweils 20 000 intelligenten Lebensformen an Bord sind gestartet, in Andromeda ist die der Menschen allerdings auf einmal mutterseelenallein. Und die „goldenen Planeten“ mit optimalen Lebensbedingungen, die die Wissenschaftler auf der Erde als künftige Kolonien auserkoren haben, sind wahlweise eine Strahlen- oder Eishölle. Zudem begegnen einem auf Schritt und Tritt die ausgesprochen miesepetrigen Kett, die nach dem Motto „erst schießen und nie fragen“ verfahren. Kurz darauf ist der Leiter der Mission, Ryders Vater, auch noch tot und all die Verantwortung lastet auf dem Spieler, dem neuen Pathfinder.

An uns ist es nun, dafür zu sorgen, dass die Planeten irgendwie bewohnbar gemacht werden können. Dabei erweisen sich die Relikte einer unbekannten außerirdischen Tradition als ausgesprochen hilfreich. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, die Planeten zu terraformen - also für die Besiedlung geeignet zu machen. Doch so einfach ist das alles nicht und so haben wir schon kurz darauf eine schier endlose Aufgabenliste abzuarbeiten. Wir müssen die Relikte erforschen, die Kett in Zaum halten, Ressourcen sammeln, Siedlungen gründen und verteidigen. Wir müssen diplomatische Beziehungen zu den außerirdischen Völkern vor Ort aufbauen, aber auch immer mal wieder Wissenschaftlerteams finden, die sich verlaufen haben. Müssen nachforschen, was aus den anderen Archen geworden ist, die gemeinsam mit uns aufgebrochen sind. Die Liste ist endlos.

Spannender Kampf ums Überleben

Das besondere daran: Das alles macht wirklich Spaß und motiviert unglaublich. Denn es gelingt den Entwicklern von Bioware, uns ein permanentes Gefühl der Dringlichkeit zu vermitteln. Die Arche ist vollgestopft mit Menschen, die noch im Kälteschlaf liegen. Dennoch werden die Nahrungsmittel und der Platz knapp. Wir brauchen bewohnbare Planeten, so schnell wie möglich. Schnell schließen sich uns Helfer an, die einem im Laufe des Spiels immer mehr ans Herz wachsen, alle ihre eigenen Geschichten und ihre eigene Agenda haben, auch wenn sie nicht an die oftmals tragischen Helden aus den alten Teilen heranreichen. Kurzum: Die Geschichte erreicht nicht die unerreichte Qualität eines „Mass Effect 2“, ist aber hochspannend und solide erzählt.

Mix zwischen Sprechen und Schießen

Spielmechanisch hat sich nicht sonderlich viel geändert. In seinem Kern ist Mass Effect Andromeda auch weiterhin eine gelungene Mischung aus Rollenspiel und Deckungsshooter. Das Schießen macht zwar nicht ansatzweise so viel Spaß wie bei Destiny, ist aber solide umgesetzt und steuert sich gut. Die Kämpfe sind dabei durchaus fordernd, weil wir nicht nur mit den Feinden, sondern auch mit der Umwelt zu kämpfen haben. Wer sich weit entfernt von der Kett-Basis mit seinem Scharfschützengewehr daran macht, relativ gefahrlos einen Feind nach dem anderen aufs Korn zu nehmen, liegt schneller als gedacht selbst im Schnee und lädt den letzten Spielstand. Denn die eisige Kälte auf Voeld sorgt dafür, dass die Batterien der Lebenserhaltung unseres Raumanzuges in Windeseile den Geist aufgeben. Wir müssen nah ran, um in den Genuss der Umweltkontrolle der Basis zu kommen. Und dann sind wir ziemlich schnell umzingelt von den Kett...

Die Technik: Unverdienter Shitstorm

Kurz vor dem Erscheinen von Mass Effect Andromeda entbrannte im Netz ein ausgewachsener Shitstorm. Im Rahmen des EA-Access-Programms konnten Abonnenten die ersten zehn Stunden des Spieles schon vor dem offiziellen Erscheinungstermin ausprobieren. Und einige Spieler störten sich an fehlerhaften Animationen. Da konnte es passieren, dass Figuren wie Marionetten durch die Gegend staksten. Und die Gesichtsanimationen, so konnte man den Eindruck haben, seien in Gesprächen ohnehin irgendwo zwischen grotesk und gruselig. Das alles ist natürlich komplett übertrieben.

Fakt ist, dass die Gesichtsanimationen wirklich oftmals nicht sonderlich hübsch sind. Das hat man in anderen Spielen wie etwa Uncharted 4 oder dem gerade erschienenen Horizon Zero Dawn schon deutlich besser gesehen. Diese Spiele hatten allerdings auch nicht 1200 unterschiedliche Gesprächspartner und ein Dialogbuch, das mehrere Bände umfassen würde, wenn man es ausdruckt. Die Animationen in Mass Effect Andromeda sind zweckmäßig, meistens fehlerfrei und vor allem selbst bei deutscher Sprachausgabe lippensynchron. Das Weltall und die einzelnen Planeten indes sind wirklich bezaubernd schön, detailreich ausgestaltet und abwechslungsreich. An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken. Gerade auf der PS4 Pro, auf der das Spiel getestet wurde, ist es stellenweise ein Augenschmaus mit all seinen Details und Effekten. Dazu kommt eine komplett deutsche Sprachausgabe, die - vielleicht mal abgesehen von der unfassbar nervigen KI, die einen wirklich die ganze Zeit vollplappert und dabei selten wirklich etwas zu sagen hat - eigentlich sehr gut gelungen ist.

Fazit

Mit Mass Effect Andromeda ist der Neustart der Space-Opera gelungen. Der neue Handlungsort im Andromeda-Nebel weiß zu gefallen, die Geschichte ist fesselnd, die Nebencharaktere interessant. Spielmechanisch gibt sich Bioware keine Blöße, die Technik ist ordentlich. Vor allem aber bekommt man selten mehr für sein Geld: Dutzende, vielleicht hunderte Stunden lang kann man die neue Galaxie erkunden. Dennoch sollte sich Bioware mit dem Nachfolger nicht wieder fünf Jahre Zeit lassen.

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