Visionen des Kandidaten auf der CeBIT

Steinbrück zeigt  sich als digitaler Revolutionär

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Peer Steinbrück auf der CeBIT in Hannover.

Hanover - Vor einem skeptischen Publikum betätigte sich SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück als Visionär. Auf der CeBIT forderte er ein radikales Umdenken in Gesellschaft und Politik und plädierte für eine „Kultur des Scheiterns“.

Peer Steinbrück war am Mittwoch sichtlich in seinem Element. Deutschland braucht eine neue Gründerzeit, verkündete er auf einer Konferenz des Branchenverbands Bitkom. Mit halbstündiger Verspätung trat der SPD-Kanzlerkandidat dort an, um auf der Computermesse CeBIT in Hannover ein zunächst skeptisches Publikum von seiner Vision zu überzeugen. Im digitalen Zeitalter sei ein gesellschaftlicher Wandel nötig, sagte er. Sonst drohe eine Spaltung in eine digitale Elite und ein digitales Analphabetentum, das hoffnungslos abgehängt werde.„Ich glaube, dass Programmieren die neue zweite Fremdsprache wird, so wie Alt-Griechisch die zweite Fremdsprache war, als ich jung war.“

Dann legte er los: Die „typisch deutsche“ Behörden-Mentalität will er entstauben, politische Weichen in Schulen und Betrieben stellen, Experimentierfreude und Risikobereitschaft stärken. „Jeder Schüler braucht einen mobilen Computer“, fordert Steinbrück. Junge Unternehmensgründer brauchten soziale Sicherheit, sonst könne sich keine Kultur des Experimentierens etablieren. Ohne sie drohe Deutschland ein Rückfall.

Steinbrück ist nicht der erste Politiker, der sich auf der CeBIT der Start-Up-Szene wohlgesonnen zeigen will. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) forderten mehr Innovationseifer in Deutschland und bessere Bedingungen für Jungunternehmen. Steinbrück bemängelte, beim Ausbau von superschnellen Internetanschlüssen oder der Ausbildung von Fachkräften seien größere Anstrengungen nötig.

Er verwies auf milliardenschwere US-Unternehmen wie Apple, Google oder Microsoft, die den Börsenwert von Deutschlands industriellem Schwergewicht Siemens teilweise um ein Vielfaches übertreffen. „Alles Unternehmen, die erst vor wenigen Jahren gegründet wurden; in astronomischer Geschwindigkeit sind aus Garagen-Klitschen globale Konzerne geworden.“ Warum gibt es die nicht in Deutschland, lautete seine rhetorische Frage.

Peer Steinbrück: Von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen

Peer Steinbrück
Peer Steinbrück ist für derbe Sprüche bekannt. Mit provokanten Äußerungen sorgte er als SPD-Kanzlerkandidat und zuvor als Bundesfinanzminister wiederholt für Unmut, mehrfach auch im Ausland. © dpa
Peer Steinbrück
Februar 2013: Steinbrück verkündet bei einer SPD-Veranstaltung in Potsdam über die Wahl in Italien: „Bis zu einem gewissen Grad bin ich entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben.“ Wegen der Äußerungen sagte Staatspräsident Giorgio Napolitano ein geplantes Abendessen mit Steinbrück ab.   © dpa
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Dezember 2012: Kaum ist die Kritik an Steinbrücks Nebeneinnahmen leiser geworden, eckt er mit einer Bemerkung zum Kanzlerverdienst an. Der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sagt er: „Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin. © dpa
Peer Steinbrück
(...) Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig - gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt.“ Nicht nur in der Union, sondern auch in der SPD regt sich deutlicher Widerspruch. © dpa
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Mai 2009: Als Bundesfinanzminister befürwortet Steinbrück Listen von Steuerparadiesen, auf denen auch EU-Staaten auftauchen. Mit Blick auf ein geplantes Treffen sagt er: „Selbstverständlich werde ich sie zur Nachfolgekonferenz im Juni in Berlin einladen: Luxemburg, Liechtenstein, Schweiz, Österreich, Ouagadougou.“ © dpa
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Ouagadougou ist die Hauptstadt des afrikanischen Staates Burkina Faso. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) distanzieren sich von Steinbrücks Äußerungen. © dpa
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März 2009: Am Rande eines Treffens der G20-Finanzminister bei London verweist Steinbrück darauf, dass der wachsende Druck auf Steueroasen Wirkung zeige: „Die Kavallerie in Fort Yuma muss nicht immer ausreiten, manchmal reicht es, wenn die Indianer wissen, dass sie da ist.“ Die Schweiz bestellt den deutschen Botschafter ein. © dpa
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Oktober 2008: Nach einem OECD-Ministertreffen zum Thema Steuerflucht sagt der SPD-Politiker in Paris: „Wir müssen nicht nur das Zuckerbrot benutzen, sondern auch die Peitsche.“ Die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey nennt die Aussage „inakzeptabel“. © dpa

Weltgewandte Unternehmer berichteten ihm, dass Deutschland „eine Kultur des Scheiterns“ fehle. „Wer einmal als Unternehmer gescheitert ist, bekommt nur schwer weitere Fördergelder und gilt bei Geschäftspartnern und im weiteren sozialen Umfeld schnell als Verlierer.“ Dabei machten Gründer grade im Scheitern wertvolle Erfahrungen für einen Neuanfang. Dann kommt ein augenzwinkerndes Geständnis: Schon Apple-MitbegründerSteve Jobs habe ja gesagt, dass Scheitern zum Erfolg dazugehöre. „Sie kennen diesen Grundsatz schon ganz gut von mir als Kanzlerkandidaten“, meint Steinbrück. Jobs habe auch mit einem anderen Ausspruch Recht, fügte er hinzu: Wer nicht bereit zum Scheitern sei, komme auch nicht weit.

dpa

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