Von wegen Vereinsamung vorm Computer - Geburtstag in Web-2.0-Zeiten

Früher war weniger Glückwunsch. Wer heutzutage Geburtstag hat und im Web gut vernetzt ist, dem wird so viel gratuliert wie nie. Wer das gruselig findet, muss sich zu helfen wissen.

Auch schon Geburtstag gehabt dieses Jahr? Wenn nicht, kommt der Tag logischerweise noch. Und wer nicht zu den Internetmuffeln gehört - und das sind gar nicht so wenige, wie Studien zeigen - der kann an seinem Ehrentag Erstaunliches erleben.

Leute, die einem früher nicht mal „Guten Tag“ gesagt hätten, gratulieren einem plötzlich zum Geburtstag. In Web-2.0-Zeiten sind neue Umgangsformen entstanden. Von wegen Vereinsamung vorm Computer: Man kann sich kaum vor Nachrichten in sozialen Netzwerken oder im E- Mail-Postfach retten.

Bilder: Der große Facebook-Knigge

Der große Facebook-Knigge

Wer zum Beispiel in seinem Facebook-Profil das (echte) Geburtsdatum stehen hat, bekommt an diesem Tag garantiert eine volle virtuelle Pinnwand. Lauter Glückwünsche. Die sogenannten Freunde werden ja täglich daran erinnert, wem man gratulieren könnte. Zwar ist es ein zusätzlicher Schritt, es auch zu tun, und es zeugt von einer Art Zuneigung, die man nicht niedermachen sollte, doch das Ganze hat auch Kehrseiten.

Nervig kann es zum Beispiel werden, wenn sich entfernte Bekannte oder einstige Klassenkameraden kumpelhaft mit „Alles Gute“ oder „Iss nicht so viel Torte, Digger“ melden. Und das, obwohl man sich seit Jahren nicht gesehen hat und nichts - wirklich nichts - mehr miteinander zu tun hat. Außer, dass man vor einiger Zeit leichtsinnigerweise auf „Freundschaftsanfrage bestätigen“ geklickt hat.

Außerdem kann es traurig stimmen, wenn sogar recht nahe Freunde zum Geburtstag nur noch eine Web-Nachricht schreiben statt der früher obligatorischen Karte. Oder wenn sie wegen der neuen Gratulationswege nicht mehr anrufen.

Das neue Happy-Birthday-Dilemma beschäftigt auch Experten. André Kramer, Redakteur bei der Computerzeitschrift „ct“, schrieb vor ein paar Wochen in deren Editorial: „Über die sozialen Netzwerke ist nun jeder sein eigener „Big Brother 2.0“ (...) Was ist, wenn irgendwann eine radikal-esoterische Sekte die Macht ergreift und alle Angehörigen des Sternzeichens Schütze internieren lassen will? Die finden mich! Sofort! Schließlich hänge ich selbst überall Steckbriefe aus.“ Zwar hatte Kramer einige seiner Web-Profile gelöscht oder auf „Privat“ gesetzt, an anderer Stelle aber war er wiederum sehr aktiv. Das habe sich in „tsunamiartigen Glückwunschkaskaden“ niedergeschlagen. Was tun in der modernen Zwickmühle? Gibt es wirklich nur zwei Lösungen? Entweder mit seinen Daten virtuelles Freiwild werden oder aber ein Einsiedler, der sich von der digitalen Welt fernhält?

Bilder: So schützen Sie Ihre Daten in sozialen Netzwerken

So schützen Sie Ihre Daten in sozialen Netzwerken

Offensichtlich gibt es eine dritte Möglichkeit, die auch schon kräftig genutzt wird. 23 Prozent der deutschen Internetnutzer haben online schon mal falsche Angaben über sich gemacht. Das entspricht zwölf Millionen Deutschen. Das ergab eine Anfang des Jahres veröffentlichte Umfrage des Verbands Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien) in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Forsa. Befragt wurden mehr als 1000 Internetnutzer ab 14 Jahren. Demnach wollen sich viele unerkannt austoben, beispielsweise nach einem neuen Partner Ausschau halten oder Andere nur so zum Spaß an der Nase herumführen.

Besonders beliebt ist es, Namen und Alter zu fälschen. Von denen, die im Web schon geflunkert haben, manipulierte jeder zweite diese Angaben. „In erster Linie sind Falschangaben eine Abwehrreaktion gegenüber den zahlreichen Datenabfragen im Internet“, sagt Bitkom- Präsident August-Wilhelm Scheer. 58 Prozent der Schwindler sei es suspekt, Persönliches preiszugeben.

Fazit: Schwindeln scheint eine neue Grundeigenschaft der Informationsgesellschaft zu sein. Na dann: Herzlichen Glückwunsch!

Von Gregor Tholl (dpa)

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