Oxford-Absolvent Alwyn Collinson gibt sechs Jahre lang Geschichte in Echtzeit wieder

Der Zweite Weltkrieg tobt auf Twitter

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Der Weltkrieg in Echtzeit: Inzwischen ist Twitterer Alwyn Collinson im Kriegsjahr 1940 angekommen, wie unser Bildschirmfoto vom 2. Februar 2012 zeigt.

1939 brach der Zweite Weltkrieg aus und dauerte sechs Jahre. Doch für einen Historiker aus Großbritannien findet er genau jetzt statt: In dem sozialen Netzwerk Twitter erzählt Alwyn Collinson den Krieg in Echtzeit nach. Über 200 000 Internetnutzer folgen ihm.

Genau 72 Jahre nach Kriegsausbruch startete der Oxford-Absolvent Alwyn Collinson ein unvergleichliches Projekt: Er will über sechs Jahre in Echtzeit den Zweiten Weltkrieg nachtwittern. „SS-Truppen verkleidet als Polen greifen einen Radiosender in Gleiwitz an, um Deutschlands Angriff auf Polen vorzubereiten“ - so lautete beispielsweise der erste Tweet des 24-Jährigen am Vorabend des Kriegsausbruchs auf RealTimeWWII (http://twitter.com/realtimewwii). Den setzte er fast auf die Stunde genau 72 Jahre nach dem der Krieg mit Adolf Hitlers Angriff auf Polen begann am 31. August 2011 ab.

Die Idee des Briten ist nicht neu. Es gibt bereits andere Twitter-Kanäle, die den Zweiten Weltkrieg beschreiben, wie WW2Today (http://twitter.com/ww2today) oder Ukwarcabinet (http://twitter.com/ukwarcabinet). Doch Collinsons Kanal besticht durch die Anzahl der Tweets. Während WW2Today und Ukwarcabinet täglich nur einmal twittern, setzt Collinson zwischen 10 und 40 Tweets pro Tag ab.

Sein Ziel nach eigenem Bekunden: Die wirklich faszinierenden Geschichten auszuwählen, die einem das Gefühl geben, dabei gewesen zu sein, oder die einem besonders interessante oder ungewöhnliche Dinge über den grausamen Krieg erzählen. Dazu zieht er neben Geschichtsbüchern, fundierten Webseiten und Tageszeitungen auch Augenzeugenberichte und Tagebücher heran. Außerdem bindet er Originalfotos und Videos ein.

Die Kombination aus Einzelschicksalen und Ereignis-Chronologie ist einzigartig. Am 26. September schrieb Collinson beispielsweise: „Simha Roten ist ein Schuljunge in Warschau. Letzte Nacht wurde sein Haus von einer halben Tonne schweren Bombe getroffen, seine Großeltern, seine Tante und sein Bruder Israel, 14, wurden getötet.“

Die Schwierigkeit an dem Projekt besteht für den Historiker nicht in der Recherche, sondern darin, die mit 140 Zeichen wirklich kurzen Texte zu formulieren. Täglich investiert Collinson zwischen zwei und drei Stunden in sein Projekt.

Schnelle Verbreitung

Und die Zahl derer, die seinen Tweets folgen, bestätigt seinen Erfolg. Schon am 9. November 2011 folgten fast 45.000 Menschen seinem Kanal, zehn Tage später waren es über 132.000 und heute sind es über 200.000. Zum Vergleich: Ukwarcabinet folgen nur 8000 Twitter-Nutzer und WW2Today nur 3500.

Das Projekt verbreitet sich immer schneller. Inzwischen gibt es RealTimeWWII auf Türkisch, Arabisch, Portugiesisch, Spanisch, Russisch und Chinesisch - und Collinson rekrutiert weitere Helfer. Bald soll der Kanal auch auf Holländisch, Französisch, Deutsch und Hindi verfügbar sein.

Die Übersetzer helfen dem 24-Jährigen nicht nur, seinen Kanal bekannt zu machen, sie versorgen ihn auch mit weiteren Informationen. Die erlauben es Collinson, den Kriegsverlauf aus allen Perspektiven zu twittern – und das noch bis zum Frühjahr 2017. Denn genau 72 Jahre, nachdem die deutsche Wehrmacht kapitulierte, will auch Alwyn Collinson sein Projekt beenden.

Hintergrund: Zwitschern im sozialen Netzwerk

Twitter ist eine Kommunikationsplattform zum Versenden von Kurzmitteilungen im Internet, die Abonnenten lesen können. Zu erreichen ist das soziale Netzwerk unter www.twitter.com. Gegründet wurde Twitter im Jahr 2006 in San Francisco. Angemeldete Benutzer können dort eigene Textnachrichten mit maximal 140 Zeichen eingeben. Diese Textnachrichten werden all den Benutzern angezeigt, die diesem Benutzer folgen. Die Beiträge selbst werden als Tweets (englisch: to tweet = zwitschern) bezeichnet. Deshalb ist auch das Markenzeichen von Twitter ein blauer Vogel. (jmo)

Von Julia Mohr

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