Bis Freitag nicht erreichbar

Wikipedia geht nicht: Darum ist die Seite den ganzen Tag abgeschaltet

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Die deutsche Wikipedia wird am Donnerstag aus Protest gegen die EU-Urheberrechtsreform abgeschaltet.

Wikipedia geht nicht - zumindest die deutschsprachige Version des Online-Lexikons ist am Donnerstag offline. Die Seite protestiert mit der Abschaltung gegen die Urheberrechtsreform der EU.

Aktualisiert am 21. März um 14.02 Uhr - Wikipedia ist nicht erreichbar - und das ausgerechnet am letzten Tag der schriftlichen Abiturprüfungen in Hessen. Abiturienten im Fach Biologie können am Donnerstagmorgen nicht noch einmal schnell die Details der Evolutionstheorie oder Zellteilung auf dem Smartphone nachschlagen. Sie müssen etwa auf den Brockhaus, Fachbücher oder fremdsprachige Wikipedia-Seiten ausweichen. Die deutschsprachige Wikipedia-Seite wird am 21. März für 24 Stunden abgeschaltet.

Statt der gewünschten Wikipedia-Seite wird stattdessen eine Protestnotiz angezeigt. Darin fordern die Initiatoren des Protests die Wikipedia-Nutzer auf, ihre EU-Abgeordnete zu kontaktieren, an Demonstrationen gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform und an der Wahl zum EU-Parlament Ende Mai teilzunehmen.

So sieht die Homepage von Wikipedia am Donnerstagmorgen aus. 

Wikipedia geht nicht: Autoren kritisieren Artikel 13

Die ehrenamtlichen Autoren der deutschsprachigen Wikipedia hatten den Protest Anfang März beschlossen. Ziel ist es, auf die Folgen der geplanten Urheberrechtsreform der EU aufmerksam zu machen. Am kommenden Dienstag soll über die Reform im Parlament der Europäischen Union abgestimmt werden.

Besonders umstritten ist Artikel 13 der Reform. Er sieht vor, kommerzielle Plattformen wie Youtube bei der Einhaltung des Urheberrechts stärker zur Verantwortung zu ziehen und haftbar zu machen. Bisher müssen die Plattformen erst reagieren, wenn sie auf Urheberrechtsverstöße aufmerksam gemacht werden. Nun sollen illegale Inhalte gar nicht erst hochgeladen werden können.

Damit Inhalte schon vor der Veröffentlichung auf Youtube und Co. überprüft werden können, müssten wohl sogenannte Upload-Filter eingesetzt werden - auch wenn das nicht explizit im Entwurf der Reform steht. Es sei für solche Filter allerdings technisch unmöglich, eine legale Weiterverwendung fremder Texte, Musik und Videos zum Zwecke der Satire, Kritik oder als Zitat zu erkennen, kritisieren die Wikipedia-Autoren in einer Protestnachricht. Artikel 13 würde daher zu Einschränkungen führen, "Werke jeglicher Form überhaupt hochzuladen" und die Kunst-, Meinungs- und Pressefreiheit durch scharf gestellte Upload-Filter "massiv" beeinträchtigen. 

Auch der Kasseler Landtagsabgeordnete Torsten Felstehausen (Linke) warnte vor Upload-Filtern. Dass sich europaweit mit dem Urheberrecht im Internet beschäftigt wird, sei nicht der Kritikpunkt. Das Problem an der Reform seien aber die möglichen Upload-Filter, die zu "Zensurmonstern" werden könnten. Bei der EU-Reform gehe es nicht um Schutz geistigen Eigentums, sondern um den Schutz von Konzerninteressen, kritisiert Felstehausen.

Zensur befürchten Kritiker auch durch den Artikel 11 der Reform, welche ein neues Leistungsschutzrecht vorsieht; so soll sichergestellt werden, dass Verlage mitverdienen, wenn ihre Texte von Suchmaschinen weiterverbreitet werden.

Angela Merkel verteidigt EU-Urheberrechtsreform

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Kompromiss zur EU-Urheberrechtsreform verteidigt, über den kommende Woche abgestimmt werden soll. "Auch im Internet muss geistige Tätigkeit noch irgendetwas bedeuten", sagte sie laut Deutscher Presse-Agentur am Montag. Die Betreiber von Websites wie Youtube müssten Verantwortung dafür tragen, dass die Urheber von Werken nicht ausgebeutet würden, so Merkel.

CDU-Politiker Axel Voss, Verhandlungsführer des EU-Parlaments zum Thema Datenschutz, erklärte die Abstimmung über die Reform zur Machtprobe mit Plattformen wie Youtube. Ein Scheitern der Reform würde bedeuten, dass "eine Demokratie nicht mehr in der Lage ist", die Macht von Youtube, Facebook und Co. zu regulieren.

Die CDU schlug jedoch vor, bei einer nationalen Umsetzung der EU-Richtlinie auf Upload-Filter zu verzichten. Stattdessen sollen Plattformen Lizenzverträge mit Youtube und Co. abschließen. Kritiker halten das aber für nicht umsetzbar, da solche Ausnahmen je nach Land nicht möglich seien.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

EU-Urheberrechtsreform: Proteste auch in Kassel und Göttingen

In ganz Europa und vor allem in Deutschland hatte der Protest gegen Artikel 13 zugenommen. In vielen Städten wird demonstriert, vor allem am Samstag, 23. März, wollen in vielen europäischen Städten Gegner des Artikels 13 auf die Straße gehen. So rufen etwa die Göttinger Piraten für 12 Uhr zum Protest auf Am Nabel auf. In Kassel haben rund 200 Demonstranten schon am 9. März protestiert. 

Wikipedia: Das ist die Online-Enzyklopädie

Aufmerksamkeit für ihr Anliegen ist den Initiatoren der Wikipedia-Aktion sicher: Wikipedia liegt nach Google, Youtube, Amazon, Facebook und Ebay auf Platz sechs der meistgenutzten Websites in Deutschland. Rund 20.000 Menschen schreiben laut Süddeutscher Zeitung an den fast 2,3 Millionen Artikeln mit. 

Die deutsche Wikipedia-Seite wurde gerade volljährig: Am 16. März 2001 ging sie online, mittlerweile gibt es sie in 295 Sprachen. Die Enzyklopädie bietet kostenlose, von Nutzern erstellte und moderierte Informationen. Finanziert wird das gemeinnützige Projekt durch Spenden; in Deutschland haben Privatpersonen und Unternehmen schon mehrere Millionen Euro gespendet.

Wikipedia kurios: Unsere Autorin hat sich selbst auf Wikipedia entdeckt und ist den Fehlern nachgegangen. Nach Veröffentlichung dieses Artikels dauerte es nicht lange - und Wikipedia reagierte.

(mit dpa)

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