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Yolocaust - Wo Selfies auf jüdischen Massengräbern enden

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Von: Dorothea Backovic

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Respekt und Gedenken sieht sicherlich ganz anders aus: Diese jungen Männer hatten sich hüpfend auf dem Mahnmal in Berlin ablichten lassen. Zu diesem Bild schrieben sie "Jumping on dead jews" (deutsch: Auf toten Juden herumspringen). In der Fotomontage rechts ist dieser "Wunsch" umgesetzt worden. Das Duo hüpft zwischen aufgetürmten toten Juden. © yolocaust.de

Sie grinsen breit. Für die Kamera werfen sie sich in Pose - für ein paar Likes auf Facebook und Co. Ort des Geschehens: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Jetzt bekommt die Klick-Generation die Quittung dafür.

Und zwar erbarmungslos - mit einer Website, die den Namen Yolocaust.de trägt. Dort werden die vermeintlich lustigen Schnappschüsse gesammelt und mit schaurigen Bildern aus der NS-Zeit unterlegt. Zuerst sieht man nur das attraktiv für soziale Netzwerke inszenierte Originalbild. Fährt man mit der Maus über das Foto, offenbart sich ein makaber abschreckendes Motiv. Wo vorher beispielsweise zwei gut gelaunte Frauen auf den grauen Klötzen lachend ihr Bestes geben und um die Wette in die Handykamera grinsen, stehen die Damen nun in derselben Pose - allerdings in Schwarz-Weiß - inmitten von Leichen. Es sind die ausgemergelten Körper von Juden in einem NS-Massengrab. Den meisten Betrachtern dürfte dabei das Lachen mehr als vergehen. Wenn es ihnen nicht ohnehin schon beim Original vergangen ist. Es ist vermutlich der harte Kontrast von unsagbarem Leid und naiver Leichtigkeit, der hier den Effekt auslöst.

Yolocaust ist eine Wortneuschöpfung aus Yolo - einer Abkürzung für die englische Formulierung "you only live once“ („du lebst nur einmal“) - und Holocaust, der Bezeichnung für den nationalsozialistischen Völkermord an Millionen von Juden. Als Yolo-Aktion bezeichnen Jugendliche Taten, die dumm und/oder gefährlich waren. Trotzdem sorgen solche Aktionen innerhalb der Zielgruppe für Anerkennung. Insbesondere, weil es sich um einen Ausdruck für Spaß handelt. Yolo steht prinzipiell sogar stellvertretend für Spaß.

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Erschreckender Vorher-Nachher-Effekt: Diese zwei jungen Frauen posierten auf dem Originalbild auf den Klötzen des Mahnmals. Danach sind sie in ein Massengrab retuschiert worden. © yolocaust.de

Der Mann, der die Idee dazu hatte, ist selbst Jude: Shahak Shapira ist 28 Jahre alt, Autor, Satiriker und hat seine Wurzeln in Israel. Im Alter von 14 Jahren kam er nach Deutschland. 

Shahak Shapira will den posierenden Selfie-Touristen den Spiegel vorhalten. Will ihnen zeigen, wie unfassbar geschmacklos ein solches Verhalten an solch einem Ort nur sein kann. "Ich habe in den letzten Jahren ein interessantes Phänomen am Holocaust-Mahnmal beobachtet: Viele Menschen verwenden das Denkmal als eine Kulisse für ihre Profilfotos auf Facebook, Instagram, Tinder oder Grindr", schrieb er dazu auf seiner Facebook-Seite.  

Shahak Shapira bei Facebook

Für alle, an denen es vielleicht vorbeigezogen ist: Tinder und Grindr sind Dating-Apps. Damit sucht man also nach einem (Sexual-)Partner. Man mag daran zweifeln, dass es tatsächlich Menschen gibt, die ihre Qualitäten allen Ernstes mit einem Profilbild untermalen, das sie beim lässigen Thronen auf einer Gedenkstätte für jüdische NS-Opfer zeigt. Möglichst mit coolem Filter und einer ordentlichen Portion Weichzeichner - um Hautunreinheiten und erste Fältchen verschwinden zu lassen - bearbeitet. Doch es gibt diese Menschen offensichtlich.

Jetzt.de - dem Jugend-Onlinemagazin der Süddeutschen Zeitung - sagte Shapira im Interview: "Ich finde es okay, wenn man Fotos dort macht. Aber manche Bilder sind einfach krass." Viele Besucher seien versucht, das Mahnmal als "Lifestyle-Foto-Objekt" zu betrachten, statt es als Stätte für Erinnerungskultur wahrzunehmen.

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Jung, engagiert und nimmt kein Blatt vor den Mund: Shahak Shapira lebt in Berlin und ist Jude. Nach eigenen Angaben ist er "der schlechteste Jude der Welt". Sein „beschnittener Schniedel“ sei das Jüdischste an ihm. © dpa

Doch es ist nicht nur das respektlose verhalten der Selfie-Knipser, dass Shahak Shapira zum Erstellen von Yolocaust bewegt hat. Das gesellschaftskritische Projekt widmete Shapira nach eigenen Angaben „seinem Lieblings-Neonazi Bernd Höcke“. Der AfD-Mann, der eigentlich Björn Höcke heißt, nannte das Holocaust-Gedenken der Deutschen kürzlich „eine Schande“ und erntet dafür breites Entsetzen. Höcke hatte offensichtlich mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin während einer Veranstaltung in Dresden gesagt: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Shapira rät Höcke, sich Yolocaust anzusehen und zu "reflektieren, was er da so über Erinnerungskultur in Dresden gesagt hat“.

Hintergrund: Holocaust-Mahnmal

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Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin - so heißt das Holocaust Mahnmal offiziell. © dpa

Das Holocaust-Mahnmal heißt offiziell Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Es soll als Mahnmal für die unter der Herrschaft des Nationalsozialismus im Holocaust ermordeten Juden dienen. Es befindet sich in Berlin Mitte auf einem Areal von 19.000 Quadratmetern nahe des Brandenburger Tors. Das Mahnmal besteht aus 2711 Betonquadern. Diese Stelen unterscheiden sich nur in ihrer Höhe voneinander. Für Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte sind spezielle Passagen durch das Stelenfeld markiert. Seit Mai 2005 ist das Mahnmal der Öffentlichkeit frei zugänglich. Die Bauzeit betrug zwei Jahre. Ein unterirdisches Museum ergänzt den Komplex.

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