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„Uns geht das Licht aus“: Bäcker in Niedersachsen protestieren gegen Gaskrise

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Von: Johannes Nuß

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Betrieben mit viel Energiebedarf droht in Niedersachsen aufgrund der Gaskrise die Insolvenz oder die Geschäftsaufgabe. Die Bäcker gehen auf die Barrikaden.

Hannover/Hamburg – Unter dem Motto „Uns geht das Licht aus – Heute das Licht und morgen der Ofen?“ haben Bäcker in Niedersachsen, Bremen und dem ganzen Rest des Nordens am Donnerstagmorgen (08.09.2022) auf ihre prekäre Situation in der Energiekrise hingewiesen und das Licht ausgemacht. Das berichtet kreiszeitung.de.

Da Bäckereien zu den Unternehmen gehören, die sehr energieintensiv arbeiten, sind sie derzeit nach eigenen Angaben besonders bedroht. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) unterstützte die Aktion der Bäcker, packte selber in der Backstube mit an und sagte am Morgen in einer Filiale in Hannover: „Ich kann mir unser Land nicht ohne Bäcker vorstellen.“

Gaskrise in Deutschland: Bäcker in Niedersachsen protestieren gegen Gaspreis – Bäckerei Speckmann in Wehrbleck bereits dicht

So musste beispielsweise die Bäckerei Speckmann in Wehrbleck (Landkreis Diepholz) aufgrund zu hoher Gaspreise bereits schließen. Um weiter im Bäckereigewerbe bestehen zu können, hätte Bäckermeister Speckmann 16.666 Brötchen mehr verkaufen müssen – täglich. Auch die Bäckereien im Landkreis Rotenburg haben sich an der Protestaktion beteiligt.

Eine Bäckereifachverkäuferin steht am frühen Morgen in einer bewusst sparsam beleuchteten Bäckerei, daneben montiert Stephan Weil.
In Bäckereien in Niedersachsen, Bremen und dem Rest von Norddeutschland ging am Donnerstagmorgen symbolisch das Licht aus. Damit wollten die Bäcker gegen zu hohe Energiepreise protestieren. Ministerpräsident Stephen Weil (SPD) machte sich selbst ein Bild davon und packte mit an. (kreiszeitung.de-Montage) © Julian Stratenschulte/dpa

Bäcker Markus Meyer aus Stuhr ist besonders verärgert, weil er seine Produktion erst im vergangenen Jahr komplett auf Gas umgestellt hat. Die Bäcker in ganz Niedersachsen, Bremen und dem Rest von Norddeutschland haben am Donnerstag symbolisch die Lichter ausgehen lassen. Angesichts der explodierenden Energiepreise fühlen sie sich vor allem von der Politik im Stich gelassen.

Mit der Aktion wollen sie darauf aufmerksam machen, dass ohne Hilfen die Existenz vieler handwerklicher Bäcker bedroht ist. Der Verkauf ging während der Aktion der Bäcker „selbstverständlich weiter“. Auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) sprang den Bäckern am Donnerstag bei.

„Dass eine Handwerksbranche derart Alarm schlägt, tut mir in der Seele weh. Die knapp 800 niedersächsischen Bäckereibetriebe sind als bedeutende Arbeitgeber und Ernährer unseres Landes systemrelevant“, sagte der CDU-Spitzenkandidat zur Niedersachsen-Wahl 2022.

Man solle diesen Hilferuf als Warnzeichen des gesamten Mittelstandes sehen, daher habe er bereits ein gezieltes Hilfsprogramm für den Mittelstand bei Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck angefragt. „Es ist bereits viel zu viel Zeit verstrichen. Dieses Zögern kann uns ganze Berufsstände kosten“, so Althusmann.

Bäcker in Niedersachsen protestieren gegen Gaspreis: Rund 70 Prozent der Betriebe arbeiten mit Gasöfen

In den fünf Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern sind nach Angaben der Innung rund 800 Handwerksbäckereien mit vielen Tausend Verkaufsfilialen organisiert. Sie bildeten mit Betriebsgrößen vom Kleinstbetrieb bis zu Betrieben mit weit mehr als 1000 Mitarbeitern die mittelständische Wirtschaft ab.

Ich kann mir unser Land nicht ohne Bäcker vorstellen.

Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident von Niedersachsen

Im Aufruf heißt es: „Gerade dieser Mittelstand ist derzeit in seiner Existenz bedroht.“ Die Bäckereien fühlen sich von den enorm gestiegenen Energiepreisen besonders getroffen, weil ihre Produktion mit Backöfen und Kühlanlagen besonders energieintensiv sei.

„Eine – wie Experten derzeit für mittelgroße Betriebe voraussagen – Versiebenfachung des Gaspreises und eine Vervierfachung des Strompreises bis 2023 können die Bäckereien nicht alleine auffangen“, argumentieren sie. „In etwa 70 Prozent der Bäckereien sind Gasöfen in der Nutzung.“

Protest in Niedersachsen: Bäcker demonstrieren gegen Gaspreis in Deutschland

Weil zudem wegen des angehobenen Mindestlohns die Personalkosten stiegen und sich die Preise für Mehl und andere Rohstoffe deutlich erhöht hätten, fühlen sich die Bäckereien einem „Kosten-Tsunami“ ausgesetzt, wie es in einem Papier des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks heißt. Demnach können die „die dramatischen Kostensteigerungen nur begrenzt an Kunden weitergeben, weil sie sich im harten Preiswettbewerb mit der Industrie befinden“.

Besonders erzürnt den Handwerkszweig, der in der Coronakrise als systemrelevant anerkannt wurde, dass seine Betriebe keine Zuschüsse aus dem Energiekostendämpfungsprogramm (EKDP) des Bundes beantragen könnten. Denn sie stünden anders als viele andere Wirtschaftszweige nicht auf der Liste förderungsfähiger Unternehmen.

Die Aufnahme in das EKDP müsse dringend nachgeholt werden, fordern die Bäcker seit Wochen. „Es kann nicht angehen, dass die Herstellung von zum Beispiel Wermutwein oder Tapeten förderfähig, Bäckereien aber ausgeschlossen sind.“ (mit Material der dpa)

+++ Der Text wurde am Donnerstag, 8. September 2022, gegen 15:05 Uhr aktualisiert. +++

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