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Schlechter Zustand, kaum Sanierungen: 433 Brücken in Niedersachsen sind baufällig

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Von: Peter Mlodoch

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433 Brücken an Bundesfernstraßen in Niedersachsen sind baufällig, davon 226 Autobahnbrücken. Nun müssen Bund und Land wichtige Brücken sanieren lassen.

Hannover – 433 Brücken an Bundesfernstraßen in Niedersachsen sind baufällig. Bei Autobahnbrücken sind 226 Teilbauwerke so marode, dass sie bis spätestens 2035 ersetzt werden müssen. Das ergibt sich aus einer Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf Anfrage der Vizevorsitzenden der Grünen-Bundestagsfraktion, Julia Verlinden aus Lüneburg.

In einer Aufstellung, die unserer Zeitung vorliegt, bescheinigt das Ministerium von Ressortchef Volker Wissing (FDP) fast drei Viertel dieser Brücken beim sogenannten Traglastindex die schlechteste von insgesamt fünf Stufen. Statt Geld in neue Autobahnen wie die A20 oder A39 zu stecken, müssten die Mittel schnell in die Bestandserhaltung wichtiger Fernverbindungen fließen, fordert Verlinden.

Infrastruktur in Niedersachsen: 433 Brücken in Niedersachsen sind baufällig

Auch die Brücke der A 38 beim Dreieck Drammetal ist baufällig: Spätestens 2037 läuft dort die Restnutzungsdauer aus.
Auch die Brücke der A38 beim Dreieck Drammetal ist baufällig: Spätestens 2037 läuft dort die Restnutzungsdauer aus. © Stefan Rampfel

Baufällig ist auch die Drammetal-Brücke der A38. Diese bekommt in der Liste des Ministeriums die Zustandsnote „nicht ausreichend“. Spätestens 2037 läuft dort die Restnutzungsdauer aus. Nur etwas besser stehen die Überführungen der Bundestraße 3 bei Göttingen über die A7 da. Ihren Zustand bewertet der Bund mit „noch ausreichend“.

Das Ende Restnutzungsdauer gibt das Ministerium mit 2036 an; als „Zeithorizont“ für Ersatz oder Sanierung sind die Jahre 2030 bis 2032 genannt. Nicht viel besser sieht es an den Bundesstraßen in Niedersachsen aus. Dort müssen laut Ministerium 207 Teilbauwerke aufgrund ihres schlechten Zustands näher untersucht und gegebenenfalls bis 2030 saniert werden.

Hier fielen 49,8 Prozent der Brücken in ihrer letzten Prüfung bei Traglastindex durch. Schwacher Trost: Keine der Überführungen ist akut einsturzgefährdet. „Im niedersächsischen Zuständigkeitsbereich der Autobahn GmbH des Bundes gibt es keine Brücke, die aus heutiger Sicht vorübergehend oder dauerhaft gesperrt werden muss“, heißt es in der Ministeriumsauskunft.

Schlechter Zustand, kaum Sanierungen: Bund und Land müssen schnellstmöglich handeln

Gleiches gelte auch für die Bundesstraßen. Für Grünen-Parlamentarierin Verlinden ist es dennoch höchste Zeit zu handeln. „Die Antwort des Bundesverkehrsministeriums führt deutlich vor Augen, wie dramatisch es um die Brücken an den Bundesfernstraßen in Niedersachsen steht.“

Bevor Brücken komplett dichtgemacht werden müssten und sich Situationen wie die Sperrung der nicht mehr zu sanierenden Talbrücke Rahmede der A45 bei Lüdenscheid (Nordrhein-Westfalen) auch in Niedersachsen häuften, sollten Bund und Land schnellstmöglich tätig werden.

Berlin und Hannover müssten alles daransetzen, Ressourcen zur Brückensanierung zur Verfügung zu stellen, verlangt die Fraktionsvizechefin. Ihr Lösungsvorschlag lautet, sowohl Geldmittel als auch personelles Fachwissen aus der Planung neuer Autobahnen und Bundesstraßen in den Erhalt der Brücken umzuschichten.

Ressourcen müssen erst in Instandhaltung statt Neubau von Autobahnen fließen

„Bestandserhalt wichtiger Verkehrsadern muss Vorrang vor Neubau haben“, betont Verlinden. „Solange 433 Brückenbauwerke an Bundesfernstraßen in Niedersachsen baufällig sind, ist eigentlich nicht nachvollziehbar, wie überhaupt Ressourcen in die Neubauplanung von Autobahnen wie die A20, die A39, die A33 Nord und in den Neubau- oder Ausbau von Bundesstraßen gesteckt werden können.“

Bestandserhalt wichtiger Verkehrsadern muss Vorrang vor Neubau haben.

Julia Verlinden

Für die Brücken entlang von Autobahnen ist die Autobahn GmbH des Bundes zuständig, für Brücken entlang von Bundesstraßen agiert das Land Niedersachsen als Auftragsverwalter, zuständig ist hier die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (NLStBV).

Problem: Offenbar verfügen weder die Bundesgesellschaft noch die niedersächsische Behörde über ausreichend Planungsingenieure. Die Baubranche beklagt eine extrem schlechte Auftragslage bei der Brückensanierung. Es würden kaum Brücken zur Sanierung durch die zuständigen Behörden ausgeschrieben.

Kaputte Brücke soll noch vor Weihnachten 2022 gesprengt werden

Von den rund 27.000 Autobahnbrücken in Deutschland gelten 4.000 als ähnlich marode wie die Talbrücke Rahmede. Sie sollen laut Bund bis 2030 erneuert oder zumindest grundsaniert werden. Die Autobahn GmbH hat angekündigt, pro Jahr 400 entsprechende Aufträge zu vergeben. Tatsächlich sind es nach Angaben des Baugewerbes gerade mal 100.

Die viel befahrene Nord-Südachse der A45 ist bei Lüdenscheid seit Dezember 2021 gesperrt; der Fernverkehr wird laut ADAC weiträumig über die A4, A3, A1 und A44 umgeleitet. Bundesverkehrsminister Wissing hat im August angekündigt, dass hier das Vergabeverfahren zumindest für den Abriss der Talüberquerung abgeschlossen worden sei.

Die kaputte Brücke solle noch vor Weihnachten gesprengt werden. Auf ein Jahr, wann der Ersatz fertig sein könnte, wollte sich der Ressortchef jedoch nicht festlegen. Mit bis zu fünf Jahren Bauzeit müsse man rechnen, sagen Experten. (Peter Mlodoch)

Staugefahr zu den Herbstferien in Niedersachsen – auf der A1 und A7 kann es besonders eng werden. Die Kosten für die drei großen Autobahnprojekte in Niedersachsen explodieren förmlich. Autofahrer in Niedersachsen sind einem höheren Risiko für tödliche Unfälle ausgesetzt als in anderen Bundesländern.

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