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Mit dem Rolli ins Parlament: Constantin Grosch (SPD) ist der erste Rollstuhlfahrer im Landtag

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Von: Thomas Kopietz, Peter Mlodoch

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Constantin Grosch ist im Landtag in Hannover der erste Abgeordnete im Rollstuhl. Im Interview spricht der SPD-Mann über seine Krankheit und seine politische Arbeit.

Hameln/Hannover – Als im Niedersächsischen Landtag in Hannover der Umbau für die neue Legislaturperiode läuft, neue Sitzplätze samt Anordnung für die veränderten Fraktionen geschaffen werden, testet die scheidende Landtagspräsidentin Gabriele Andretta (SPD) höchstpersönlich, wie weit sich das Rednerpult samt Mikrofonen herunterfahren lässt.

Das hat einen Grund: Denn auch der in der 75-jährigen Geschichte des Landtags Niedersachsen erste Abgeordnete im Rollstuhl, Constantin Grosch, soll beste Bedingungen für seine Auftritte als Redner finden. Wir sprachen mit Grosch.

Interview: Constantin Grosch (SPD) über seine politischen Ziele und dem Alltag als Abgeordneter im Rollstuhl

Vor dem Landtag: Constantin Grosch (SPD) aus dem Wahlkreis Hameln-Rinteln ist erste Landtagsabgeordnete, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist.
Vor dem Landtag: Constantin Grosch (SPD) aus dem Wahlkreis Hameln-Rinteln ist erste Landtagsabgeordnete, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist. © Thomas Kopietz

Herr Grosch, Sie sind in der 75-jährigen Geschichte des Niedersächsischen Landtags der erste Abgeordnete im Rollstuhl. Ist diese Premiere ein Grund zum Feiern?

Ja, für eine Demokratie es immer gut, wenn die Bandbreite der Menschen, die in der Demokratie und den Parlamenten auch in Person repräsentiert werden, zunimmt. Viele Menschen machen wegen ihrer Behinderung Diskriminierungserfahrungen, bekommen im Kampf mit den Behörden immer wieder Schwierigkeiten. Für diese Menschen ist es gutes Signal, wenn sie sich jetzt von mir als Person mit einer deutlich sichtbaren Behinderung repräsentiert fühlen können, wenn sie in mir einen Ansprechpartner sehen, der ihre Probleme im Alltag nachvollziehen kann.

Erklären Sie uns bitte Ihre Krankheit und die dadurch bewirkten Einschränkungen.

Ich habe eine Muskeldystrophie, im Volksmund würde man Muskelschwund sagen. Die bewirkt, dass mein Körper nicht in der Lage ist, den Zustand meiner Muskeln langfristig aufrechtzuerhalten, sie zu reparieren. Dadurch lässt die Kraft und Beweglichkeit nach. Ich habe nicht mehr genug Kraft in den Beinen, um zu laufen, nicht genug Kraft in den Armen, diese zu heben. Glücklicherweise sind meine inneren Organe, insbesondere das Herz, davon nicht direkt betroffen.

Sie sind also im täglichen Leben auf fremde Hilfe angewiesen. Was bedeutet das für Ihre künftige Arbeit im Parlament?

Für mich persönlich ändert sich nicht viel, weil ich dieses Leben so ja schon kenne. Aber ja, ich brauche bei allen Tätigkeiten des Alltags Unterstützung, ob ich jetzt einen Humpen Bier heben möchte oder ob es eben das Öffnen meiner Abgeordnetenpost ist. Beides sind Bewegungen der Hände, die ich nicht ausführen kann, für die ich also Hilfe brauche. Ich lebe immer schon mit einer sogenannten persönlichen Assistenz, sprich Personen, die die ganz normalen pflegerischen Tätigkeiten übernehmen, die mich bei meiner Haushaltsführen unterstützen, die meine Post öffnen, die den Aufzugknopf im Bahnhof drücken. Und diese Assistenten werden mich auch im Landtag bei Tätigkeiten begleiten.

Die Geschäftsordnung des Landtags sieht bei Schlussabstimmungen das Aufstehen vor. Wie werden Sie Ja und Nein bekunden?

Das ist eine spannende Frage. Ich befinde mich darüber in Konsultationen mit der Landtagsverwaltung und werde das auch mit dem künftigen Präsidium absprechen müssen. Eine Überlegung ist, dies über eine für alle sichtbare kleine Ampelanlage mit entsprechenden Knöpfen an meinem Sitzplatz zu regeln: grün für Ja, rot für Nein, gelb für Enthaltung. Denkbar ist auch ein Touch-Bildschirm an meinem Platz mit Verbindung zur Sitzungsleitung. Wir werden in der Geschäftsordnung jedenfalls einiges ändern müssen.

Was noch?

Zum Beispiel, wie ich an einem „Hammelsprung“ teilnehmen kann. Dazu zählt auch, dass ich ein eigenes Mikrofon an meinem Tisch bekomme. Bei Zwischenfragen oder Interventionen ist ein schneller Sprint zum Saalmikro anders als bei den Kollegen für mich ja ziemlich schwierig. Ich kann ja nicht einfach durch die Gänge, in denen womöglich noch diverse Aktentaschen stehen, manövrieren.

Hat der Niedersächsische Landtag bei seinem 2017 fertiggestellten Umbau etwa nicht ausreichend auf Barrierefreiheit geachtet?

Da kann man sich eigentlich nicht beschweren. Große Nacharbeiten sind glücklicherweise nicht erforderlich. Es sind viele Kleinigkeiten, auf die man jetzt erst stößt.

Wie ist die Zusammenarbeit mit der Landtagsverwaltung?

Die ist wirklich hervorragend. Die Mitarbeitenden kümmern sich auch schnell um diese Kleinigkeiten und suchen nach guten Lösungen. Der Verwaltung ist sehr bewusst und mir selbst ist es besonders wichtig, dass wir möglichst wenig Sonderregelungen und Abweichungen vom normalen Prozedere benötigen. So soll für die Zuschauerinnen und Zuschauer, aber vielleicht auch für die Kolleginnen und Kollegen deutlich werden, dass es eine ganz normale Tatsache ist, dass hier ein Mensch mit Behinderungen im Parlament sitzt und möglichst normal am Geschehen teilnimmt.

Zum Problem könnten vertrauliche Ausschusssitzungen werden. Wie können Sie die Verschwiegenheitspflichten Ihrer Assistenten gewährleisten?

Auch da schauen wir gerade, ob und wie das rechtlich zu regeln ist. Fakt ist, dass meine Assistenten nicht nur bei Sitzungen anwesend sind, sondern gegebenenfalls auch durch ihre Tätigkeit für mich Einsicht in vertrauliche Unterlagen bekommen. Meine Assistenten müssen genauso wie Abgeordnete und ihre Mitarbeiter einem Sicherheitscheck unterzogen werden. Das wissen meine Assistenten aber; sie werden ihre relevanten Daten an die Landtagsverwaltung übermitteln.

In welchen Ausschüssen möchten Sie mitarbeiten?

Am liebsten im Wirtschafts- und Verkehrsausschuss. Das mag für Ihre Leserinnen und Leser vielleicht nicht ganz nachvollziehbar sein. Aber ich habe mich in den vergangenen zehn Jahren politisch immer für eine Verkehrswende eingesetzt. Ich bin Aufsichtsratsvorsitzender der kommunalen Verkehrsgesellschaft in meinem Heimatkreis Hameln-Pyrmont und weiß, welche Probleme wir dort haben. Wir müssen die Mobilitätsbedürfnisse der verschiedenen Menschen beachten. Nicht jeder kann sich ein Auto leisten oder es fahren. Nicht jeder kommt in einen Bus oder Zug hinein.

Also keine Sozialpolitik, wie es vielleicht manche von Ihnen erwarten?

Ich habe auf Bundesebene in der Behindertenpolitik und im Sozialbereich gearbeitet. Natürlich werde ich mich auch im Landtag entsprechend einbringen. Ich habe meine Wünsche für die Ausschüsse platziert. Ob sie auch erfüllt werden, steht auf einem anderen Blatt. (ymp/tko)

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Zur Person

Constantin Grosch (30), hat bei der Landtagswahl für die SPD den Wahlkreis Hameln/Rinteln gewonnen. Grosch hat Jura und Soziologie studiert. Bis 2015 war er Mitglied der Piraten-Partei. Grosch ist in der Behindertenbewegung aktiv und war 2021 mit anderen Betroffenen vor dem Bundesverfassungsgericht erfolgreich. Das BVG verpflichtete den Gesetzgeber, Vorkehrungen zum Schutz behinderter Menschen für den Fall einer pandemiebedingten Triage zu treffen. (ymp) 

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