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Vom Wald ins Dorf: Wenn eine ganze Kirche umzieht

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Von: Raphael Digiacomo

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Eine Bürgerinitiative im Harz sammelt 1,3 Millionen Euro und rettet eine Kirche vor dem Verfall. Die Kirche wird im Wald ab- und im Dorf wieder aufgebaut.

Stiege/Harz – Die Kirche im Dorf (nieder-)lassen: Dass eine ganze Kirche abgebaut und an einem anderen Ort wieder aufgebaut wird, kommt recht selten vor. Nun ist im Oberharz so eine Aktion gelungen. Mit viel Elan haben Bürger eine Stabkirche vor dem Verfall gerettet, demontiert und mitten im Dorf wieder aufgebaut. Das wird nun ab Freitag (20.05.2022) drei Tage lang gefeiert.

„Ich bin wirklich beeindruckt“, sagt Wallburg Anlauf und betrachtet wohlwollend die Kirche, die seit Kurzem fertig saniert am neuen Ort nahe des Bahnhofs von Stiege im Oberharz steht. Die ältere Dame ist voll des Lobes. Zunächst habe sie dem Umzug der Stabkirche Stiege skeptisch gegenübergestanden, räumt die 74-Jährige ein.

Kirche im Harz vom Wald ins Dorf umgezogen

Wie zahlreiche Bürger habe auch sie sich gefragt, ob das Geld nicht anderswo besser eingesetzt wäre – so im Straßenbau. „Aber jetzt bin ich froh, dass wir die Kirche hier bei uns haben. Ich bin begeistert, was Ehrenamt, Fleiß und Engagement ermöglichen.“

Stolz: Monika Uecker vom Verein Stabkirche Stiege und Karsten Höpting, Pfarrer in Hasselfelde, vor der sanierten Stabkirche an ihrem neuen Standort.
Stolz: Monika Uecker vom Verein Stabkirche Stiege und Karsten Höpting, Pfarrer in Hasselfelde, vor der sanierten Stabkirche an ihrem neuen Standort. © Jens Schulze/epd

1,3 Millionen Euro hat der vor acht Jahren gegründete und heute mehr als 170 Mitglieder zählende Verein „Stabkirche Stiege“ eingeworben, um die Holzkapelle mit den charakteristischen Drachenköpfen vor Vandalismus und Verfall zu retten und aus einem Waldstück ins sechs Kilometer entfernte Dorfzentrum zu versetzen.

Vor einem Jahr begann der fachmännische Abbau. Damals stand die 1905 eingeweihte Kirche noch auf einer einsamen Lichtung im Dreiländereck von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf dem verfallenen Gelände der seit 30 Jahren geschlossenen Lungenheilanstalt Albrechtshaus.

1,3 Millionen Euro Spenden um Stabkirche vor Vandalismus und Verfall zu retten

Auf Sommerfesten und Weihnachtsmärkten haben die Bürger gesammelt, etliche Lesungen, Konzerte, Ausstellungen zugunsten der norwegischen Drachenkirche organisiert. Der Durchbruch kam 2020: eine Förderzusage des Bundes über 300 000 Euro aus dem Denkmalprogramm „National wertvolle Kulturdenkmäler“.

Dazu kamen Förderungen vom Land Sachsen-Anhalt sowie von Unternehmen und Stiftungen. „Ich kann kaum glauben, dass wir das geschafft haben“, sagt die stellvertretende Vereinsvorsitzende Monika Uecker glücklich.

Die Tischler, Zimmerer und Restauratoren der Werkstätten für Denkmalpflege im nahen Quedlinburg haben das 1000-Einwohner-Dörfchen Stiege wieder verlassen, der Rasen ist eingesät, die Stauden für einen bienenfreundlichen Kirchgarten sind gesetzt. Sogar Picknickbänke stehen bereit.

Stabkirche im Oberharz wird künftig Ort für Kunst, Kultur und Begegnungen sein

Die Stabkirche ist keine Kirche im konfessionellen Sinne, sie soll künftig vor allem ein Ort für Kunst und Kultur sein. Doch Höpting sieht darin keine Konkurrenz. Es freue ihn, dass in einer strukturschwachen Gegend, in der weniger als ein Drittel der Menschen Kirchenmitglieder sind, so viel Engagement aufgebracht wurde, sagt der 40-Jährige.

Was hier geschehen ist, der Zusammenhalt, die Kreativität, das Engagement der verschiedenster Menschen für ein Ziel: Das ist für mich Kirche.

Pfarrer Karsten Höpting

„Was hier geschehen ist, der Zusammenhalt, die Kreativität, das Engagement der verschiedenster Menschen für ein Ziel: Das ist für mich Kirche. Es zeigt die Bedeutung von Kirche auch außerhalb von Kirchenzugehörigkeit.

Der evangelische Pfarrer und die Bürger sind sich einig: Obwohl die Stabkirche künftig in erster Linie Event-Location sein soll, werden auf Anfrage auch Andachten, Trauungen oder Taufen möglich sein. „Wir haben ja auch noch unsere andere Kirche in Stiege“, sagt Höpting. Die soll die Hauptadresse für kirchliche Feiern bleiben.

Umgezogene Kirche in Stiege: „Weltliche und kirchliche Nutzungen im Alltag ergänzen“

Auch Cosima Pilz sieht das so, Vereinsmitglied der ersten Stunde und Sprecherin der Initiative. Weltliche und kirchliche Nutzungen könnten sich im Alltag ergänzen. „Wir wollen Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Kunstauktionen veranstalten“, sagt sie, die bis zur Schließung 1993 im „Albrechtshaus“ arbeitete.

Ihr sei es wichtig, dass in der Kirche auch gebetet werden könne. „Wir dürfen nicht vergessen: Viele Menschen haben über die Jahrzehnte in der Stabkirche Abschied von Angehörigen genommen, die in der Lungenheilanstalt starben.“

Kirche demontiert und anderorts wiederaufgebaut: Vor einem Jahr begann der fachmännische Abbau der Stabkirche von Stiege im Harz.
Kirche demontiert und anderorts wiederaufgebaut: Vor einem Jahr begann der fachmännische Abbau der Stabkirche von Stiege im Harz. © Jens Schulze/epd

Wallburg Anlauf verweilt derweil mit ihrem Ehemann Harro noch vor der Stabkirche, die nur wenige Schritte von ihrem Haus entfernt steht. Sie hat sich überzeugen lassen – jetzt, wenige Tage vor der offiziellen Feier, wolle sie doch in den Verein „Stabkirche Stiege“ eintreten.

Schließlich sei die Arbeit mit dem Umzug nicht erledigt. Jetzt gelte es die Kirche mit Leben zu füllen, ein attraktives Programm zu bieten und Touristen anzulocken. „Da sind wir jetzt alle gefragt.“ (epd/rdg)

Nach zwei Jahren Coronapause finden wieder im gesamten Harz Feiern zur Walpurgisnacht statt. Das Jugendzentrum der katholischen Kirche in Duderstadt verfügt ab sofort über einen eigenen Escape Room.

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