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Konzert von Sängerin Beth Hart in Hannover: Die Tiefen des Lebens als Kraftquelle

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Von: Thomas Kopietz

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Mega-Stimme, schiere Power und doch viel Gefühl: Die US-amerikanische Blues-Rock-Sängerin Beth Hart.
Mega-Stimme, schiere Power und doch viel Gefühl: Die US-amerikanische Blues-Rock-Sängerin Beth Hart trat in Hannover im Kuppelsaal auf. (Archivbild) © jbfoto/bethhart.com/nh

Die US-amerikanische Sängerin Beth Hart gibt ein einzigartiges Konzert im Kuppelsaal in Hannover - und viel von sich selber preis.

Hannover – Schier unbändige Power und zarte Verletzlichkeit: In der Persönlichkeit der Beth Hart liegt beides nah beieinander. Die amerikanische Blues-Rock-Sängerin erzählt in ihren Songs von ihren Tiefen, ihren Schwächen, die gleichzeitig auch enorme Stärken sind.

Sie lebt diese vereinten Gegensätze auch in ihren Konzerten, wie im Kuppelsaal von Hannover, als das Publikum ein einzigartiges Konzert einer großartigen Sängerin erlebt – samt Spontan-Auftritt einer Musikerin aus Soltau: Heidi Joubert.

US-Sängerin Beth Hart spielte im Kuppelsaal in Hannover

Beth Hart hat die Cajun-Spielerin am Dienstag beim Soundcheck samt Jam kurzfristig engagiert. Hart würfelt das Programm durcheinander, schafft Raum für Neues. So etwas ist für sie nicht unüblich, denn Beth Hart mag durchgeplante und -choreografierte Bühnenprogramme so gar nicht. Sie braucht Platz für Spontanität, für Reaktionen auf das Publikum.

Nichts ist schlimmer als eine einstudierte Show.

US-Musikerin Beth Hart

Die Konzerte der 50-Jährigen sind Unikate. Ihrer Band verlangt sie deshalb so einiges ab: „100 Stücke sollten sie schon spielen können“, sagte Hart einmal. Jon Nichols (Gitarre), Tom Lilly (Bass) und Bill Ransom (Drums) können es, das Zusammenspiel ist großartig.

Fester Baustein und das Mittel gegen Lampenfieber für die Sängerin ist der Auftakt: Sie kommt – auch im Kuppelsaal – aus der Tiefe des Raumes, nimmt sich einen Song – „I Love you more than You´ll ever know“ – lang Zeit, um den weiten Weg durchs Parkett bis zur Bühne zu gehen. Beth schüttelt Hände, verteilt Getto-Fäuste, umarmt viele Fans.

Konzert von Beth Hart in Hannover: Sängerin sucht die Nähe zu den Fans

Diese Nähe, diese Verbindung schafft die Atmosphäre, die Hart braucht. Dabei wirkt diese Frau so tough, trägt ein weißes Shirt mit Rammstein-Schriftzug und eine hautenge Hose, die Mähne ist wild, das Dekolletee tief samt markantem Kreuz als Kettenanhänger.

Entsprechend hart haut sie den „Bad Woman Blues“ heraus, unmissverständlich mit Wucht und einer anziehenden Portion Dreck und Wildheit in der Stimme.

Spontanes Duo und sofort vertraut: Beth Hart holte die Percussionistin Heidi Joubert aus Soltau.
Spontanes Duo und sofort vertraut: Beth Hart holte die Percussionistin Heidi Joubert aus Soltau vor 2000 Zuschauern auf die Bühne. © Privat/Joubert/nh

Doch da ist auch die andere, die überaus verletzliche Seite der Beth Hart. Die 50-Jährige aus LA hat eine bipolare Störung und vor nichts mehr Angst, als in Rage zu geraten, diese Wut dann nicht mehr kontrollieren zu können.

Sie nimmt harte Medikamente, hat dem exzessiven Hang zu Drogen abgeschworen. Alkohol ist auch hinter der Bühne tabu – für alle. Dafür nimmt sie ab und zu ein Bambusröhrchen als Zigarettenersatz in den Mund.

Als sie bei der Arbeit am Led-Zeppelin-Tribute-Album merkte, dass manche Songs jene Wut für eine starke gesangliche Interpretation brauchen, traut sie sich zunächst nicht heran, singt sie später – mit atemberaubender Intensität – dennoch ein. Zu hören ist das in Hannover auch bei „Babe, I´m gonna leave you“.

US-Sängerin Beth Hart erzählte beim Konzert in Hannover von ihrem Leben mit bipolarer Störung

Wut. Davon ist im Kuppelsaal nichts zu spüren. „Meine Störung hat mich zu einem einfühlsameren, lieben Menschen gemacht“, sagt Hart. Dafür ist sie dankbar, wie sie in der Ballade „Thankful“ – so auch der Titel der Tour – eindrucksvoll erzählt. Dankbarkeit dafür, dass sie – trotz allem – das Leben genießen kann. So sind ihre Songs auch ein Therapeutikum, für sich, aber auch für Fans, von denen mancher ebenfalls ein psychisches Paket trägt.

Und in welchem Musik-Genre lässt es sich besser über sein Leben, gepaart mit den augenblicklichen Erlebnissen erzählen? Blues. Aus der tiefen Melancholie wächst Kraft. Schonungslos offen berichte Hart über Dämonen, die Schwärze in ihrer Seele, dass Manische, in deren Klammergriff sie lebte – „War in my mind“, spiegelt all das. Ein Stück, an dessen Ende steht: „Ich habe den Frieden mit dem Krieg in meinem Kopf gemacht.“

In Hannover spielt Hart ein Akustik-Set. Sie am Piano. Die Musiker unplugged mit Akustik-Gitarre, Kontrabass und Percussion, als die Sängerin ein „wonderful woman“ auf die Bühne bittet: Heidi Joubert. Der Kontakt kam zufällig. Joubert lässt seit 10 Jahren für eine eigene Marke Cajun-Trommelboxen bauen. Je eine will Joubert dem Hart-Percussionisten Bill Ransom und Beth schenken.

Musikerin aus Soltau steht in Hannover spontan mit Beth Hart auf der Bühne

Sie fährt nach Hamburg zum Konzert und tut das. Folglich laden Beth und Bill sie zum Soundcheck in den Kuppelsaal ein. Was dann passiert, ist „Magie“, wie Heidi sagt: Sie spielt und Beth Hart, die Blues-Rockerin, rappt dazu. „Wir machen das auf der Bühne, heute Abend“, sagt Beth. Heidi ist perplex, „total überwältigt“.

Flugs entwickelt sich so eine „unbeschreibliche Verbindung“, sagt Joubert, die ihr Geld als Sängerin, Cajun-Produzentin und -Lehrerin verdient. Beide sind gläubig, fühlen sich durch Gott geführt und beschützt. Beide lieben die Musik. Beide glauben an die Magie der Momente. Beide haben extreme Tiefen durchlebt.

Das Resultat: Beth Hart will Heidi Joubert, die Frau, die aus der schrillen Millionen-Metropole London ins stille Soltau zog, weiter auf der Bühne und bei der Produktion eines Live-Albums 2024 dabei haben. Eine unglaubliche Geschichte.

Beth Hart mit ihrer Qualität könnte Arenen füllen. Dann aber müsste sie ein Stück ihrer Persönlichkeit aufgeben, sich vermarkten lassen. Dass sie es nicht tut, ist gut, denn sie steht für die unglaubliche Kraft der Musik. Und: Ohne Super-Star-Status bleiben Konzerte – wie im Kuppelsaal – mit Beth Hart ein ganz persönliches, intimes Erlebnis. Dafür sagt eine Frau im Publikum am Ende: „Thank you, Beth!“ (tko)

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