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Langjährige Landtagspräsidentin Gabriele Andretta aus Göttingen legt ihr Amt nieder

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Von: Thomas Kopietz

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Seit 2017 war das Leineschloss in Hannover ihr Arbeitsort: Gabriele Andretta war dort bis Anfang November als Landtagspräsidentin tätig. Bevor sie ihr Amt niederlegte, gewährte sie der HNA einen Einblick in ihre Arbeit im Landtag.

Hannover/Göttingen – Gabriele Andretta mag dieses Büro. Obwohl: Das Wort Büro wird diesem Raum nicht gerecht. Das einstige Zimmer der Prinzessin und Gattin von König Georg I. ist nach der Sanierung des Leineschlosses, dem Sitz des Landtags Niedersachsen, ein heller, moderner und repräsentativer Raum geworden. Mit prächtiger Aussicht.

Gabriele Andretta (SPD) hat hier seit 2017 gearbeitet. „Es war ein Privileg“, wie sie beim Blick aus den mächtigen Fenstern sagt. „Hier sollte die Leine-Welle geschaffen werden.“ Das hätte die Aussicht sicher noch einmal verschönert: Entspannen beim Blick auf „athletische Surferkörper“, lacht Andretta.

Landtag Niedersachsen: Präsidentin Gabriele Andretta (SPD) aus Göttingen legt ihr Amt nieder

Das war es: Dr. Gabriele Andretta (SPD) – seit 2017 und bis heute Landtagspräsidentin packt ihre Sachen im Leineschloss in Hannover. Die Sozialdemokratin aus Göttingen saß seit 1998 im Parlament.
Das war es: Dr. Gabriele Andretta (SPD) – seit 2017 und bis heute Landtagspräsidentin packt ihre Sachen im Leineschloss in Hannover. Die Sozialdemokratin aus Göttingen saß seit 1998 im Parlament. © Thomas Kopietz

Die Landtagspräsidentin hat in den vergangenen Wochen ihre persönlichen Dinge eingepackt – in Umzugskartons, vor allem Bücher, aber auch ein paar Deko-Accessoires, Geschenke. Leicht ist ihr der Abschied nicht gefallen, obwohl sie mit einem Seitenblick auf die Büste von Dorothea Schlözer (ein Geschenk der Ex-Göttinger Uni-Präsidentin Beisiegel) sagt: „Es ist für mich eine gute Zeit zu gehen, um Jüngeren Platz zu machen.“

Dieses Amt ist ein Privileg. Ich habe es geliebt.

Gabriele Andretta

Sicher, Andretta, die Dauer-Siegerin im Wahlkreis Göttingen, hätte vermutlich gerne auch einmal einen Ministerposten innegehabt. Das passte aber aus verschiedenen Gründen nicht, auch, weil das gewünschte Wissenschaftsressort 2013 an die Grünen ging. Sie wurde zunächst Vize-, dann 2017 Präsidentin des Landtags. War das nur ein Trostpreis? Keineswegs. Sie habe dieses Amt geliebt und gelebt, wie sie mit Begeisterung in der Stimme und großen Augen sagt.

Präsidentin Andretta war immer im Austausch mit jungen Menschen

Enthusiasmus und Begeisterung halfen, Spuren zu hinterlassen im Landtag: Gabi Andretta hat das Haus geöffnet, in besonderem Maße für junge Menschen und Frauen. „Wir sprechen immer von gelebter Demokratie, dann müssen wir auch entsprechend handeln.“ Dazu gehöre es, die Transparenz des Systems, des Parlaments zu zeigen.

Demokratie muss gelernt werden. Gelingt das, dann werden sich die jungen Menschen später dafür einsetzen.

Gabriele Andretta

„Demokratie muss gelernt werden. Gelingt das, dann werden sich die jungen Menschen später dafür einsetzen.“ Das Jugendprogramm war vielfältig wie einfallsreich: Debattierwettbewerb, Poetry Slam, Verfassungskonzert, Diskussionen, Kinderkonferenzen – wann immer möglich, hat die Präsidentin junge Menschen eingeladen.

„Das hat mir sehr große Freude bereitet.“ Die Präsidentin hat sich als Werberin für die Demokratie, ja als Nachwuchsförderin verstanden, die nebenbei auch den Social-Media-Auftritt massiv hat verändern lassen.

Stichwort Transparenz: Dafür steht der von Architekt Dieter Oesterlen gestaltete helle, moderne, dank viel Weiß und Glas offen wirkende neue Plenarsaal, der 2017 perfekt zu der neuen Präsidentin Gabi Andretta passt. Klar, dass diese ihn „sehr, sehr mag“ – und das nicht nur, weil er jedem Parlamentarier den Blick auf den „Platz der Göttinger Sieben“, benannt nach den freiheitsliebenden Professoren, ermöglicht, auch ein visueller Appell ist.

Gabi Andretta wurde in Morbach geboren – Studium in Göttingen

Als Handwerker nach der Landtagswahl die Sitze im Saal umbauten, schaute die „Chefin“ natürlich vorbei. Zwar ging sie Anfang November, aber bis dahin war sie die Haus-Chefin und wollte nichts dem Zufall überlassen. Sie trat ans Rednerpult, fuhr dieses komplett hinunter: „Seht Ihr, das passt wunderbar, wenn hier unser erster Rollstuhlfahrer im Parlament, Constantin Grosch, sitzen wird.“

Dann setzte sich die Landtagspräsidentin noch links vom Rednerpult auf einen Platz, den ein Schild für „Stephan Weil“ reserviert. „Steht mir auch, oder?“, fragte sie keck, und ihr Pfälzer Dialekt klang dabei an. Dort wurde sie am 7. März 1961 in Morbach geboren. 1980 führte sie der Weg zum Studium der Sozialwissenschaften nach Göttingen, wo sie promovierte und Wurzeln schlug, die SPD nachhaltig prägte – mit Thomas Oppermann wurde sie zur Dauer-Wahlsiegerin.

Geliebter Arbeitsplatz: Gabi Andretta an der Regierungsbank, dahinter ihr Ex-Arbeitsplatz.
Geliebter Arbeitsplatz: Gabi Andretta an der Regierungsbank, dahinter ihr Ex-Arbeitsplatz. © Thomas Kopietz

Gabriele Andretta ist, wie es auch Oppermann war, eine überzeugte Demokratin. Das Landesjubiläum nutzte sie deshalb auch, um an die Zerbrechlichkeit und die Stärken der Demokratie zu erinnern. „Wir wollten keine Jubelfeier inszenieren, sondern auch über die Herausforderungen der Demokratie sprechen“, erzählt sie. „Wir müssen die herausragende Fähigkeit der Demokratie erhalten, sich immer wieder zu wandeln. Dazu müssen wir Prozesse und Strukturen stets hinterfragt – und die Offenheit des Parlaments zeigen.“

Landtagspräsidenten zeigte keine Berührungsängste gegenüber Andersdenkenden

Dieses Parlament wollte Andretta stets funktionsfähig halten, auch in der Pandemie. Die Anweisung an alle Mitarbeiter, sich impfen zu lassen, brachte ihre Medienkritik und öffentlichen Shitstorm. „Das hat wehgetan“, sagt Andretta. Aber für die Präsidentin „gab es keine andere Wahl. In einer Demokratie muss das Parlament immer funktionieren“.

Dass dort trotz aller Streitereien ein von Respekt geprägtes Arbeitsklima herrscht, auch das war ein zentrales Anliegen für die Landtagspräsidentin Andretta. Neutrale Beobachter wie der langjährige Berichterstatter Peter Mlodoch bescheinigen ihr, dass ihr das gelungen sei, auch dank eines offenen Wesens und nicht vorhandener Berührungsängste gegenüber Andersdenkenden.

Stolz ist die Ex-Präsidentin, dass so einiges bleiben wird. Auch die „wesentlich besseren Bedingungen für die Frauen im Parlament und Landtag“. Andretta, die einst ihre beiden Kinder noch auf Provisorien wickeln musste, hat viel erkämpft: Räume zum Wickeln und Stillen, auch eine Landtagskita gibt es. „Damit Frauen den Beruf im Landtag und der Politik besser vereinbaren können. Diesbezüglich sind wir viel weiter, als 1998.“

Dann zeigt die 61-Jährige auf die „Niedersachsen-Treppe“ am Ende der lichten Portikushalle: „Ist sie nicht wunderbar?!“ Die Treppe ist freitragend, zeigt eine Leichtigkeit und doch Stabilität. So sollte das Parlament, ja die Demokratie sein – nicht nur nach Ansicht von Gabi Andretta, die nun für die Wissenschaft arbeiten will. (tko)

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