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Grafiken und Daten: Sieben Erkenntnisse der Niedersachsen-Wahl

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Von: Luisa Billmayer, Philipp David Pries, Marie Ries, Nils Tillmann

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Die Niedersachsen-Wahl hat viel mehr zu bieten als einen siegreichen SPD-Kandidaten: Unsere Datenanalyse zeigt sieben unerwartete Erkenntnisse in Grafiken.

Ein Kandidat, dem niemand das Wasser reichen kann. Eine Gemeinde im Hamburger Speckgürtel, die die Fahne der FDP hochhält. Und eine hauchdünne Mehrheit, bei der bereits wenige Fußballmannschaften einen Unterschied gemacht hätten. So vielfältig ist der nähere Blick auf die Wahl in Niedersachsen. Das Datenjournalismus-Team von IPPEN.MEDIA hat alle 941 Gemeinde- und 87 Wahlkreisergebnisse recherchiert und analysiert. Die Tiefenbohrung in den Ergebnissen zeigt sieben Fakten und Einsichten, die sich beim Blick hinter das Landesergebnis offenbaren.

Fakt 1: An Hartmut Moorkamp kommt niemand vorbei

Ein Text über extrem erfolgreiche Kandidaten kommt nicht ohne die Nennung von Hartmut Moorkamp aus. Mit 53,3 Prozent erreichte der CDU-Politiker in Papenburg den größten Stimmenanteil überhaupt. Und nicht nur das: Mit einem Abstand von über 16.000 Stimmen zur SPD-Kandidatin Karin Pauls siegte Moorkamp zudem mit dem deutlichsten Abstand zum Zweitplatzierten. Und es geht mit Moorkamp weiter: Auch auf Gemeindeebene erzielte er die höchsten Siege bei der Landtagswahl. So holte er in seiner Heimatgemeinde Rastdorf gar 82,4 Prozent der Wählerstimmen. An ihm führte bei dieser Landtagswahl kein Weg vorbei.

Fakt 2: In welchen Wahlkreisen die Mehrheit verloren ging

Auch bei Landtagswahlen ist inzwischen oft der einzelne Kandidat entscheidender als dessen Partei. Und wenn die Menschen in einem Wahlkreis unzufrieden sind, wählen sie oft bei der folgenden Wahl etwas anderes. Umso interessanter ist deswegen ein Blick auf die Karte der Swing States - also die Wahlkreise, bei denen es einen Wechsel bei der Mehrheit gab. In unserer Analyse sind etwa Verluste der niedersächsischen CDU im Vergleich zu 2017 klar zu erkennen. Unsere Karte zeigt außerdem für Erst- und Zweitstimmen, welche Wahlkreise die Christdemokraten an die SPD verloren haben. Und das sind durchaus einige.

Fakt 3: Auf den Inseln ticken die Uhren anders

Auf Spiekeroog kann man echtes Inselglück erleben, schreibt die Gemeinde auf ihrer Website. Echtes Glück erlebten hier bei den Wahlen aber vor allem Parteien, die auf den anderen Inseln wenig punkten konnten. Spiekeroog - die Insel, auf der die Grünen fast 25 Prozent der Stimmen holten. In der die FDP anteilig fast doppelt so viele Stimmen holte wie im Landesschnitt.

Oben beschriebenes Inselglück gibt es womöglich auch bei der zweiten Insel, die aus den insularen Wahlergebnissen hervorsticht. Auf Baltrum haben die Menschen als einziges der CDU zu einer Stimmenmehrheit verholfen. Das liegt aber nicht an einer starken CDU, die im Vergleich zu 2017 sogar noch nennenswert verloren hat. Sondern an einer schwächelnden SPD. Passt all das noch zu Baltrum, das insgesamt doch ziemlich nah am Landesergebnis ist? Wo laut Website „die Uhren anders ticken“? Immerhin kann sich Baltrum damit rühmen, dass hier nur 92 Personen pro Quadratkilometer leben. Damit kann Hannover mit 2600 Einwohnern auf der gleichen Fläche nicht mithalten. Und mit dem echten Inselglück auch nicht.

Fakt 4: Spitzenkandidaten sind besser als ihr Landesergebnis

Wie haben die Spitzenkandidaten in ihren eigenen Wahlkreisen abgeschnitten? Allesamt waren sie dort besser als im Landesdurchschnitt. Den größten Vorsprung erreichte Julia Willie Hamburg in Hannover-Mitte. Die grüne Spitzenkandidatin erhielt 35,5 Prozent der Stimmen - und damit satte 21,1 Prozentpunkte mehr als der grüne Landesdurchschnitt bei den Erststimmen. Andere konnten jedoch weniger punkten, Spitzenkandidat hin oder her.

Fakt 5: Neue AfD-Hochburgen und einsame FDP-Gemeinden

Die fünf stärksten Gemeinden der CDU sind zugleich auch die fünf schwächsten der SPD. Die geografische Verteilung der Parteihochburgen spricht ebenfalls eine klare Sprache. Die Grünen haben bei der Landtagswahl in Niedersachsen vor allem in den Städten wie Göttingen, Hannover und Lüneburg gepunktet. Die CDU hingegen hat in vielen kleinen ländlichen Gemeinden die Wählerschaft überzeugt: In den 50 Gemeinden mit den höchsten CDU-Stimmanteilen wählten durchschnittlich jeweils weniger als 1000 Menschen. Bei der SPD finden sich die größten Hochburgen in Ostfriesland. Gemeinden wie Sande, Hinte und Hage sind vermutlich noch nicht einmal im gesamten Bundesland bekannt. Doch solche Gemeinden sind es, die in der Summe zum Sieg von Stephan Weils SPD beigetragen haben.

Bei den AfD-Ergebnissen fällt eine andere Dynamik auf: In den 20 stärksten Gemeinden der AfD hat diese im Vergleich zur vorherigen Landtagswahl im Schnitt jeweils erheblich und mehr als 15 Prozentpunkte hinzugewonnen. Die Linke hingegen blieb landesweit deutlich unter der Fünf-Prozent-Hürde - und schaffte es auch in den Gemeinden nur in 17 Fällen darüber hinaus. Immerhin ein Lichtblick aus linker Sicht: Im südlich von Lüneburg gelegenen Melbeck kam die Partei fast in den zweistelligen Bereich.

Anders setzte sich die Wahlniederlage der FDP zusammen. Während die Liberalen auch in mehr als der Hälfte aller Gemeinde weniger als fünf Prozent der Zweitstimmen erhielten, erzielten sie andernorts in Ausnahmefällen teils starke Ergebnisse. In Bendestorf im Hamburger Speckgürtel beispielsweise entschied sich fast ein Fünftel der Wähler für die FDP. Dafür reichte es im ländlich geprägten Schnackenburg im Osten des Landes nur für eine einzige Stimme.

Fakt 6: Eindeutige Siege und Kopf-an-Kopf-Rennen

Knapp, knapper, am knappsten: In einigen Wahlkreisen haben nur sehr wenige Stimmen über den Einzug in den Landtag entschieden. Am engsten sah es im Kreis Ammerland aus: Gerade einmal 61 Personen sicherten Björn Meyer (SPD) den Einzug in den Landtag. Bei rund 50.000 gültigen Stimmen ein hauchdünner Vorsprung zum CDU-Kandidaten Jens Nacke. Außerdem zeichnete sich bei dieser Wahl ab, dass die CDU etwas deutlicher gewonnen hat als die SPD. Wenn sie gewonnen haben, sicherten sich die CDU-Direktkandidaten im Schnitt 39,9 Prozent der Stimmen. Die SPD liegt mit 37,1 Prozent dahinter.

Fakt 7: Rot-grüne Koalition nicht überall beliebt

Die derzeit wahrscheinlichste Koalition aus SPD und Grünen vereint in den Gemeinden erstaunlich selten mehr als 50 Prozent der Stimmen. Dies gilt gerade einmal für 173 der 941 Gemeinden. Doch schaut man auf die dort jeweils lebende Bevölkerung, wird das Bild klarer: Unter den erwähnten Städten sind mit Hannover, Braunschweig und Oldenburg viele der bevölkerungsreichsten des Landes.

Den stärksten Zuspruch aller Gemeinden erhielt übrigens Rot-Grün in Hann. Münden, wo die beiden Parteien zusammengenommen mehr als 80 Prozent der Wählerschaft überzeugten. Dagegen entschieden sich in zwei Dutzend Gemeinden nur weniger als ein Viertel für Grüne oder SPD. Diese liegen zum größten Teil im konservativ geprägten Emsland. Am wenigsten wurde Rot-Grün in der Gemeinde Firrel im Landkreis Leer gewählt. Dort wurde die SPD zur drittstärksten Kraft hinter CDU und AfD. Die Grünen lagen dort mit nur 2,9 Prozent der Zweitstimmen sogar noch hinter der FDP.

Transparenz: Unsere Daten, Quellen und Methoden

Jedes der Tausenden Ergebnisse in unseren interaktiven Karten stammt aus offiziellen Quellen. Bei den Gemeinden haben wir eine Vielzahl von Quellen berücksichtigt: Darunter sind einzelne Städte, Samtgemeinden und Gemeinden genau so wie Votemanager, IVU.Elect und bei Bedarf auch die Recherche vor Ort. Nicht jede Gemeinde hat einen eigenen Briefwahlbezirk. In diesem Falle wird das Gemeindeergebnis ohne Briefwahlstimmen ausgewiesen, da die Stimmen nicht zuverlässig zugeordnet werden können.

Wahlergebnisse auf Gemeindeebene sind einzeln nicht entscheidend darüber, welcher Kandidat in den Landtag einzieht. Diese Betrachtung schafft jedoch eine viel tiefere Betrachtungsebene, als dies der alleinige Blick auf die Wahlkreise könnte. Wir haben in diesem Text deswegen beide Ergebnisebenen betrachtet. Alle diese Daten haben wir mit statistischen Methoden analysiert und visualisiert. Anregungen, Hinweise und Ideen jederzeit sehr gerne an daten@redaktion.ippen.media

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