1. Startseite
  2. Niedersachsen

Die Sorgen stehen auf Bierdeckeln: Ministerpräsident Weil auf Tour

Erstellt:

Von: Peter Mlodoch

Kommentare

Die Landtagswahl in Niedersachsen rückt näher, am 9. Oktober entscheiden die Wähler über den nächsten Ministerpräsidenten. Der amtierende Stephan Weil macht derweil Wahlkampf.

Bad Salzdetfurth – In der von der Polizei abgesperrten Marktstraße patrouillieren drei als riesige Zuckerrüben verkleidete Männer; der Spielmannszug des Bergmannsvereins „Glück auf“ sammelt sich hier in der Fachwerk-Altstadt von Bad Salzdetfurth in Niedersachsen für seinen Auftritt. Auf dem Platz vor dem Hotel „Kronprinz“ überwiegt die Farbe Rot.

Rote Bänke, rote Tische, rote Papphocker, rote SPD-Banner, rote Kugelschreiber. Und vor allem rote Bierdeckel. „Auf ein Wort“ steht dort groß auf der Vorderseite; hinten kann man seinen Namen drauf schreiben und eine Frage an den amtierenden Ministerpräsidenten Stephan Weil loswerden.

Landtagswahl Niedersachsen: Ministerpräsident Stephan Weil will wiedergewählt werden

Auf ein Wort: Dieses Veranstaltungsformat von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) kam auch im Wahlkampf in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim gut an.
Auf ein Wort: Dieses Veranstaltungsformat von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) kam auch im Wahlkampf in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim gut an. © Peter Mlodoch

„Auf ein Wort“ – mit diesem bereits 2017 erfolgreich erprobten Format zieht der SPD-Spitzenkandidat auch dieses Mal wieder auf etlichen Veranstaltungen durch das ganze Land. Fast täglich ist Weil mit solchen direkten Gesprächen im Einsatz, an manchen Tagen gleich mehrmals – neben den laufenden Regierungsgeschäften.

„Am fehlenden Fleiß wird es nicht liegen“, scherzt der Ministerpräsident mit Blick auf seinen erhofften dritten Wahlsieg in Folge. In dem 13.000-Einwohner-Kurort im Landkreis Hildesheim geht das Konzept am späten Nachmittag offensichtlich erneut auf. Als Weil mit dem SPD-Kleinbus eintrifft, stoppt – wie bestellt – schlagartig der Nieselregen.

Der Ministerpräsident stellt sich direkt vor die dort sitzenden und stehenden etwa 150 Menschen, sagt zur Begrüßung einige einleitende Sätze über die „schwierige Lage, wie wir sie noch nie hatten“, gesteht eigene Fehler in der Corona-Pandemie ein. „Jetzt kommt es darauf an, dass aus der Energiekrise keine soziale Krise wird.“ Der erste Applaus der Zuschauer, darunter natürlich viele Genossen, ist dem Wahlkämpfer da sicher.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) auf großer Wahlkamptour

Bei Moderatorin Lea Karrasch hat sich längst ein großer Stapel Bierdeckel angesammelt. Sie sortiert die Fragen nach Themenbereichen. Es geht zunächst um Hausärztemangel, Impfzwang, Maskenpflicht, Inklusion, Unterrichtsausfälle, Hochwasserschutz, Radwege.

Stephan Weil
Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil spricht während einer Pressekonferenz. © Michael Matthey/dpa/Archivbild

Wenn es zu lokalspezifisch wird, gibt Weil an den örtlichen Landtagsabgeordneten Markus Brinkmann ab; ansonsten liefert er detailreich Auskünfte, weicht auch heftiger Kritik nicht aus. Die Antworten des Wahlkämpfers gefallen natürlich nicht jedem, hier und da wird auch Widerspruch laut. Krakelende Querdenker wie anderenorts machen sich hier in der Provinz allerdings nicht bemerkbar.

Ich war dafür, den Tankrabatt fortzusetzen.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD)

In den anderthalb Stunden bekommt es der Spitzenkandidat vor allem mit dem Sorgen vor einem Blackout zu tun, mit der Angst vor explodierenden Energiepreisen. „Ich musste 140 Euro für meine letzte Tankfüllung bezahlen“, beschwert sich ein junger Mann per Bierdeckel. „Ich war dafür, den Tankrabatt fortzusetzen“, erwidert Weil. Jetzt sei er froh, dass auch Rentner die Energiepreispauschale von 300 Euro erhielten.

Seine Regierung werde dafür sorgen, dass auch die Versorgungsempfänger des Landes davon profitierten – unabhängig von der Höhe ihrer Bezüge. „Auch ich als Ministerpräsident habe es bekommen, obwohl ich es nicht gebraucht hätte.“ Aber es gehe hier um eine Gleichbehandlung aller.

Stephan Weil ist bei unmittelbarem Wählerkontakt in seinem Element

Beim unmittelbaren Wählerkontakt scheint der SPD-Landeschef in seinem Element zu sein. Hier kann er sich als schlagfertig, fachlich versiert und gleichzeitig ehrlich präsentieren. Als sich ein Mann in kurzer Hose und T-Shirt meldet, bittet der Ministerpräsident ihn kurzerhand nach vorn und hält ihm sein Mikrofon entgegen.

Der Zuschauer entpuppt sich als harter Impfgegner, berichtet davon, dass sich seine Frau als Kassiererin mit vielen Kundenkontakten genauso wie er selbst sich bislang nicht mit Corona angesteckt habe. Die Impfung mit ihren vielen Risiken sei da doch überhaupt nicht gerechtfertigt, behauptet der Mann.

Weil lächelt und kontert: „Wenn Sie eine so robuste Frau haben, kann ich nicht nur Ihrer Frau, sondern auch Ihnen herzlich gratulieren.“ Der Mann geht völlig verdutzt und ganz friedlich zu seinem Platz zurück. (Peter Mlodoch)

Auch Die Linke will in den Landtag einziehen, wie Spitzenkandidatin Kaußen im Interview verrät. Die Grünen-Spitzenkandidatin und -Fraktionsvorsitzende im niedersächsischen Landtag Julia Willie Hamburg fordert im Interview einen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket. Die CDU Niedersachsen fordert, Polizeiautos künftig mit Dashcams auszurüsten.

Auch interessant

Kommentare