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Leben in Niedersachsen: Kinder aus der Ukraine berichten

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Neues Land und neue Sprache: Die Lehrerin Hilde Uffelmann (stehend) spricht beim Unterricht in einer Sprachlernklasse mit ukrainischen Schülerinnen und Schülern.
Neues Land und neue Sprache: Die Lehrerin Hilde Uffelmann (stehend) spricht beim Unterricht in einer Sprachlernklasse mit ukrainischen Schülerinnen und Schülern. © Friso Gentsch/dpa

Mehr als 20 000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sind in Niedersachsen untergekommen. Sie berichten über ihren neuen Alltag.

Osnabrück – Hilde Uffelmann steht vor der Klasse und zeigt auf die Zeichnung eines Adventskranzes, die an der Tafel hängt. Die dreizehnjährige Yelizavieta – kurz Lisa genannt – hat gerade erklärt, dass vor Weihnachten jeden Sonntag eine weitere Kerze angezündet wird.

„Das hast du sehr gut gemacht, Lisa, bravo“, lobt die Lehrerin das Mädchen. Lisa und einige andere Schülerinnen und Schüler kommen aus der Ukraine und sind vor einigen Monaten nach Deutschland gekommen. Im Moment haben sie Unterricht in einer Sprachlernklasse, um schnell die Grundlagen des Deutschen zu lernen. „Sie sollen in der Sprache geboostert werden“, sagt Anton Klemm, kommissarischer Leiter der Möser-Realschule am Westerberg in Osnabrück.

Land Niedersachsen rechnet mit weiteren Flüchtlingen aus der Ukraine

In Niedersachsen allein sind seit Kriegsbeginn rund 21 300 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine an den Schulen aufgenommen worden, heißt es aus dem Kultusministerium. Die Zahlen hätten sich seit September nicht mehr grundlegend verändert.

Aber das Land schließt nicht aus, dass im Laufe des Winters wieder mehr Menschen aus der Ukraine fliehen könnten und dass damit auch die Zahl der ukrainischen Schülerinnen und Schüler steigen könnte.

Ukrainische Schüler: Verständigung klappt gut

Die Aufnahme der Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine sei relativ unbürokratisch möglich gewesen, sagt Klemm. Inzwischen sind 17 Schülerinnen und Schüler aus dem kriegsgeschüttelten Land an seiner Schule.

Die Verständigung klappe ganz gut. An seiner Schule sprechen einige Lehrer Russisch, und auch Schülerinnen und Schüler aus Russland oder Bulgarien können übersetzen – die Sprachen sind sich sehr ähnlich. Außerdem habe sich die Übersetzungsfunktion der Schultablets als sehr praktisch erwiesen – für Lehrer und für die Schüler.

Die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine bekommen die Gräuel des Krieges jeden Tag mit. Nicht nur aus dem Fernsehen oder dem Internet – sie telefonieren täglich mit ihrer Familie. Teils sind die Väter dort oder die Großeltern. Auch ihre Freunde mussten einige von ihnen zurücklassen.

Kinder und Jugendliche aus Ukraine haben Angst

„Mir geht es gut“, sagt dennoch der 16-Jährige Samir, der aus Kiew kommt. Er ist mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder nach Deutschland geflohen, einen Monat nach dem Beginn des russischen Kriegs in der Ukraine.

Hat er Angst? „Er hat ganz große Angst, weil dort noch seine Oma und sein Opa wohnen“, übersetzt Natalie Willer. Die Mathe- und Religionslehrerin spricht Russisch, weil sie im Alter von fünf Jahren aus Russland nach Deutschland kam. Jetzt unterrichtet sie mit in der Sprachlernklasse.

Samir erzählt, dass er sich gut in Deutschland eingelebt und schon Freunde gefunden habe. Er würde gerne hier leben und arbeiten. Sein Lieblingsfach ist Kunst, seine Hobbies sind Zeichnen, Spazierengehen, Fahrradfahren und Musik. Nach Ende der Schule möchte er gerne Automechaniker werden. Deutsch zu lernen falle ihm ein bisschen schwer.

Sehnsucht und Angst: Elternteile teilweise noch in der Ukraine

Seine Klassenkameradinnen Alisa und Lisa kommen aus der Nähe von Odessa. Beide sind seit sieben Monaten in Deutschland. Die 15-jährige Alisa ist mit ihrer Mutter, ihrem Vater und zwei jüngeren Brüdern nach Osnabrück gekommen. Auf die Frage, ob sie sich hier wohl fühle, sagt sie, dass sie gerade verwirrt sei. Sie wisse nicht, ob sie zurück wolle oder nicht, weil es in der Heimat gerade „diese Situation“ gebe. Das Wort Krieg vermeidet sie. In Osnabrück gefalle es ihr, weil sie hier Freunde gefunden habe. Und auch die Landschaft und Natur gefalle ihr hier gut.

Lisa ist 13 Jahre alt und mit ihrer Mutter und Großmutter nach Deutschland gekommen. Ihr Vater ist noch in der Heimat. Auf die Frage, ob sie Angst um ihren Vater habe, kommt ein einfaches „Ja“. Sie telefoniert jeden Tag mit ihm. Sie habe schon Freunde gefunden. Deutsch lernen sei „manchmal schwer“. Ihr Lieblingsfach sei Mathematik – das sei auch ihr Hobby, neben Comics.

Der Krieg in ihrer Heimat hat die Kinder und Jugendlichen traumatisiert. „Wenn man sie direkt darauf anspricht, hat man das Gefühl, dass sie Tränen in den Augen kriegen“, hat Natalie Willer beobachtet.

Auf dem Schulhof: Streitigkeiten zwischen russischen und ukrainischen Kindern

Aber die Schule und der Unterricht seien eine gute Ablenkung. „Sie sind wirklich sehr konzentriert, sehr auf den Inhalt der Unterrichtsstunde fokussiert, sind fleißig, melden sich, soweit sie können – da merkt man das nicht so.“ Schulleiter Klemm rechnet aber damit, dass es künftig Situationen geben werde, in denen die Kinder auch psychologisch betreut werden müssen. Dann setze er auf die psychologischen Hilfen, die der Schulträger und das Land anbieten und dass entsprechende Fachkräfte bereitstehen. Und er betont: „Lehrer sind keine Psychologen.“

Streitigkeiten unter russischen und ukrainischen Schülern wegen des Krieges habe es bislang nicht gegeben, sagen Klemm und Willer. „Im Gegenteil – die russischen Kinder freuen sich, dass sie mit den ukrainischen Kindern reden können“, sagt Willer. Dazu beigetragen habe sicherlich auch, dass im Politik- und Geschichtsunterricht das Thema sensibel aufbereitet worden sei.

Landesweit gesehen habe es in Einzelfällen schon politische Streitigkeiten auf den Schulhöfen gegeben, sagte der Ministeriums-Sprecher. In diesen Fällen hätten die Lehrkräfte dem entgegentreten müssen. Im Großen und Ganzen sei aus Sicht des Landes aber eine respektable Bilanz zu ziehen: „Dafür gilt es den Schulleitungen und Lehrkräften, Schülern und den kommunalen Schulträgern zu danken, die eine hohe Solidarität und Aufnahmebereitschaft zeigen.“  (lni)

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