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Diskussionen um geplante „Y-Trasse“ zwischen Hamburg und Hannover

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Von: Peter Mlodoch

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Die Politik ist sich uneins, ob die Bahntrasse zwischen Hamburg und Hannover erweitert oder neu gebaut werden soll. Hier die Gründe der Diskussion.

Hannover – Über einzelne Begriffe wie „bestandsnaher Ausbau“ lässt sich ebenso streiten wie über große Projektnamen wie „Optimiertes Alpha E plus Bremen“. Bröckelt in der niedersächsischen Landespolitik der bislang parteiübergreifende Widerstand gegen eine ganz neue Bahnstrecke zwischen Hamburg und Hannover? Also gegen die Rückkehr der höchst umstrittenen und scheinbar vor sieben Jahren endgültig begrabenen Y-Trasse?

Bin Ende des Jahres will die Deutsche Bahn AG ihre Varianten für ihr Schienennetz der Zukunft im Dreieck der drei norddeutschen Metropolen Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) vorlegen: bestandsnaher Ausbau der jetzigen ICE-Strecke von Hamburg nach Hannover, bestandsnaher Ausbau mit Ortsumfahrungen unter anderem der Städte Lüneburg und Uelzen sowie bestandsferner Neubau, für den es wiederum zwei Untervarianten gibt.

Diskussionen um geplante „Y-Trasse“ zwischen Hamburg und Hannover: 300 Kriterien für Veränderung

Die Deutsche Bahn will zwischen Hannover und Hamburg eine Fahrtzeit von 59 Minuten ermöglichen. Derzeit dauert eine Fahrt mit dem ICE auf der Strecke im günstigsten Fall 72 Minuten.
Die Deutsche Bahn will zwischen Hannover und Hamburg eine Fahrtzeit von 59 Minuten ermöglichen. Derzeit dauert eine Fahrt mit dem ICE auf der Strecke im günstigsten Fall 72 Minuten. © Stefan Rampfel

Die eine sieht eine Parallel-Trasse von der Hamburger Stadtgrenze entlang der Autobahn A 7 und der Eckverbindung A 352 zur A 2 vor. Die andere könnte ab Soltau entlang der Bundesstraße B 3 bis Celle führen.

Rund 300 Kriterien etwa zu Tempo, Wirtschaftlichkeit, Kosten-Nutzen-Analyse und Umweltaspekten sollen als Entscheidungsgrundlage für die Politik dienen. Anfang 2023 sollen die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Bürgerinitiativen wollen Ausbau, keinen Neubau

Geplante Bahntrassen: Die möglichen Korridore (hellgrüne Flächen; farbige Linien sind die grundlegend möglichen Trassenführungen: Ausbau der Bestandsstrecke (blau), Ausbau der Bestandsstrecke mit Umgehungsstrecke für Städte (gelb); Neubaustrecke komplett entlang der Autobahn A 7 (dunkelrot); Neubaustrecke entlang der A 7 und der Bundesstraße B 3 (rosa). GRAFIK: DB/nh
Geplante Bahntrassen: Die möglichen Korridore (hellgrüne Flächen; farbige Linien sind die grundlegend möglichen Trassenführungen: Ausbau der Bestandsstrecke (blau), Ausbau der Bestandsstrecke mit Umgehungsstrecke für Städte (gelb); Neubaustrecke komplett entlang der Autobahn A 7 (dunkelrot); Neubaustrecke entlang der A 7 und der Bundesstraße B 3 (rosa). GRAFIK: DB/nh © Privat

Mehr als zwei Dutzend Bürgerinitiativen sind in den von möglichen Neubauten betroffenen Kommunen bereits jetzt aktiv. Sie nennen sich „unsYnn“ „Trassenwahn“, „Y-Monster“ oder „Raumwiderstand“.

Sie fühlen sich verraten: Eine ganz neue Trasse widerspreche dem 2015 erzielten Ergebnis des „Dialogforums Schiene Nord“, in dem sich Vertreter von Bahn, Land, Kommunen und Anwohnern eindeutig für den reinen Bestandsausbau geeinigt hätten.

Niedersachsen ist nicht nur Transitland für durchdonnernde Fernzüge, sondern hat eigenständige Bedürfnisse.

Detlev Schulz-Hendel, Fraktionschef (Grüne)

Rückendeckung erhalten sie von Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD), der sich ganz klar für „Ausbau statt Neubau“ ausspricht. „Die Idee der Y-Trasse hat schließlich 30 Jahre lang nicht funktioniert, und es wurde nicht ein Meter Strecke gebaut.“

Grüne können sich Neubau der Y-Trasse vorstellen

Beim Koalitionspartner hört sich das inzwischen etwas anders an. Die Grünen können sich eine neue Trasse zusätzlich zum Bestandsausbau vorstellen, sollte dieser nicht ausreichen. „Niedersachsen ist nicht nur Transitland für durchdonnernde Fernzüge, sondern hat eigenständige Bedürfnisse“, erklärt Landtagsfraktionschef Detlev Schulz-Hendel. Man müsse die Situation für Pendler verbessern und dürfe Lüneburg, Uelzen und Celle nicht vom Fernverkehr abkoppeln. Schon aus diesem Grund brauche es den Ausbau im Bestand.

Kann sich eine neue Trasse vorstellen: Detlev Schulz-Hendel, Fraktionschef der Grünen.
Kann sich eine neue Trasse vorstellen: Detlev Schulz-Hendel, Fraktionschef der Grünen. © Moritz Frankenberg

„Wir wollen so viel Verkehr wie möglich auf die Schiene holen“, betont der Grüne. „Wenn die Prognosen sagen, dass ein Bestandausbau dafür nicht ausreicht, müssen wir uns fragen, was es dann zusätzlich braucht.“

Bahn AG: Y-Trasse als Aus- oder Neubau möglich

Von der Bahn AG heißt es, dass sie selbst eine Neubaustrecke präferiere. Offiziell hält sich der Staatskonzern bedeckt. „Die Planungen der Deutschen Bahn zum notwendigen Kapazitätsausbau laufen ergebnisoffen und entsprechen damit den klar definierten gesetzlichen Vorgaben für die Planungs- und Bewertungsverfahren“, betont ein Sprecher.

Gleichzeitig verweist er allerdings auf die Ziele des mehr als 400 Streckenkilometer umfassenden Vorhabens. Das „Optimierte Alpha E plus Bremen“ solle nicht nur mehr Verkehr auf die umweltfreundliche Schiene bringen. Sondern auch zwischen Hamburg und Hannover den Deutschlandtakt mit einer Fahrzeit von 59 Minuten ermöglichen.

Derzeit braucht ein ICE im günstigsten Fall dafür 72 Minuten. Diese Zeitersparnis, sagen viele Experten, sei aber nur mit einer – rund 30 Kilometer – kürzeren Neubaustrecke zu erreichen.

Mehr Befürworter für Neubau der Bahn-Trasse

So wächst die Zahl der Befürworter der A 7-Lösung. Hamburgs grüner Umweltsenator Anjes Tjarks, glühender Fan der neuen Tempotrasse, bekommt Schützenhilfe vom Reisenden-Lobbyverein Pro Bahn und dem Deutschen Bahnkundenverband. Der vor sieben Jahren erzielte Kompromiss zählt für sie und den Verkehrsclub Deutschland (VCD) nicht.

Die Interessen der Fahrgäste, der Güterkunden und der Anwohner der Bestandstrecken seien damals unzureichend berücksichtigt worden, meint VCD-Mann Martin Mützel. „Dadurch wurde eine Variante mit zu geringer Leistung entwickelt. Leider ist Physik nun einmal keine demokratische Veranstaltung.“ (ymp)

Verwandte Themen: Zum Fahrplanwechsel verspricht die Bahn neue Verbindungen und engere Taktungen. Die Unfälle an Bahnübergängen häufen sich – auch in der Region Göttingen: In einem offenen Brief an die Deutsche Bahn werden nun Schranken gefordert.

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